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Der rote Marktverfechter

Von Katharina Kort
Banken, Fußball, Telekommunikation ? wenn es in Italien brennt, muss Guido Rossi ran. Jetzt soll er Telecom Italia retten.
MAILAND. Banken, Fußball, Telekommunikation ? wenn es in Italien brennt, muss Guido Rossi ran. Und derzeit brennt es bei Telecom Italia nach dem Rücktritt von Marco Tronchetti Provera als Präsident des Unternehmens. Der 75-jährige Jurist Rossi soll jetzt also bei dem italienischen Ex-Monopolisten für Ordnung sorgen.In der Finanz- und Anwaltsszene ist der Harvard-Absolvent schon lange bekannt. Er ist nicht nur der ehemalige Präsident der italienischen Börsenaufsicht Consob. Rossi, der Großkanzleien schmäht und seine Kanzlei nur mit Hilfe seiner Ehefrau und einer Sekretärin führt, zieht auch als Anwalt illustre Kunden an: Im vergangenen Jahr wandten sich die ausländischen Banken ABN Amro und BBVA bei ihren Expansionsplänen in Italien an die Ein-Mann-Kanzlei aus Mailand.

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Die breite Öffentlichkeit nimmt Rossi allerdings erst seit diesem Frühjahr wahr: Als der italienische Fußball im Sumpf eines riesigen Korruptionsskandals zu versinken drohte, wurde Rossi zum neuen Chef des Fußballverbands FIGC ernannt. Als eine Art Zwangsverwalter des italienischen Fußballs sorgte er dafür, dass Rekordmeister Juventus Turin heute in der zweiten Liga spielt.Bei seinem Antritt als Saubermann des Fußballs sagte der Jurist, der sich für Sport wohl nie besonders interessierte: Er fühle sich wie ein ?Außerirdischer in dieser Welt?. Das kann er bei Telecom Italia nicht behaupten. Er war es, der das Unternehmen vor fast zehn Jahren als Präsident auf dem Weg in die Privatisierung begleitete. Damals war Romano Prodi Regierungschef.?Vor zehn Jahren bin ich von Prodi gerufen worden, um Telecom Italia zu privatisieren. Heute bin ich von Tronchetti Provera gerufen worden, um zu verhindern, dass die Gruppe verstaatlicht wird?, umschreibt Rossi die Lage halb im Scherz. In der vergangenen Woche ist das Projekt eines engen Beraters von Romano Prodi bekannt geworden, das die mögliche Verstaatlichung der Festnetzsparte des Konzerns vorsieht. Dadurch soll verhindert werden, dass das Netz in ausländische Hände fällt.Lesen Sie weiter auf Seite 2:?Du gehst als Moralprediger ins Bordell?Der scheidende Telecom-Italia-Präsident Tronchetti Provera und Premier Prodi haben sich in den vergangenen Tagen einen öffentlichen Schlagabtausch über die Zukunft des Unternehmens geliefert, der auch die Investoren stark verunsicherte. Dazu trug ebenfalls Tronchettis neue Strategie bei: Er will aus Telecom Italia einen Medienkonzern formen, statt Festnetz- und Mobilfunkdienste zu bündeln und die dafür zuständigen Sparten stärker unter einem Dach zu vereinen. Dies hatte er noch vor gut einem Jahr propagiert. Investoren fragen sich, ob Tronchetti bei seinem neuen Plan eher das Wohl des Unternehmens oder das des Hauptaktionärs Pirelli im Blick hat.Was wird Rossi jetzt aus all dem machen? Der Vater des italienischen Kartellrechts gilt als überzeugter Verteidiger des freien Marktes ? und das trotz seiner eher linken Gesinnung. 1987 zog er als unabhängiger Kandidat auf der Liste der Kommunisten in den Senat ein.Dabei unterscheidet Rossi klar zwischen Kapitalismus und Markt, ?weil der Kapitalismus Ungleichheit schafft und Monopole generiert, während der Markt die ökonomische Demokratie fördert und von der Kraft der Regeln und von der Transparenz lebt?, so Rossi.Angst vor neuen Aufgaben ist dem Juristen fremd. ?Schon als ich damals Präsident der Börsenaufsicht Consob wurde, hat man gescherzt: ,Du gehst als Moralprediger ins Bordell?, erzählte er im Frühjahr. Bankenskandale hatten in den 70er-Jahren der Börsenaufsicht den Ruf einer korrupten Behörde eingebracht, bevor Rossi ab 1981 aufräumte.Mit seinem Ausflug in die Politik und dem Versuch, der italienischen Linken eine liberale Wende zu geben, war Rossi in den 80er-Jahren dagegen gescheitert. Auch im Fußballskandal konnte er seine Prinzipien nicht komplett durchsetzen.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.09.2006