Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der ruhmreiche Tag des Noël Forgeard

Von M. W. Buchenau, M. Eberle; Handelsblatt
Bei der Präsentation des A380 durfte der Airbus-Chef dort sein, wo er sich am liebsten sieht: unter den Mächtigen der Welt.
TOULOUSE. Lasershow, Windmühlen, Wasserfontänen, Ballett: Die Show vor 6 000 Gästen ist olympiareif. Frankreichs ?Le Figaro? zitiert die französische Nationalhymne und schwärmt vom ?Jour de Gloire?, dem ruhmreichen Tag. Das ZDF überträgt knapp zwei Stunden live, fast 1 000 geladene Journalisten tragen die frohe Botschaft in die Welt: Airbus ist oben, ganz weit oben. Denn am Dienstag wurde er erstmals der Öffentlichkeit präsentiert: der A380, das Riesenflugzeug A380, der Stolz des europäischen Flugzeugbaus.Bundeskanzler Gerhard Schröder spricht von einem Triumph der Ingenieurskunst, von einem Tag, der ?ein Stück europäische Industriegeschichte schreibt?. Neben ihm sitzt die politische Spitze Europas: Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac, Premierminister Tony Blair und Spaniens Staatschef José Luis Zapatero.

Die besten Jobs von allen

Auch auf dem Podium: Noël Forgeard, hochnervös und tief gerührt. Der Airbus-Chef rutscht auf dem edlen weißen Stuhl hin und her, rückt pausenlos seine Brille zurecht, zupft unbeholfen am Ohrläppchen. Forgeard im Kreis der Mächtigen.Es ist der große Tag für den kleinen Mann mit den riesigen Zielen. Eine Krönungszeremonie für den Manager, der Airbus an die Weltspitze geführt hat. Und doch nur ein Etappensieg: Forgeard will mehr. Noch mehr. Im Juni wird er an die Spitze des Luftfahrt- und Rüstungsgiganten EADS rücken, dem Mutterkonzern von Airbus. Warum er wegen dieses Jobs einen bizarren Machtkampf angezettelt und am Ende gewonnen hat? Die deutsche Seite von EADS reagiert verdutzt, auch an diesem glorreichen Tag. Kanzler Schröder lobt die europäische Teamarbeit ? ?ein hohes Gut, das niemals in Frage gestellt werden darf?. Forgeard blickt ein wenig verschämt zur Seite.Er behauptet von sich selbst, nicht ehrgeiziger zu sein ?als der Durchschnitt der Leute meines Schlages?. Doch Manager aus seinem direkten Umfeld schütteln über diese Selbsteinschätzung nur den Kopf: EADS- Co-Vorstandschef Rainer Hertrich warf Forgeard im Dezember öffentlich vor, die Firma ?nur als Sprungbrett für den persönlichen Ehrgeiz? zu missbrauchen. Wenige Tage später gab der Deutsche seinen Ausstieg aus dem bizarren deutsch-französischen Machtgerangel bekannt. Gemeinsam mit Philippe Camus machte er den Weg frei für eine neue deutsch-französische Doppelspitze, zu der künftig der bisherige Rüstungsvorstand Thomas Enders und ? natürlich - Forgeard gehören wird.Der 58-Jährige habe den ausgeprägten Aufstiegswillen seiner Vorfahren, Ladenbesitzer und Dorfärzte, ?auf die Spitze getrieben?, schreibt die ?Zeit?. Sein Weg nach oben war nicht einfach, aber beeindruckend geradlinig. Forgeard schafft es erst im zweiten Anlauf an die Pariser Elite-Uni Ecole Polytéchnique. Nach dem Ingenieursstudium knüpft er im Industrieministerium schnell jene politischen Kontakte, die ihm bis heute entscheidend weiterhelfen. In den 80ern arbeitet er als enger Berater für Jacques Chirac. Später kämpft er eisern um die Gunst des französischen Industriemagnaten Jean-Luc Lagardère, in dessen Imperium er bald Karriere macht: erst beim Rüstungskonzern Matra, später bei Airbus.Er ist durchsetzungsstark und erfolgreich, hievt den einst als hoffnungslosen Subventionsfall verspotteten Flugzeugbauer auf die weltweit erste Position vor Boeing. Er ist der Überzeugung, dass Airbus im Grunde EADS ist ? und dass EADS folgerichtig den Firmennamen Airbus tragen müsste. Um das entscheiden zu können, muss er noch diese eine Stufe nehmen: EADS-Chef.?Für ihn ist Airbus nicht die erste Wahl, seit fünf Jahren nicht?, sagt ein deutscher Luftfahrtmanager. Sein Antrieb erklärt sich auch aus der bitteren Niederlage, die Forgeard im Jahr 2000 einstecken muss: Die französische Seite entscheidet sich bei Gründung von EADS für seinen schärfsten Rivalen bei Lagardère, Philippe Camus, als Co-Vorstandschef. Manch einer hätte diese Schlappe sportlich genommen, nicht aber Forgeard: Er muss diese Scharte auswetzen ? und kann sich der Unterstützung aus dem Pariser Élysée-Palast sicher sein. Dort sitzt inzwischen sein früherer Arbeitgeber, Staatspräsident Chirac.Beide sehen in Airbus und EADS in erster Linie ein stolzes französisches Projekt, an das sich andere Staaten allenfalls anhängen dürfen. In dieses Bild passen Forgeards Anstrengungen, die deutsch-französische Doppelspitze bei EADS abzuschaffen. Sein engster Vertrauter bei Airbus, Kommunikationsvorstand Philippe Delmas, redet in seinem Buch Klartext. Titel: ?Über den nächsten Krieg mit Deutschland ? Eine Streitschrift aus Frankreich?.Unternehmenskenner gehen davon aus, dass Forgeard bei EADS kaum einen Stein auf dem anderen lassen will. Ein Denkmal würde er sich schaffen, wenn es ihm gelingen würde, den Konzern auch im Militärbereich zur Nummer eins zu machen. Dass er eine Fusion mit dem schweren Rüstungselektronik-Konzern Thales favorisiert, ist bekannt. Die deutsche Seite wehrt sich, weil EADS inklusive Thales noch stärker französisch dominiert würde. ?Die Machtverhältnisse sind klar verteilt. Die eine Seite kann nicht, ohne sich mit der anderen Seite zu arrangieren?, sagt ein hochrangiger EADS-Mitarbeiter. Das wisse auch Forgeard.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.01.2005