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Der Rechner vom Steigerwald

Von Martin W. Buchenau, Handelsblatt
Hans Peter Ring lächelt immer etwas verlegen, wenn es um seinen Geburtsort geht, ?Abstgreuth kennt niemand?. Der kleine Ort mit seinen paar schlichten Häusern im Steigerwald und zwei Kilometern Weg zur nächsten Schule schien kein idealer Startpunkt für eine internationale Karriere. Doch Ring ist weit gekommen.
MÜNCHEN. Der mittelgroße Manager mit krausem Haar ist Finanzchef des größten europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS. Am Montag wird er zum zweiten Mal in Paris die Bilanz der 30-Milliarden-Euro-Company präsentieren, die vor fast vier Jahren aus der Fusion der französischen Aerospatiale, der deutschen Dasa und der spanischen Casa entstand.Ring hat dem Heimatdorf zwischen Nürnberg und Würzburg viel zu verdanken oder, besser gesagt, dem Dorfschullehrer im Nachbarort Altershausen. Acht Klassenstufen gleichzeitig wurden damals, Ende der 50er-Jahre, in einem Raum unterrichtet. Der ?Herr Lehrer? erkannte Rings Talent, gab ihm kostenlos Unterricht, als es um die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium ging. ?Solche Idealisten gibt es heute kaum noch?, sagt der 53-Jährige.

Die besten Jobs von allen

Ring schaffte den Sprung. Für den Jungen bedeutete das gleichzeitig Internat und Abschied von zu Hause. ?Es hat mir nicht viel ausgemacht. Ich wollte lernen?, sagt Ring. Allzu viele Sentimentalitäten seien nicht sein Ding, fügt er hinzu.Weggefährten bescheinigen dem Finanzchef Fleiß, Zielstrebigkeit und Offenheit, verbunden mit dem Selbstbewusstsein, durch Leistung den Job verdient zu haben. Als der weltläufige Vorgänger Axel Arendt im Oktober 2002 überraschend zu Rolls-Royce wechselte, sah Ring seine Zeit gekommen. Schließlich war er unter Arendt Chef-Controller und arbeitete damit das aus, was der Finanzchef vortrug. Auch das halbe Jahr zwischen Unternehmensgründung und Börsengang mit ?einigen schlaflosen Nächten? hat Ring noch gut in Erinnerung.Insofern hatte keiner mehr Expertise, als plötzlich der Job des Finanzchefs zu vergeben war. Und mochte beim Börsengang 2000 noch das weltläufige Repräsentieren gefragt sein, so ging es mitten in der größten Krise der Luftfahrtindustrie um Kärrnerarbeit. Die beherrscht Ring wie kaum ein anderer in dem Konzern, der 2003 erstmals mehr Flugzeuge verkaufte als der US-Rivale Boeing.Ring kennt die Branche von der Pike auf. Er hat viele EADS-Vorläufer durchlaufen, darunter MBB oder die spätere Dasa. Hier, bei der Daimler-Tochter, ging er als Manager durchs Stahlbad, als er das knallharte Sanierungsprogramm ?Dolores? durchzog, das Jürgen Schrempp Mitte der 90er-Jahre verordnet hatte. Tausende verloren damals ihren Job, Ring hatte das als Controller durchzusetzen.Der Franke gilt als einer der Weggefährten von EADS-Chef Rainer Hertrich. Beide schätzen sich. Ring hält Hertrich den Rücken frei. Er muss darauf achten, dass die Kosten für die Milliarden-Entwicklung des Riesenairbusses A 380 nicht aus dem Ruder laufen ? in einer Zeit, in der EADS wie nur wenige andere europäische Unternehmen unter dem schwachen Dollar leidet. Zudem muss er die Bonitäten der AirlineKunden genau im Blick haben.Mit den französischen Partnern im Konzern hat er nach eigenem Bekunden ?kein Problem?, obwohl er noch immer keine Zeit gefunden hat, seine Französischkenntnisse aufzupolieren. Französische Kollegen seien mitunter unkomplizierter, Konzernsprache ist Englisch.Der Finanzchef will nicht als bloßer Zahlenmensch erscheinen, persönliche Kontakte sind ihm wichtig, etwa zu Bereichsmanagern, denen er mitunter tief in die Augen blickt: ?Der Mann muss mir für sein Budget geradestehen.? Auf automatische Kennziffernsysteme allein will er sich auch beim anspruchsvollen Risikomanagement nicht verlassen.Ring soll nun in schwieriger Zeit für ordentliche Zahlen sorgen ? die Umsätze stagnieren, der Markt für Passagierflugzeuge ? immer noch wichtigstes Standbein von EADS - schwächelt. Doch Ring hinterlässt nicht den Eindruck, als erdrücke ihn die Verantwortung. Ausgleich sucht der Vater zweier Söhne in der Familie. Der Sonntagabend ist ihm heilig. Da geht er mit seiner Frau zur Tanzstunde. ?Da kann ich wunderbar abschalten.?Im nüchtern eingerichteten Büro finden sich in einer Vitrine doch noch einige Sentimentalitäten. Neben Flugzeugmodellen und einer Kopie der EADS-Aktie steht ein Modell des legendären Kabinenrollers von Messerschmitt. Der Traditionsbetrieb war nach dem BWL-Studium sein Arbeitgeber. Heute fährt Ring dienstlich S-Klasse.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.03.2004