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Der Programmkünstler ohne Balance

Von Hans-Peter Siebenhaar, Handelsblatt
Josef Andorfer steht als Geschäftsführer des Big-Brother-Kanals RTL 2 auf der Kippe. Der eigenwillige Senderchef gilt seit Wochen als schwer angeschlagen.
HB DÜSSELDORF.In der gestylten Kantine von RTL 2 war das Mittagsmenü gestern teuer: 3,50 Euro kostete das Kartoffel-Gratin. Denn der Preis des Mahls errechnet sich jeden Tag aus zehn Euro als Basispreis minus Zuschauerquote des Vortags. Und am Dienstag hatte es der ?Big-Brother?- Sender nur auf 6,5 Prozent Marktanteil gebracht.Doch die enttäuschende Quote war gestern unter den 130 Angestellten nicht das beherrschende Thema. Im Mittelpunkt stand die Frage: Wann muss Geschäftsführer Josef Andorfer gehen?

Die besten Jobs von allen

Der eigenwillige Senderchef gilt seit Wochen als schwer angeschlagen. Die ?Süddeutsche Zeitung? hatte gestern berichtet, Andorfer müsse seinen Chefsessel zum 1. Februar räumen. Doch noch ist sein Rausschmiss keine beschlossene Sache. ?Es gibt weder einen Antrag noch einen Beschluss auf Ablösung von Herrn Andorfer?, sagt Andreas Fritzenkötter von der Verlagsgruppe Heinrich Bauer (?Bravo?, ?Praline?). Das Hamburger Medienunternehmen hält 31,5 Prozent der RTL 2-Anteile. ?Josef Andorfer ist Geschäftsführer von RTL 2. Alles andere ist Spekulation, an der wir uns nicht beteiligen?, beteuerte Andorfers Schwager Conrad Heberling, Chef der RTL 2-Werbetochter El Cartel Media.Andorfers schärfste Gegner, der Filmhändler Herbert Kloiber (Tele-München-Gruppe) und Gerhard Zeiler, Vorstandschef der Bertelsmann-Tochter RTL Group, schweigen hingegen. Die beiden Österreicher warten auf die Gesellschafterversammlung am kommenden Dienstag ? dann werden wohl Nägel mit Köpfen gemacht. RTL besitzt 35,9 Prozent an RTL 2. Kloiber hält zusammen mit dem Mediengiganten Disney 31,5 Prozent. Sind die beiden sich einig, ließe sich Andorfer leicht entmachten: Es reicht die einfache Mehrheit.Und unwahrscheinlich ist dieser Gang der Dinge auch nicht: Kloiber und Zeiler sind unzufrieden mit den Ergebnissen des hoch profitablen Senders. Die Quote von 7,5 Prozent Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen reicht den beiden Gesellschaftern nicht. Auch von der Gewinnentwicklung sind Kloiber und Zeiler enttäuscht ? obwohl das Plus von 64,2 Millionen auf 67 Millionen stieg. Allein: Andorfer hatte mehr versprochen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Unterdessen bangen die RTL 2-Mitarbeiter um ihren Job.Für Unmut sorgt auch, dass der RTL 2-Macher dem Musiksender MTV kostenlos ?Big-Brother?-Programme überlassen hatte. Die Tochter des Mediengiganten Viacom wird von Andorfers Lebensgefährtin Catherine Mühlemann geleitet: Das riecht nach Familiengeschäft. Für RTL 2 ist hingegen der ?Big Brother?-Deal ein branchenübliches Tauschgeschäft. ?Das ist ein ganz normaler Vorgang. RTL 2 gibt Programmware her und bekommt dafür Werbezeit auf MTV?, sagt ein langjähriger RTL 2-Mitarbeiter.Bei den Mitarbeitern des Senders im Münchener Nobelvorort Grünwald mehren sich die Sorgen um den eigenen Job. Beim letzten Geschäftsführerwechsel vor acht Jahren rollten massenweise Köpfe, Andorfer drängte rund 90 Prozent der Belegschaft aus dem Sender.Und nun tobt schon seit Monaten eine Schlammschlacht um Andorfer, die auch dem Werbegeschäft schadet. Erst vor wenigen Wochen verließ Werbeverkaufschef Christian Overlack-Baudis das Unternehmen. Er sollte mit dem Aufbau des Werbeverkaufsunternehmens El Cartel Media eine dritte Kraft neben RTL und Pro Sieben Sat1 im Fernsehmarkt aufbauen. ?Das ist eine schiere Sensation?, konstatierte Andorfer zum Start vor einem Jahr mit funkelnden Augen. ?Wir haben endlich das Duopol aufgebrochen.? Doch die Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Andorfer und sein Schwager kümmern sich derzeit selbst um El Cartel Media ? um den Schaden zu begrenzen.In den eigenen Reihen steht Andorfer mit seiner ehrlichen, offenen Art dennoch weiter in hohem Ansehen. ?Er hat ein großartiger Talent für das Programm. Er ist ein kreativer Betriebswirt?, lobt ein RTL 2- Manager. Ein früherer Mitarbeiter sagt: ?Er ist ein Programm-Künstler, sehr sensibel, aber auch sehr emotional.? Doch der Programmkünstler scheint die Balance verloren zu haben. Früher hatte es der studierte Theaterwissenschaftler geschafft, die Gesellschafter Kloiber, Zeiler und Bauer mit wechselnden Koalitionen ganz gut in Schach zu halten. In diesen Tagen kann er nur noch auf die Verlagsgruppe Bauer zählen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Josef Arndorfer hat immer die Provokation geliebt.Andorfer hat immer die Provokation geliebt. Er entdeckte für das deutsche Fernsehen die Mangas, schrille japanische Animationsfilme. RTL 2 war der erste Sender, der indische Bollywood-Liebesdramen zur Hauptsendezeit ausstrahlte. Auch das Büro des 47-Jährigen mit Blick auf den Grünwalder Forst, an klaren Tagen sind dort die Alpen zum Greifen nahe, ist eine Provokation: 70 Quadratmeter, ein über vier Meter langer, glänzend weißer Schreibtisch. Gerne blickt er auf sein sieben Meter breites Aquarium, in dem sich Goldfische tummeln. Die Tiere fühlen sich in dem riesigen Bassin wohl ? genauso wie Andorfer über viele Jahre in der Fernsehwelt, dem Haifischbecken unter den Medienbranchen. Doch diese Zeiten sind nun vorüber.Josef Andorfer:
  • 1956 wird er am 16. September im österreichischen Mühlviertel geboren.
  • 1980 geht er nach dem Studium der Theaterwissenschaften als Redakteur zum ORF. 1990 wechselt er zu Sat 1. Dort verantwortet er die Programmplanung für Spielfilme und Serien. Er steigt auf bis zum Geschäftsführer der Programm-Einkaufstochter.
  • 1994 kehrt er als Programm-Manager zum ORF zurück.
  • 1997 wird er Geschäftsführer von RTL 2. Andorfer macht den Jugendsender zum profitabelsten Kanal in Deutschland.
  • 2004 streitet er sich mit Gesellschafter Herbert Kloiber über die Programmpolitik.
  • 2005 verweigern die Gesellschafter RTL und Kloiber Andorfer die Genehmigung seines Budgets.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.01.2005