Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der qualmende Engel

Von Christoph Hardt
Der Titel ist geklaut, die Lektüre mühsam: Das Buch besteht aus einer Sammlung von Reden und Rundfunkansprachen, die der Journalist Wolfram Langer für Ludwig Erhard zusammenstellte. Dennoch wurde sein Bestseller ?Wohlstand für alle? zum Symbol für eine ganze Ära. Ihm selbst war das eher suspekt. Am 4. Februar jährt sich der Geburtstag des Politikers.
HB BONN. Papperlapapp: Die D-Mark brachten die Amerikaner, mit denen sich Erhard noch am Tag der Währungsreform in die Haare geriet. Es dauerte Monate, bis die Schaufenster wirklich voll waren, bis dahin gab es sogar einen richtigen Generalstreik. Außerdem war Ludwig Erhard 1948 noch gar nicht so dick. Und richtig stolz waren wir erst 1954, als Deutschland Fußball-Weltmeister wurde.Das Bild, das wir uns schufen, hatte zwei Gesichter: Ludwig Erhard und Konrad Adenauer, der gute, dicke Mann und der schlaue Fuchs ? die Gründerväter des neuen, besseren Deutschland.

Die besten Jobs von allen

Am 4. Februar 1957, in der fünften Kalenderwoche vor 49 Jahren, feiert Ludwig Erhard seinen 60. Geburtstag. Am selben Tag erscheint auch das Buch, dessen Titel noch heute jedes Parteiprogramm schmücken würde: ?Wohlstand für alle?. Es wird ein Bestseller. In wenigen Monaten verkauft der Düsseldorfer Econ-Verlag über 40 000 Stück.Das Geburtstagsfoto zeigt einen Erhard mit Buch, der ausschaut wie ein reiferer Engel aus dem Münchener Barock-Juwel Asam-Kirche ? plus Zigarre versteht sich. Doch die Inszenierung trägt schon den Hauch des Tragischen in sich, das später so dominant werden sollte im Leben des Politikers Erhard. Die Gestalt des empfindlichen, zaudernden Wissenschaftlers, der eher durch Zufall in die große Politik geraten ist, wird schon überfrachtet vom Mythos des großen Gründervaters. Und Erhard, nicht bar von Eitelkeit, strickt auch noch mit am eigenen Mythos. Über Erhard schreiben bedeutet stets auch Entmythologisierung betreiben.?Wohlstand für alle? ist ein Buch, das man nicht unbedingt lesen muss. Schon der Titel ist geklaut ? ausgerechnet bei einem russischen Anarchisten namens Peter Kropotkin. Das Buch besteht aus einer Sammlung von Reden und Rundfunkansprachen, die der Handelsblatt-Journalist Wolfram Langer für Erhard zusammenstellte. ?Das war vor allem ein Stück für den Wahlkampf?, sagt Horst Friedrich Wünsche, Geschäftsführer der Ludwig-Erhard-Stiftung in Bonn.Als Erhard die Huldigungen zum Geburtstag empfängt ? Kanzler Adenauer bescheinigt ihm ?grandiose Erfolge?, Erhard habe ?der Freiheit eine Gasse geschlagen? ?, da hat er seine wohl größte politische Niederlage gerade erst hinter sich. Am 21. Januar 1957 hat der Bundestag das Rentenreformgesetz verabschiedet, gegen den Widerstand des Wirtschaftsministers. Erhard sieht im Automatismus der Rentenangleichung an die Preissteigerung den Anfang vom Ende dessen, was für ihn ?soziale Marktwirschaft? bedeutet. Wohlstand für alle werde nicht durch Umverteilung erreicht, sondern durch Wachstum, das wiederum der Freiheit wirtschaftlich handelnder Individuen erwachse.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Adenauer jedoch hat die Bundestagswahl 1957 im Blick und peitscht das Gesetz durch.Adenauer jedoch hat die Bundestagswahl 1957 im Blick und peitscht das Gesetz durch. Auf der Strecke bleibt auch eine Freundschaft, deren Inszenierung wesentlich zum Erfolg der CDU beitrug. Schon im Oktober 1956 beklagt Adenauer in einem Brief an Erhard, der Wirtschaftsminister habe durch seine Kritik am Rentengesetz der Regierung geschadet. Erhard knickt ein und muss in einer Pressekonferenz Abbitte leisten.Seinem Mythos aber schadet das schon nicht mehr. Adenauer zieht mit Erhard in den Wahlkampf, die boomende Wirtschaft und die Symbolfigur des Wirtschaftsministers bescheren der CDU die absolute Mehrheit ? das gab es nie mehr.Das Verhältnis der beiden Gründerväter aber ist zerrüttet ? und es wird nie wieder heilen.Das stärkste Kapitel in ?Wohlstand für alle? ist das zwölfte: ?Versorgungsstaat, der moderne Wahn?. Jeder, der sich heute auf Erhard als Vater der sozialen Marktwirtschaft beruft, sollte einen Blick hineinwerfen. Eine Kostprobe: ?Die wachsende Sozialisierung der Einkommensverwendung, die um sich greifende Kollektivierung der Lebensplanung, die weitgehende Entmündigung des Einzelnen und die zunehmende Abhängigkeit vom Kollektiv oder vom Staat ? aber damit zwangsläufig auch die Verkümmerung eines freien und funktionsfähigen Kapitalmarktes als einer wesentlichen Voraussetzung für die Expansion der Marktwirtschaft ? müssen die Folgen dieses gefährlichen Weges hin zum Versorgungsstaat sein, an dessen Ende der soziale Untertan und die bevormundete Garantierung der materiellen Sicherheit durch einen allmächtigen Staat, aber in gleicher Weise auch die Lähmung des wirtschaftlichen Fortschritts in Freiheit stehen wird.?1963, Adenauer ist auch an sich gescheitert, wird Erhard, der so gerne Missverstandene, doch noch Bundeskanzler ? ein schaler Triumph. Denn Wirtschafts- und Sozialpolitik haben längst eine andere Richtung eingeschlagen. Erhard isoliert sich zunehmend als Besserwisser und als ewiger Mahner. ?Maß halten!? warnt er schon anno 1962 die Bürger.Im Oktober 1966 scheidet die FDP aus der Regierung aus, und bald gibt sich auch Erhard geschlagen. Es folgt die große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger. Erhard, gedemütigt, aber nicht verbittert, lebt noch elf Jahre in Bonn, als einfacher Abgeordneter, wie ein Bote aus anderer Zeit.Es ist schwer, sich auf diesen Menschen einen Reim zu machen. Vielleicht auch deshalb, weil ihm die geistige Unabhängigkeit stets am Wichtigsten blieb, obwohl er sich selbst in den Fesseln des eigenen Erfolgs immer mehr verfing. ?Die Macht ist in meinen Augen immer öder, sie ist gefährlich, sie ist brutal, und sie ist im letzen Sinne sogar dumm?, sagt er 1962. Ein Jahr später ist er Kanzler. Soll man so einen ernst nehmen?
Das letzte Wohnhaus Ludwig Erhards liegt in Bonn, in der Nähe des ehemaligen Regierungsviertels. Das Geländer, an dem sich der gehbehinderte Erhard in sein Arbeitszimmer hochschleppte, es hängt noch da. Büsten gibt es und Bilder: Erhard, der Erstaunliche, das große Gesicht, die Zigarre. Drei Männer kümmern sich um sein Erbe, der Vorsitzende, sein Geschäftsführer, ein Archivar. Ihr größtes Problem: Der Stifter wird immer häufiger mit Heinz Erhardt verwechselt, dem Komiker. Möglich, dass Erhard darüber gelacht hätte.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Seine Geschichte harrt noch immer ihrer angemessenen Beschreibung.Seine Geschichte harrt noch immer ihrer angemessenen Beschreibung. ?Einen Mythos kann man nicht erklären und beschreiben?, sagt Stiftungsgeschäftsführer Wünsche, Erhards letzter wissenschaftlicher Mitarbeiter. Der ?Herr Professor?, wie ihn Wünsche noch heute nennt, habe nie auf seiner Meinung bestanden, sondern viel lieber Fragen gestellt.Im fränkischen Fürth kommt Erhard 1897 zur Welt, als Sohn eines liberal gesinnten Kleinbürgers und Einzelhändlers. Über Umwege findet Erhard nach der Lehre im väterlichen Betrieb zur Wirtschaftswissenschaft. Im ersten Weltkrieg 1918 haarscharf dem Tod entronnen, studiert er zunächst in Nürnberg und dann in Frankfurt, sein Doktorvater ist Franz Oppenheimer, wenn man so will auch so ein Sonderling der ökonomischen Theorie. Von Oppenheimer nimmt Erhard vor allem eins mit: den Widerstand gegen Kartelle und wirtschaftliche Interessenverbände.Die Zeit des Nationalsozialismus übersteht Erhard als Wissenschaftler am ?Institut für Wirtschaftsbeobachtung der deutschen Fertigwarenindustrie?. 1944 verfasst er eine Denkschrift über die Wirtschaftspolitik für Nachkriegsdeutschland ? die fällt 1945 den Amerikanern in die Hände. So beginnt die Zeit des Politikers Erhard: Er wird Beauftragter für den Wiederaufbau in Franken, dann bayerischer Wirtschaftsminister, 1947 Chef der ?Sonderstelle Geld und Kredit? der Bizone, dann neuer Direktor der Verwaltung für Wirtschaft. Erhard ist der mächtigste deutsche Politiker im Land.An seinen Überzeugungen ändert das nichts: Erhard denkt an Massenkonsum als Wachstumsmotor, er will die Konsumgüterindustrie fördern und tritt für eine radikale Abkehr von der deutschen Tradition ein, die die Schwerindustrie immer bevorzugte. Eine schnelle Währungsreform und einen schlanken Sozialstaat sollen die Garanten des Wachstums sein.Für Erhard ist ?soziale Marktwirtschaft? zeitlebens vor allem ein ?von einer starken Regierung überwachter freier Markt?. ?Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch?, predigte er. Für Kurt Schumacher, den SPD-Vorsitzenden, war das Unternehmerpropaganda; die meisten Deutschen aber glaubten Erhard ? auch weil es funktionierte.Erhards letzte Jahre im einsamen Haus in Bonn mag man sich kaum vorstellen. Im alten Bundestag durfte er als Alterspräsident das Wort ergreifen, sonst saß er wie sein eigenes Denkmal in Reihe eins der langen Bänke der Unionsfraktion.Sein Eintritt in die CDU wurde zurückdatiert. Auf seinem Mitgliedsbuch fehlen die Gebührenmarken. Wahrscheinlich ist Ludwig Erhard nie heimisch geworden in der CDU.Für Horst Friedrich Wünsche passt das alles ins Bild. Er spricht von Erhards Sekretärin. Der habe der Kanzler erzählt, man habe ihn 1918, nach der Schlacht bei Ypern, bereits auf den Haufen mit den Leichen geschafft. Erhard aber überlebte.Seither, sagte die Sekretärin, habe Erhard geglaubt, er sei wiedergeboren worden. Auch das wäre eine schöne Pointe für das Ende der Geschichte vom Wirtschaftswunder.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Darüber berichtete das Handelsblatt in der 5. Kalenderwoche 1957.
Darüber berichtete das Handelsblatt in der 5. Kalenderwoche 1957 Finanzmärkte
Der Bundesrat hat das Kapitalanlage-Gesetz verabschiedet. Nach US-Vorbild ist es nun Grundlage für Kapitalanlagefirmen. So sollen sich Bürger durch ?Investmentsparen? am Produktivvermögen beteiligen können.HoechstUm fast 20 Prozent auf 1,5 Milliarden D-Mark haben die Farbwerke Hoechst AG 1956 ihren Umsatz gesteigert. Ein Drittel davon stammt aus dem Export. Die Zahl der Mitarbeiter legte um zehn Prozent zu auf 40 000.SüdkoreaDie Demag hat in Südkorea das erste Hüttenwerk errichtet. Bei der Einweihung sagt Staatspräsident Syngman Rhee, das Werk solle der Startschuss sein für die Industrialisierung des Agrarstaates.KohleDeutschland droht eine Kohlelücke. Weil Bergarbeitern zwölf zusätzliche freie Tage zustehen, droht die Jahresförderung um 2,2 auf 123 Millionen Tonnen zu sinken.US-Importe sollen das Defizit ausgleichen.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.02.2006