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Der Premium-Mann

Von Oliver Stock
Sollten Sie beim Lesen dieser Zeilen ein Stück Schokolade kauen ? macht nichts. Ihre Figur wird nicht leiden. ?Schokolade macht nicht dick, sondern glücklich.? Das behauptet zumindest Ernst Tanner. Und der muss es wissen. Tanner hat den altehrwürdigen Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli mächtig durchgewirbelt. Der Lohn: schwarze Zahlen und ein stetig steigender Aktienkurs.
ZÜRICH. Obwohl: So richtig neutral ist er in dieser Frage auch nicht, als Chef und Verwaltungsratspräsident von Lindt & Sprüngli, einem der weltgrößten Anbieter edler Schokolade.Doch immerhin: Er wiegt, wie er so dasteht in seinem gedeckt blauen Anzug, kein Gramm zu viel. Und das, obwohl er gerade wieder eine von diesen rot eingepackten nougatgefüllten Kugeln verzehrt. Und noch eine.

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Managern der Schokoladenindustrie begegnen die Menschen offener als Kollegen aus, sagen wir mal, der Maschinenindustrie. Es ist schon das Produkt, das Herzen öffnet. Dass es auch die Portemonnaies öffnet, daran hat Tanner hart gearbeitet.Gestern wurde wieder abgerechnet: Umgerechnet 620 Millionen Euro Umsatz haben die Chocolatiers von Lindt im traditionell schwachen ersten Halbjahr erzielt, eine Steigerung von über 17 Prozent. Als Tanner vor mehr als zehn Jahren in die Führungsetage des Schokoladenherstellers vom Kilchberg bei Zürich einzog, waren es keine 250 Millionen.Der Reingewinn beträgt aktuell 6,3 Millionen Euro. Damit hat die Schokoladenfabrik erstmals in der 160-jährigen Firmengeschichte innerhalb der ersten sechs Monate, in denen kein Weihnachtsgeschäft das Ergebnis nach oben treibt, überhaupt schwarze Zahlen geschrieben.Aktionäre, die von der jährlichen Hauptversammlung in Zürich kommen, schleppen nicht nur regelmäßig einen blauen Koffer voller Schokolade nach Hause, sondern tragen seit Tanners Amtsantritt auch ein Strahlen im Gesicht, weil sich der Aktienkurs mal wieder vervielfacht hat.Wie machen Sie das, Herr Tanner? ?Der Aufbau einer Karriere gleicht dem Aufbau einer Premiummarke?, sagt Tanner in solchen Fällen und deutet damit an, wie sehr der Chef und sein Produkt miteinander verschmolzen sind.Rudolph Sprüngli ist es, der letzte Firmenchef aus der Gründerfamilie, der 1993 sein Amt in die Hände des weit gereisten Bauernsohns aus dem Schaffhausischen legt. Tanner hatte es zuvor im Salben- und Putzmittelimperium des amerikanischen Konsumgüterkonzerns Johnson & Johnson zum Europa-Chef gebracht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Deutsche Discounter sind TabuzoneDer neue Mann lässt es rundgehen im betagten Schoggi-Zentrum: Er feuert innerhalb von sechs Monaten elf der 13 Chefs der Tochterfirmen. Die freien Posten besetzt er mit Vertrauten, überwiegend mit Managern, mit denen er bei Johnson & Johnson zusammengearbeitet hatte.Der Auftrag für die neue Führungsmannschaft heißt: profitabel wachsen. Tanner verabschiedet sich vom Massenmarkt, erklärt die deutschen Discounter zur Tabuzone. Er konzentriert sich auf Edelschokolade, forciert die internationale Expansion, etwa nach Amerika, und tritt nebenbei eine kleine Revolution los, in den schokoladenduftgeschwängerten Produktionshallen in Kilchberg ebenso wie in der ganzen Branche: ?Bis Anfang der neunziger Jahre gab es überall nur eine Hand voll Schokoladensorten?, stellt er fest. ?Milch, Milch und Nuss, weiße Schokolade, vielleicht noch mit Mandeln, Praliné- und Fruchtfüllung. Wir aber bringen jedes Jahr 20 bis 30 neue Geschmacksrichtungen auf den Markt.?Grundlage für die Schokoladenkreationen der Schweizer bildet jene fein schmelzende Schokolade, die der andere Namensgeber des Unternehmen, Rodolphe Lindt, 1879 erfunden hat. In einer Zeit, in der Schokolade vor allem flüssig konsumiert wurde, erfand er die ?Conge?, eine Reibe in einem muschelförmigen Trog, die die Schokoladenmasse innerhalb von 76 Stunden veredelt. Die Aromen breiten sich aus, säuerliche oder bittere Geschmacksstoffe verflüchtigen sich. Das macht glücklich. In Deutschland gibt es seit 1986 die Tochterfirma Chocoladefabriken Lindt & Sprüngli GmbH in Aachen.Von hier kommt der legendäre goldene Osterhase mit dem roten Halsband und der kleinen Glocke daran. Er ist so beliebt, dass er sogar gefälscht wird ? eine Tatsache, die Tanner genauso wie alle anderen Hersteller von Originalen ärgert und gleichzeitig schmeichelt: ?Viele Konkurrenten?, sagt er, ?haben gar keine Entwicklungsabteilung mehr. Die schauen einfach, was wir machen, und machen es nach.?Zu diesem Weihnachtsfest, für das die Vorbereitungen in der Schokoladenfabrik schon beinahe abgeschlossen sind, will Tanner seine erfolgreiche Tierfamilie vergrößern: Es soll ein ebenso goldig eingepacktes Rentier aus Schokolade geben. ?Wir werden dieses Tier zu Weihnachten ähnlich gut wie den Goldhasen zu Ostern großziehen?, versichert der Schoggi-König und lacht sein breites Lachen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Schweiz: Uhren, Banken und SchokoladeSolche Sprüche machen eben Marketingprofis. Und Tanner ist einer, der sein Handwerk gründlich gelernt hat. ?In Sachen Marktforschung und Erkennen von Konsumtrends sind wir unserer Konkurrenz Lichtjahre voraus?, behauptet er. Wenn er so redet und dazu Schokolade isst, erinnert er an Nicolas Hayek, der sich mit mindestens fünf Edeluhren gleichzeitig schmückt und mit seiner Swatch-Gruppe ebenso verschmolzen zu sein scheint wie Tanner mit Lindt & Sprüngli. ?Lichtgestalten der Schweizer Unternehmerzunft? werden beide in der Schweiz betitelt. Zufällig sitzt Tanner im Verwaltungsrat der Swatch-Gruppe, genauso übrigens wie im Kontrollgremium der Credit Suisse.Damit laufen bei dem glücklichen Manager einige Fäden zusammen, an denen er ziehen kann, um in der Schweiz, wo Uhren, Banken und Schokolade ein Viertel der Wirtschaftskraft ausmachen, etwas zu bewegen.So viele Ämter könnten anderen Misstrauen einbringen. Peter Brabeck, Chef und Verwaltungsratspräsident von Nestlé und ein ähnliches Multitalent in Kontrollgremien wie Tanner, hat das vergangenes Jahr erfahren. Er segelte, als es bei der Generalversammlung um seine Wahl zum Präsidenten ging, ziemlich knapp an einer Niederlage vorbei. Nicht so Tanner. Weil die meisten Menschen Süßes mögen, mögen die meisten eben auch Tanner. Und auf Kapriolen wie Brabeck, der mit Nestlé Schokolade anbietet und gleichzeitig ein Diät-Unternehmen dazukauft, lässt sich Tanner nicht ein. Bei Begriffen wie ?Nutrition? oder ?Functional Food?, die Brabeck problemlos über die Lippen gehen, erstirbt Tanners Lächeln. ?Wer unsere Produkte isst?, sagt er und hält nach einer weiteren roten Kugel Ausschau, ?soll genießen können, ohne an Gesundheit, Kalorien oder andere Nebenwirkungen zu denken.?
Dieser Artikel ist erschienen am 23.08.2006