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Der Schatten des Sunny-Boys

Von Caspar Busse, Handelsblatt
Thomas Haffa hat mit EM.TV abgeschlossen. Jetzt aber will ihn seine alte Firma verklagen und fordert Millionen. ?Das hat mich extrem überrascht?, sagt Haffa dem Handelsblatt.
MÜNCHEN. Seiner Vergangenheit kann Thomas Haffa nicht entrinnen. Am Donnerstagabend vergangener Woche erreichte den 52-Jährigen telefonisch mal wieder eine ziemlich unangenehme Nachricht: Die Medienfirma EM.TV will von ihm, seinem Bruder Florian und weiteren ehemaligen Vorständen und Aufsichtsräten des ehemaligen Senkrechtstarters am Neuen Markt insgesamt 130 Millionen Euro haben. Wahrscheinlich bis September werde man Klage beim Landgericht München einreichen, kündigt EM.TV-Anwalt Stefan Rützel an.?Das hat mich extrem überrascht?, sagt Haffa am nächsten Tag dem Handelsblatt. Die EM.TV-Anwälte werfen ihm und seinen damaligen Mitstreitern vor, beim milliardenschweren Einstieg in die Formel 1 im Jahr 2000 ihre Sorgfaltspflichten verletzt zu haben, und fordern deshalb jetzt Schadensersatz in Millionenhöhe. So haben es Vorstand und Aufsichtsrat der Medienfirma nach langen Beratungen beschlossen.

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Die amtierenden EM.TV-Manager wollten offenbar nur ihr Mismanagement kompensieren und auf andere Art und Weise an Geld kommen, schimpft Haffa. Die Vorwürfe entbehrten jeder Grundlage, der Vorgang sei absolut unverständlich. Und er übt sich zugleich in Optimismus: ?Ich sehe dem extrem gelassen entgegen.? Alles unter Kontrolle, heißt wohl sein Motto.Das neue Verfahren kommt für Haffa aber zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Denn gerade arbeitet der ewige Sunny-Boy mit den blauen Augen an einer neuen Existenz. Erst in der vergangenen Woche stieg er zusammen mit weiteren Investoren aus München bei der Kögel Fahrzeugwerke AG in Ulm ein. Der renommierte Hersteller von LKW-Anhängern und -Aufbauten musste Anfang des Jahres Insolvenz anmelden. Haffa und Co. wollen die Firma wieder aufpäppeln. Zudem betreibt er am Münchener Flughafen das Luftfahrtunternehmen Air Independence, das Firmenjets an Geschäftskunden vermietet.Leo Kirch entdeckt schon 1979 das Verkaufstalent Haffas. Später sagte der Medienmogul: ?Er war ein enger Mitarbeiter und ein guter Freund.? Mit Unterstützung seines einflussreichen Mentors macht er sich 1989 zusammen mit seinem Bruder Florian selbstständig. Ende Oktober 1997 geht EM.TV an die Börse und wird zum Synonym für den Rausch am Neuen Markt. Haffa ist obenauf, erst kauft er die Jim-Henson-Gruppe (?Muppets-Show?), dann die Formel 1 und träumt schließlich von einem neuen, deutschen Disney-Konzern. Auf dem Höhepunkt ist seine Beteiligung an EM.TV an der Börse sage und schreibe mehr als sechs Milliarden Euro wert. Haffa (Traumberuf: Zahnarzt) zeigt sich mit den Mächtigen dieser Welt, ob mit dunkler Sonnenbrille auf einer 35-Meter-Yacht vor Cannes oder im Polo-Shirt bei Formel-1-Rennen.Doch 2000 beginnt mit einer Gewinnwarnung der Sturz ins Bodenlose. Die Börsenblase platzt, das Kartenhaus stürzt zusammen. Auch Leo Kirch kann Haffa nicht mehr retten. Im Juli 2001 übernimmt schließlich der damalige Spiegel-Manager Werner Klatten die Führung der angeschlagenen Medienfirma ? und müht sich seitdem mehr schlecht als recht mit der Sanierung. Der Erfolg ist Haffa abhanden gekommen. Er taucht zunächst ab, ist enttäuscht und bekennt später in einem Interview über seinen eigenen Gemütszustand nach dem Aus: ?Der knallharte Kerl hat Rotz und Wasser geheult. Klar.?Doch sein Selbstvertrauen hat er bis heute behalten. ?Es gab eine irrationale Emotion im Markt, in diesem Geschäft, zu mir, zum Unternehmen, zur Börse?, erklärt er etwa in seinem Fernsehfilm über seine eigene Geschichte. Das Strafverfahren vor dem Landgericht München gegen ihn und seinen Bruder Florian, das im vergangenen Jahr mit einer saftigen Geldstrafe endete, nutzt er für eine umfangreiche Rechtfertigung. ?Ich bin Unternehmer und habe Risiken nie gescheut?, gibt er damals in seinem Schlussplädoyer zu Protokoll.Immerhin konnte Haffa aus den Wirren einen beträchtlichen Teil seines Vermögens retten. Daran ändern auch die vielen Klagen von enttäuschten Aktionären nichts. Wie viel es genau ist, wollte Haffa selbst vor Gericht nicht preisgeben. Genaues weiß man nicht, aber angeblich besitzt er Häuser in München, Kitzbühel, Mallorca, dazu eine teure Yacht. Schiffe sind bis heute seine Leidenschaft. Und ihm gehört auch noch immer die H-förmige, ?H für Haffa?, Firmenzentrale von EM.TV in Unterföhring, die er langfristig an seine frühere Firma vermietet hat.Sonst hat er mit EM.TV indes abgeschlossen. Erst im März hat er einen größeren Teil von EM.TV-Aktien verkauft. Seit dem jüngsten Umbau der Medienfirma hält er nur noch wenige Prozente. Sein Verhältnis zu Nachfolger Klatten galt ohnehin noch nie als gut. Nach den jüngsten Schadensersatzforderungen ist es wohl endgültig gestört. Das mögliche Gerichtsverfahren wird nach Einschätzung von EM.TV-Anwalt Rützel ein bis zwei Jahre in Anspruch nehmen.Klatten will dabei nicht nur gegen Haffa vorgehen. Auch gegen die früheren EM.TV-Vorstände Ulrich Goebel, heute Rechtsanwalt in München, und Hans-Peter Vriens sowie gegen die Ex-Aufsichtsräte Nikolaus Becker, Axel Kollar und Mathias Schwarz werden Ansprüche erhoben. Laut EM.TV gibt es für alle eine Haftpflichtpolice beim US-Konzern Chubb mit einer Deckungssumme von gut 102 Millionen Euro. Finanziell zumindest könnte Haffa also wieder weitgehend ungeschoren bleiben.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.07.2004