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Der recht ehrwürdige, gewählte Lord

Von Michael Maisch
London ist das bedeutendste Finanzzentrum in Europa, doch es regiert sich nicht von selbst. Es braucht jemanden, der dafür sorgt, dass die weltweite Finanzgemeinde ideale Bedingungen vorfindet. Seit Freitag übernimmt John Stuttard das altehrwürdige Amt des Lord Major. Zu seinem Job gehört auch, die Werbetrommel zu rühren.
Eigentlich war der Terminkalender von John Stuttard am vergangenen Freitag nicht allzu dicht gefüllt ? Kirchgang um 11.15 Uhr, danach ein Treffen in der Londoner Guild Hall. Als Stuttards Tagwerk gegen ein Uhr mittags erledigt war, wirkte der 61-Jährige aber doch ein wenig erschöpft. Kleine Schweißperlen liefen ihm über die Stirn, als der etwas schlacksige Mann mit dem schütteren Haar für die Fotografen posierte.Vielleicht brachten ihn aber auch nur Pelzumhang und Brokatweste zum Schwitzen. Oder vielleicht war ihm der ganze Auftritt ein etwas unangenehm. Fanfarenstöße, Zepter, gepuderte Perücken ? ein wenig ?over the top?, ein wenig übertrieben für jemanden, der seine Karriere beim Buchprüfer Pricewaterhouse Coopers absolviert hat.

Die besten Jobs von allen

Aber das gehört eben zum Job. Stuttard wurde am Freitag in der Guild Hall von den Mitgliedern der Londoner Zünfte für zwölf Monate zum ?Right Honourable Lord Mayor? der City gewählt. Im November wird er den Posten offiziell übernehmen. Das Amt des Lord Mayors ist so alt, dass viele Adelsgeschlechter dagegen neureich wirken. Die Diamanten auf der Amtskette sind ein Geschenk von Königin Elisabeth, Elisabeth I., die im 17. Jahrhundert regierte. Stuttard hat über 700 Vorgänger, der erste Lord Mayor trat 1189 sein Amt an.Das Reich des Lord Mayors ist zwar winzig, nur eine Quadratmeile im Herzen Londons mit gerade einmal 8 000 Einwohnern. Aber seine Sorge gilt nicht nur seinen unmittelbaren Untertanen, sondern vor allem jenen über 300 000 Menschen, die täglich zur Arbeit in die City, das bedeutendste Finanzzentrum in Europa, pendeln.Trotz allen Pomps und aller mittelalterlichen Zeremonien, das Amt geht weit über das eines Zeremonienmeisters hinaus. Heute bestehen die Zünfte vor allem aus den Mitgliedern der Finanzindustrie und ihrer Nachbarbranchen, und der Lord Mayor ist eines der wichtigsten Rädchen in der Maschine, die die Briten entwickelt haben, um die City immer weiter voranzubringen.Mit einem Beitrag von 8,5 Prozent zur Wirtschaftsleistung ist der Finanzsektor längst zur Schlüsselindustrie für Großbritannien geworden. Wenn die jährlichen Bonuszahlungen in der City einmal nicht so üppig wie erwartet ausfallen, muss Finanzminister Gordon Brown gleich seine Steuerschätzungen überprüfen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Dass Stuttard China-Experte ist, ist kein Zufall.Vornehmste Aufgabe des Lord Mayors ist es, dafür zu sorgen, dass die weltweite Finanzgemeinde ideale Lebensbedingungen in seinem Reich vorfindet. Deshalb lässt seine Verwaltungsbehörde, die Corporation of London, die Straßen fünfmal am Tag reinigen, und deshalb wird es in der gesamten City demnächst kostenlosen drahtlosen Internetzugang geben.Aber vor allem ist der Lord Mayor erster Handlungsreisender der City. Sein Job ist es, in aller Welt für den Finanzplatz London zu werben und Investoren und Unternehmen in die Quadratmeile zu locken. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass Stuttard wie sein Vorgänger David Brewer ein ausgewiesener China-Experte ist.Brewer hat während seiner zwölfmonatigen Amtszeit 18 Länder besucht. In China war er gleich zwei Mal. Stuttards Wahl ist ein klares Signal, dass sich an der Konzentration auf die Wachstumsmärkte in Asien nichts ändern wird. Immerhin hat er für Pricewaterhouse Coopers fünf Jahre lang die Geschäfte in China geführt und das Buch ?Die neue Seidenstraße? geschrieben.?Domine dirige nos?, ist unter dem Giebel der altehrwürdigen Guild Hall eingraviert, ?Herr führe uns?, das Motto der City. Und in den vergangenen Jahren lag in der Tat Segen auf dem Londoner Finanzzentrum. Die City strotzt vor Selbstvertrauen (siehe ?Mächtiges Finanzzentrum?). In diesem Jahr stieg die Zahl der Arbeitsplätze auf 340 000 ? ein neuer Rekord. Längst vergleicht sich London nicht mehr mit Frankfurt oder Paris. Immer öfter und immer offener sprechen City-Banker davon, dass es jetzt darum geht, New York als Nummer eins in der Welt abzulösen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, aber Lord Mayor Elect Stuttards Kollege jenseits des Atlantik scheint die Drohung durchaus ernst zu nehmen. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg eine Studie in Auftrag gab, die prüfen soll, warum London mehr internationale Börsengänge anlockt als die Wall Street.
Mächtiges FinanzzentrumMarktplatz: 2005 wurde fast ein Drittel aller weltweiten Devisengeschäfte in London abgewickelt. Im Geschäft mit internationalen Anleihen entfielen sogar rund 75 Prozent des weltweiten Umsatzes auf London. 45 Prozent aller internationalen Aktienkäufe und Verkäufe werden in der City abgewickelt. An der Themse werden Vermögen im Wert von mehr als drei Billionen Pfund für Klienten aus aller Welt verwaltet. Dazu kommt eine führende Stellung im Derivate- und im Rohstoffhandel, bei Hedge-Fonds sowie der große Versicherungsmarkt Lloyds.Internationalität: In London haben sich 260 internationale Banken niedergelassen, die über 70 000 Mitarbeiter beschäftigen. Insgesamt belief sich die Bilanzsumme aller Banken auf der Insel Ende 2005 auf 5,5 Billionen Pfund. Über die Hälfte davon entfiel auf ausländische Institute.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.10.2006