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Der sanfte Bösewicht

Thomas Wiede
Michail Fridman hat eine große Firmengruppe aufgebaut - mit nicht immer sauberen Methoden. Jetzt versucht der russische Milliardär, seine Rolle als Fiesling im Streit mit dem britischen Ölkonzern BP beim gemeinsamen Joint Venture loszuwerden.
Michail Fridman hat laut "Forbes" ein Vermögen von rund 20 Milliarden Dollar angehäuft.
MOSKAU. Der rundliche Mann springt auf das Podium, um sich hinter einem Wald von Mikrofonen niederzulassen. Michail Fridman, Eigentümer der Alfa-Gruppe und mit 25 Prozent Großaktionär beim zerstrittenen russisch-britischen Ölkonzern TNK-BP, will aufräumen. Er will aufräumen mit den Gerüchten, den Anschuldigungen, die in der Presse über den Kampf zwischen den britischen und russischen Anteilseignern kursieren.Kein Wunder, denn er selbst kommt in der Regel als der Fiesling über. Als aggressiver ?Raider?, der heute wie einst in den neunziger Jahren alle Strippen zieht, um sich beim Verkauf seiner Anteile einen Vorteil zu verschaffen.

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Für die Rolle des klassischen Bösewichts lässt sich der 44-jährige Milliardär ? das Magazin ?Forbes? schätzt ihn auf rund 20 Milliarden Dollar ? zumindest optisch schlecht besetzen: Er kommt eher wie ein gemütlicher Bäckermeister daher. Mit sanfter Stimme legt er seine Sicht der Dinge dar und schiebt gekonnt den Schwarzen Peter in das Feld der britischen Partner. Als nach gut einer Stunde der Chef der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Interfax die letzte Frage ankündigt, schaut Fridman ein wenig enttäuscht.?Wir sind eigentlich nur Finanzinvestoren?, hat der Mann mit dem ?Baby-Face? einmal dem ?Wall Street Journal? gesagt, ?wir betrachten uns nicht als Experten in den Branchen, in denen wir tätig sind.?Heute möchte er lieber einen anderen Eindruck erwecken: dass es seiner Alfa-Gruppe im Streit mit BP um die richtige Strategie geht, gute Unternehmensführung und Investitionen in zukunftsweisende Projekte ? die ja in der Ölbranche immer sehr langfristig sind. Am Ende geht es natürlich auch um Geld: BP habe Chancen verpasst und so die Aktionäre geschädigt, sagt er. Nein, er will nicht den Preis für seinen Anteil hochtreiben, denn er will ja nicht verkaufen.Böse Zunge behaupten, wer sich mit Fridman einlasse, der brauche sich nicht zu wundern, wenn es irgendwann Ärger gibt. Der in der Ukraine Geborene gilt trotz seines gemütlichen Äußeren als harter Hund. Er selbst hat das einmal lakonisch so kommentiert: ?Wir machen eine ganze Reihe Dinge, die manche Leute aggressiv finden.? Ändern werde er daran aber nichts.Was immer man ihm auch nachsagt: Fridman hat eine fulminante Karriere vom Fensterputzer zum Multimilliardär hingelegt. Gestartet ist er als echter ?Underdog?. Als der jüdische Junge aus Lvov ? einst Lemberg ? Mitte der 80er-Jahre zum Studium nach Moskau kommt, schneiden ihn seine russischen Kommilitonen. Den Umbruch in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow, die sich abzeichnenden ökonomischen Freiheiten weiß er aber für sich zu nutzen: Nach seinem Studium und einem Jahr als Ingenieur in einem Metallkombinat gründet er 1986 die Kooperative ?Kurier?.Er ist flexibel, risikofreudig ? zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Kooperativen sind in der Sowjetunion die ersten legalen Privatfirmen. Fridman verlegt sich aufs Fensterputzen. Damals sieht er sich vor der Alternative, als Jude wie seine Mutter auszuwandern oder es in Moskau zu schaffen, wie er mal dem Handelsblatt erklärt hat.Aus dem Geld der Fensterputzkolonne formiert er seine Alfa-Gruppe, die heute neben der Beteiligung an TNK-BP vor allem in den Sparten Telekommunikation, Handel, Medien und Versicherung arbeitet und nicht zuletzt mit der Alfa Bank über das größte private Finanzhaus im Land verfügt. Der Start 1989 mit Alfa-Eko ist bescheiden: Die Firma handelt unter anderem mit Zucker und Teppichen. Fridman kauft zudem privatisierte Firmen auf, die er westlichen Investoren anbietet. Später schafft er den Einstieg in den Ölhandel.Immer mit von der Partie ist sein Partner Pjotr Awen. Er sitzt Anfang der neunziger Jahre auch im russischen Kabinett ? als Außenhandelsminister. Bis heute leitet der Kunstsammler die Alfa Bank.Fridman kennt die richtigen Leute: 1996 gehört er zur Gruppe der Oligarchen, die sich der Kampagne zur Wiederwahl von Boris Jelzin verschreibt. Als dann Wladimir Putins Zeit beginnt, gelingt es ihm sogar, zwei ehemalige Alfa-Manager in der Präsidialverwaltung zu platzieren.Seine Methoden sind aber umstritten: ?Ihre Mittel sind Drohungen, Betrug und Einschüchterung von Menschen?, hat der Gouverneur der sibirischen Kohleprovinz Kemerowo, Aman Tulejew, Alfas Geschäftspraxis einmal umschrieben. Fridmans Streit mit dem norwegischen Telekomkonzern Telenor um die Vorherrschaft beim russischen Mobilfunker Vimpelcom umrankt so manches üble Gerücht. Auch mit BP ist Fridman schon mal aneinandergeraten: Im Jahr 1999 erhebt der britische Multi Betrugsvorwürfe gegen den von Fridman kontrollierten Ölförderer TNK. Angeblich landen die Erträge aus einem gemeinsamen Ölfeld hauptsächlich auf der russischen Seite. Vier Jahre später ist dies aber vergessen: BP steigt bei TNK ein.Ob der Streit mit den britischen Partnern nun nicht die Beziehungen völlig zerstöre, will eine Journalistin von Fridman am Ende der Pressekonferenz wissen. Da muss er lachen: ?Krieg ist Krieg?, sagt er, Geschäfte könne man aber trotzdem machen. Michail Fridman 1964Er wird am 21. April als Sohn einer in Lvov/Ukraine ansässigen jüdischen Familie geboren. Seine Eltern wandern später nach Deutschland aus.1986Michail Fridman macht seinen Abschluss als Ingenieur am Moskauer Institut für Stahl und Metalllegierungen. Schon während seines Studiums verdient er Geld mit einem eigenen kleinen Unternehmen, das u.a. Fensterreinigung anbietet.1988Er gründet gemeinsam mit zwei anderen Investoren die Alfa-Eco Group, ein Handelsunternehmen, das zum Kern seines Konsortiums Alfa Group wird. Bis heute ist die Gruppe zu einem Mischkonzern gewachsen, zu dem Unternehmen aus folgenden Branchen gehören: Banken, Versicherungen, Öl und Gas, Telekommunikation und Einzelhandel sowie Technologie.2003Am 1. Juli wird er Chairman des Erdöl-Joint-Ventures TNK BP. Außerdem hat er neben seiner Aufgabe als Chairman des Aufsichtsrats der Alfa Group zahlreiche andere Funktionen: Er ist Mitglied des Boards der Alfa Bank und des Aufsichtsrats der X5 Retail Group N.V. Fridman gehört dem russischen Rat der Unternehmer an. Er erhält zahlreiche Auszeichnungen. So wird er im Jahr 2003 wegen seiner Verdienste um das Joint Venture von TNK und BP von ?Business Week? zu einem der herausragenden Geschäftsleute des Jahres gewählt.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.06.2008