Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der sanfte Militär

Von G. Braune, K. Slodczyk, Handelsblatt
Wahrscheinlich hat er das in seiner langen Militärlaufbahn gelernt: die wichtigen Dinge nach Möglichkeit nicht übers Knie zu brechen, sondern sie korrekt zu erledigen und sich dafür Zeit zu nehmen. Mit dieser Eigenschaft hat Bill Owens zeitweise die gesamte Wall Street gegen sich aufgebracht.
BERLIN. Bereits drei Mal hat der Chef des kanadischen Telekomausrüstungskonzerns Nortel Termine nicht eingehalten, an denen er korrigierte Unternehmensbilanzen präsentieren wollte.Aber er würde es wieder genauso machen. ?Wenn ich die Wahl habe, ob etwas richtig oder schnell gemacht werden soll, dann würde ich mich stets dafür entscheiden, eine Sache ganz korrekt abzuwickeln?, sagt Owens heute.

Die besten Jobs von allen

Mit dieser etwas altmodischen Gründlichkeit passt der hoch gewachsene Mann mit der sonoren Stimme und dem grauen Haar eigentlich so gar nicht in die schnelllebige Telekomindustrie. Doch von ihm hängt die Zukunft des Riesen aus Kanada ab, der zu den großen Techniklieferanten für Konzerne wie die Deutsche Telekom zählt.Owens übernahm den Chefposten vor einem Jahr in einer schwierigen Phase. Nortel kämpfte ums Überleben, nachdem ein Bilanzskandal unter seinem Vorgänger Frank Dunn das Unternehmen erschüttert hatte. Vor allem Fehler beim Verbuchen von Rücklagen hatten zu falsch ausgewiesenen Finanzergebnissen geführt. Damit stand Nortel zum zweiten Mal seit dem Platzen der Internetblase am Abgrund.Inzwischen hat Owens zumindest die korrigierten Bilanzen für die Jahre 2001 bis 2003 vorgelegt. Aber der Geschäftsbericht für das vergangene Jahr, das erste unter seiner Leitung, steht immer noch aus. Außerdem muss er das Unternehmen wieder auf den Markt ausrichten, nachdem die Überprüfung der Bilanzzahlen Nortel lahm gelegt hatte. Daher werben die Kanadier dieses Jahr auch verstärkt auf der Cebit in Hannover, die heute beginnt, um das Vertrauen der Kunden.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Seine Berufung war eine ziemliche ÜberraschungSeine Berufung war eine ziemliche Überraschung. Der 64-Jährige ist erstens kein Kanadier, sondern US-Amerikaner. Und zweitens gehört er nicht zu den Veteranen der Telekomindustrie. Stattdessen hat er 34 Jahre seines Berufslebens zunächst bei der Marine und später beim US-Militär verbracht. Am Schluss schaffte er es zu dem zweithöchsten Rang der Hierarchie.Owens kommandierte während des Kalten Krieges in der Nähe des Nordpols Atom-U-Boote, die für einen möglichen Nuklearkrieg in Stellung gebracht wurden. Mit 130 Mann 70 Tage lang unter Wasser zu sein, vermittle eine völlig andere Einstellung zu den Menschen, mit denen man zusammenarbeite, sagte er rückblickend. ?Jetzt scheine ich mit Nortel erneut auf einer U-Boot-Patrouille rund um die Welt zu sein.? Später war er unter anderem Assistent des ehemaligen US-Verteidigungsministers Dick Cheney. Als sein Verdienst beim Militär und bei der Marine wird aber weniger die Zahl der gewonnen Schlachten angesehen, sondern eine organisatorische Revolution. Er krempelte die Abläufe bei Beschaffung und technischen Vorgängen völlig um.Dem Militärstrategen fehlen aber ausgiebige Erfahrungen in Unternehmen. Dafür schart er jetzt Telekommunikationsexperten aus der Industrie um sich. So wird demnächst ein früherer Top-Manager des US-Technikkonzerns Cisco ihm das operative Geschäft abnehmen. Ein erster Schritt, um den Mann an der Nortel-Spitze abzulösen, vermuten einige Analysten. Owens widerspricht dieser Meinung vehement: ?Ich hatte seit meiner Ernennung vor, den Posten des Chief Operating Officer zu besetzen, und jetzt haben wir den richtigen Mann dafür gefunden.?Aufgewachsen ist er in bescheidenen Verhältnissen ? in einem so genannten ?trailor home? im Städtchen Bismarck in North Dakota. Das sind größere Wohnwagen, in denen meist ärmere Leute leben, die sich kein festes Haus leisten können. Im Jahr 1958 schloss Owens die Highschool ab. Im gleichen Jahr sah er im Fernsehen einen Bericht über die Marine-Akademie von Maryland und beschloss, eine militärische Laufbahn einzuschlagen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ständig Lob und Preis auf das UnternehmenMit seinem Lebenslauf ist er eigentlich der Inbegriff von Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit. Aber dies reicht offenbar nicht aus, um ein Unternehmen auf den Erfolgskurs zurückzuführen. Der Konzern steht mit ihm an der Spitze schlechter da als zuvor. So soll der Umsatz im vergangenen Jahr auf rund zehn Milliarden Dollar zurückgegangen sein, schätzen Analysten. Auch die Aussichten für das laufende Jahr sind nicht rosig: Nortel wird zwar wachsen, aber wohl weniger als die Konkurrenten. Als Folge des Bilanzskandals haben sich Großkunden wie der US-Mobilfunker Cingular abgewendet.All das scheint Owens nicht sonderlich zu beeindrucken. Er wird nicht müde zu wiederholen, was für ein tolles Unternehmen Nortel sei, was für gute Ergebnisse es erzielt habe. Immer wieder gibt er sich extrem zuversichtlich, so dass Analysten schon feixen, er sei närrisch und gelegentlich nicht ernst zu nehmen.Aber es ist wohl eher der Versuch, die Moral der Nortel-Mitarbeiter zu stärken, sie zu motivieren und anzutreiben. Das sei ihm enorm wichtig, sagen Kollegen aus alten gemeinsamen Zeit. Da hätten ihn wohl Erfahrungen mit einem seiner Vorgesetzten geprägt, einem besonders raubeinigen General. Owens sei die Antithese davon. Drohungen und Einschüchterungen seien nicht sein Stil. Stattdessen ermuntere er seine Leute und setze Beispiele durch seine harte Arbeit, schreibt Andrew Wahl, ein alter Weggefährte Owens in dem kanadischen Magazin ?Canadian Business?.Bill Owens selbst drückt es so aus: ?Man kann ein Unternehmen wie Nortel nicht erfolgreich führen, ohne den Mitarbeitern Raum zu geben, selbst Unternehmergeist zu entwickeln und mit unternehmerischer Tatkraft an die Dinge heranzugehen.? Eher ungewöhnliche Worte für einen Mann, der Militärhierarchien gewöhnt ist.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.03.2005