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Der Robin Hood der Aktionäre

Von Michael Maisch
Hinter dem britischen Hedge-Fonds TCI steckt ein Mann, der harmloser kaum aussehen könnte: Chris Hohn wirkt nicht wie ein Finanzhai, eher wie ein zerstreuter Akademiker oder ein exzentrischer Computerfreak. Aber von dem harmlosen Äußeren sollte man sich nicht täuschen lassen. Hohn ist ein Mann mit einer Mission. Und dabei geht es nicht nur ums Geld verdienen.
LONDON. Hat Arthur Martinez geahnt, was auf ihn zukommt, als er den Brief in die Hand nahm, der Anfang April 2006 auf seinem Schreibtisch landete? Wahrscheinlich. Schließlich hätte der Aufsichtsratschef der niederländischen Bank ABN Amro nur einen Blick auf den Absender werfen müssen, um zu erkennen, dass die Lage ernst ist. The Children's Investment Fund stand da, oder kurz TCI. Das klingt harmlos, ist es aber nicht. Das wusste Martinez spätestens als er das Schreiben des Londoner Hedge-Fonds zu Ende gelesen hatte. Von schwacher Performance war da die Rede, vom stagnierenden Aktienkurs, von falschen strategischen Entscheidungen, kurzum das Management müsse jetzt die Konsequenzen ziehen und ABN Amro verkaufen oder aufspalten.Wer stellt solche unverschämten Forderungen an eine Großbank mit über 200 Jahren Geschichte? Hinter TCI steckt ein Mann, der harmloser kaum aussehen könnte: Braune Augen hinter einer randlosen Brille, kurze, verstrubbelte, schwarzbraune Haare. Chris Hohn wirkt nicht wie ein Finanzhai, eher wie ein zerstreuter Akademiker oder ein exzentrischer Computerfreak. Aber von dem harmlosen Äußeren sollte man sich nicht täuschen lassen. Hohn ist ein Mann mit einer Mission. Dem Hedge-Fonds-Manager geht es nicht nur ums Geld verdienen. Er sieht sich als eine Art Robin Hood der Aktionäre, der eingreift, wenn ihre Rechte von arroganten Managern mit Füßen getreten werden.

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TCI zählt zu jenen aggressiven Fonds, die Unternehmen angreifen, sie zu einem radikalen Strategiewechsel zwingen und damit den Aktienkurs nach oben treiben. Die oft kurzfristig orientierten aktivistischen Fonds drängen auf Übernahmen, Teilverkäufe und Aktienrückkäufe. Die Aktivisten machen zwar nur etwa fünf Prozent des gesamten Hedge-Fonds-Universums aus, aber in der Öffentlichkeit bestimmen sie das Image der gesamten Branche, weil sie ihre spektakulären Kämpfe immer öfter im Scheinwerferlicht der Medien ausfechten.Wenige Wochen nach Hohns Brief an ABN Amro nahm das Management der Bank Verhandlungen mit dem britischen Konkurrenten Barclays auf. Inzwischen will auch eine Bietergruppe um die Royal Bank of Scotland das niederländische Geldhaus kaufen. Aus Hohns Brief entwickelte sich die größte Bieterschlacht der Finanzgeschichte.Sollte ABN-Aufsichtsratschef Martinez jemals an der Durchschlagskraft von TCI gezweifelt haben, hätte ihn ein kurzes Telefongespräch mit Werner Seifert eines Besseren belehrt. Seifert hatte einen großen Traum, er wollte die London Stock Exchange (LSE), den Londoner Konkurrenten der Deutschen Börse übernehmen. Im Dezember 2004 legte Seifert ein feindliches Kaufangebot auf den Tisch. Zwei Mrd. Euro wollten die Deutschen für die LSE bezahlen. Doch nicht nur Clara Furse, die Chefin der Londoner Börse fand keinen Gefallen an dieser Idee, auch Chris Hohn machte klar, dass der Übernahmeplan nicht im Interesse der Aktionäre sei. Stattdessen sollten die Frankfurter die vielen Millionen, die Seifert für sein Lieblingsprojekt angespart hatte, lieber an die Anteilseigner ausschütten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie der sonst so angriffslustige Hohn in die Defensive gerät .Im März 2005 musste Seifert seine Niederlage eingestehen und den Übernahmeplan für die LSE aufgeben. Aber das reichte dem Hedge-Fonds-Manager noch nicht. Hohn und seine Verbündeten erhöhten den Druck so lange, bis Seifert zurücktreten musste. In seinem Buch ?Invasion der Heuschrecken?, beschreibt Seifert seinen Widersacher als arroganten Fanatiker, der um jeden Preis gewinnen will.Das klingt verbittert, und tatsächlich wird Seiferts Porträt dem vielschichtigen Charakter von Hohn nicht gerecht. Hohn stammt aus kleinen Verhältnissen. Geboren wurde er in Jamaika als Sohn eines Automechanikers. Die Familie zog bereits früh nach England und ließ sich in der Grafschaft Sussex nieder. Hohn absolvierte zunächst die Universität in Southampton und ging danach an die berühmte Harvard Business School in den USA. Zurück in England startete er 1996 seine Karriere als Manager für den Hedge-Fonds Perry Capital. Im Jahr 2003 machte sich er schließlich selbstständig und gründete TCI.Der Children's Investment Fund trägt seinen Namen nicht umsonst. Jahr für Jahr spendet Hohn einen Anteil des Vermögens, das sein Fonds verwaltet, an eine Wohltätigkeitsorganisation, die er zusammen mit seiner Frau gegründet hat. Im Geschäftsjahr 2005/2006 überwies Hohn mehr als 230 Mill. Pfund an die Stiftung, die sich vor allem um aidskranke Kinder in Afrika und Asien kümmert. Das macht ihn zum größten Privatspender in Großbritannien. Aber auch für die Investoren hat sich das Engagement bei TCI gelohnt. 2004 und 2005 wurde die Gesellschaft zum besten europäischen Hedge-Fonds gekürt. In diesen zwei Jahren soll der Fonds, der über zehn Mrd. Dollar verwaltet, jeweils mehr als 40 Prozent an Wert gewonnen haben.Zuletzt geriet der sonst so angriffslustige Hohn allerdings in die Defensive. Dafür sorgte indirekt die Kritik der britischen Finanzaufsicht FSA an aktivistischen Hedge-Fonds. Den Aufsehern bereiten vor allem die Fälle Sorgen, in denen mehrere Fonds gemeinsame Sache machen. Sollten sich Hedge-Fonds hinter den Kulissen absprechen, um von der Attacke auf ein Unternehmen zu profitieren, könne es sich um verbotene Marktmanipulation handeln, warnt die FSA.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Botschafter eines freien MarktesVor diesem Hintergrund gab Hohn vor kurzem ? um jeden Anschein von Interessenskonflikten zu vermeiden ? seinen Posten als Aufsichtsrat des RIT Investmenttrusts der Financiersfamilie Rothschild auf. Im Aufsichtsrat von RIT saß auch Nat Rothschild, der wiederum zur Führungsmannschaft des New Yorker Hedge-Fonds Atticus gehört. Atticus und TCI kennen sich schon lange. 2005 verhinderten sie gemeinsam die Übernahme der LSE. Damals prüfte die deutsche Finanzaufsicht eine mögliche illegale Kooperation der beiden Hedge-Fonds, konnte aber keine Beweise finden. Nun mischen beide Fonds, wenn auch auf unterschiedlichen Seiten beim Übernahmekampf um ABN Amro mit.TCI-Chef Hohn wird sich über die Vorwürfe von Interessenkonflikten ärgern, sieht er sich doch als Botschafter eines effizienzstiftenden freien Marktes und nicht als schamloser Schmarotzer, der sein Opfer aussaugt und dann wehrlos zurücklässt. Den Vorwurf der kurzfristigen Profitmaximierung kann man Hohn tatsächlich nicht unbedingt machen. Seinen Anteil an der Deutschen Börse hält er noch immer.
Siegeszug der Hedge-FondsBoom: Für den SPD-Politiker Franz Müntefering mögen Hedge-Fonds Heuschrecken sein. Doch die spekulativen Fonds haben enorm viel Kapital angezogen. Während der großen Börsenkrise nach der Jahrtausendwende entdeckten viele Anleger den Reiz der kaum regulierten Fonds, die mit ihren Wetten auf Aktien, Devisen, Anleihen oder Rohstoffe und hundert andere Vermögensarten auch bei fallenden Kursen Gewinne machen können. 1990 existierten weltweit weniger als 1 000 Hedge-Fonds, die Anlegergelder im Wert von 39 Milliarden Dollar verwalteten. Heute betreuen rund 9 000 Fonds eine Summe zwischen 1,5 und zwei Bill. Dollar.Aktivismus: Aktivistische Fonds wie TCI, die Unternehmen angreifen, sind umstritten. Zwar bescheren die Aktivisten den Aktionären in der Regel Kursgewinne, doch können die Strategieänderungen, die die aggressiven Fonds erzwingen, zu Lasten der Anleihegläubiger gehen. Davor warnte vor kurzem die Ratingagentur Fitch.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.07.2007