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Der Präventiv-Schlag

Christoph Stehr
Foto: Bob Heinemann
Bewerben Sie sich um Ihren Traumjob, bevor er in der Zeitung ausgeschrieben wird. So zeigen Sie, dass Sie lieber agieren als reagieren.
"Ich schenke Ihnen Zeit!", las der Unternehmer auf dem Deckel eines Taschenkalenders, der ihm aus einem dicken Brief entgegenglitt. Kein Anschreiben, kein Lieferschein, der Absender auf dem Umschlag sagte ihm nichts. Flüchtig blätterte er durch das Büchlein - und blieb an mehreren Einträgen für die nächsten Wochen hängen: eine Fachtagung, auf der sich Vertreter wichtiger Kunden treffen würden, der Beginn der Tarifverhandlungen, die Bilanzpressekonferenzen zweier Konkurrenzunternehmen. Sogar der Geburtstag eines Geschäftspartners war vermerkt. Alles sauber recherchiert mit Adressen, Telefonnummern - und einem Vorschlag für ein Geburtstagsgeschenk

Des Rätsels Lösung folgte einen Tag später. "Ich schenke Ihnen noch mehr Zeit!", las der Unternehmer auf der Mappe einer BWL-Absolventin, die sich als Organisationstalent und Assistentin der Geschäftsleitung bewarb. Letzter Satz: "Über eine Einladung zum Vorstellungsgespräch würde ich mich sehr freuen." Allerletzter Satz: "P.S. Bitte nicht vergessen, unseren Gesprächstermin in den Kalender einzutragen." Was der Unternehmer prompt tat

Die besten Jobs von allen


Experten schätzen, dass Initiativbewerber bei zehn bis 20 Prozent aller Stellenbesetzungen die Nase vorn haben. Manche Unternehmen wie die Boston Consulting Group schalten überhaupt keine klassischen Stellenanzeigen mehr, sondern locken Absolventen und Young Professionals allein mit Imagewerbung aus der Reserve - der Wettlauf der kreativsten Jobsucher kann beginnen. Oberstes Gebot: "Versetzen Sie sich an die Stelle des Arbeitgebers", sagt die Hamburger Karriereberaterin Martina Frisch. "In welcher Situation befindet er sich? Welche Mitarbeiter braucht er? Bieten Sie die Lösung. Arbeiten Sie Ihre passenden Fähigkeiten und Erfahrungen genau heraus." Das setzt voraus, dass sich der Bewerber gründlich informiert hat - und dass er seine Mappen nicht wahllos verballert. Eine gute Strategie ist, mindestens ein halbes Jahr vor der konkreten Jobsuche ein Ranking der 100 Wunschunternehmen zu erstellen. Die Bewerbungen sollten dann zehnerweise "bottom-up" rausgehen, das heißt zuerst an Platz 91 bis 100 des Rankings, dann an Platz 81 bis 90 und so weiter. Das hat den Vorteil, dass der Bewerber seine Unterlagen nach dem Feedback der Unternehmen optimieren kann und schließlich bei seinen Top-Favoriten in Bestform antritt

Formal unterscheidet sich die Initiativbewerbung kaum von der "normalen" Bewerbung, die auf eine Stellenanzeige reagiert. Also eine Seite Anschreiben, ein bis zwei Seiten Lebenslauf mit Foto, Zeugnisse und Arbeitsproben sind von neu bis alt sortiert. Das Ganze "funktioniert wie ein gut geschnittener Bikini: beste Unterstützung bei minimaler Stofflichkeit", sagt Gerhard Winkler, der die Web-Seite Jova-nova.com betreibt. Möglich ist auch eine Kurzbewerbung, die aus Anschreiben, Lebenslauf und eventuell einem Qualifikationsprofil besteht

Der Initiativbewerber muss schneller und direkter seine Verkaufsargumente anbringen als jemand, der sich auf ein Stellenangebot bezieht. Denn: "Niemand hat Sie um eine Bewerbung gebeten - Sie sind ein Verkäufer in der Kaltakquise", sagt Daniel Tschentscher vom Bewerbungsbüro Köln. Jeder Satz muss Nutzen versprechen

Eine Bewerbung mit Pfiff - siehe Taschenkalender - hat natürlich größere Chancen, wahrgenommen zu werden, als die 08/15-Mappe. Auffallen um jeden Preis ist jedoch falsch. Wer sich beispielsweise als Controller bei einer Versicherung bewirbt, sollte Witz und Effekte sparsam dosieren. Dagegen sind in Werbung, PR oder Design originelle Bewerbungen fast schon Standard

Eine Erfolgsgarantie gibt es aber auch hier nicht, wie ein junger Werbetexter erkennen musste. Er hatte sich auf dem Flohmarkt einen 1,50 Meter mal einen Meter großen Bilderrahmen besorgt und in diesen seine Mappe gehängt. Idee: die Bewerbung, die aus dem Rahmen fällt. Vier Wochen wartete er auf die begeisterte Rückmeldung aus der Agentur, vor deren Haustür er das Ungetüm abgestellt hatte. Dann rief er selbst an. Nein, eine solche Bewerbung sei nicht eingegangen, versicherte ihm die Sekretärin. Gemeinsam rekonstruierten sie, an welchem Tag genau der Rahmen vor der Tür stand. Endlich erinnerte sich die Sekretärin: Es war der Tag, an dem sie den Sperrmüll für die alten Büromöbel bestellt hatte. Initiativbewerbung: und so geht's

"Hallo, ich wollte mich mal kurz vorstellen." Bewerber, die "einfach so" mit ihrer Mappe unterm Arm vorbeispazieren, zeigen Mut, Eigeninitiative und Durchsetzungsvermögen. Eigenschaften, die bei Personalern gut ankommen. Dennoch ist der Überraschungsbesuch keine Strategie für jedermann. "Wer sich spontan bis zum Personalchef durchkämpfen will, sollte selbstbewusst und charmant sein, und wissen, dass er sympathisch rüberkommt", sagt Andrea Erdmann, Personalberaterin aus Bergheim bei Köln

Auch eine gehörige Portion Überredungskunst gehört dazu, denn schließlich versuchen Pförtner und Sekretärinnen, unangemeldete Besucher abzuwimmeln. Um so beeindruckender, wenn der Bewerber es trotzdem schafft

"Besonders für einen Job im Marketing, bei den Medien oder im Vertrieb kann so ein Auftritt ein echter Türöffner sein", weiß Beraterin Erdmann. Gute Chancen auf Erfolg hat die Hallo-da-bin-ich-Methode auch bei kleinen Unternehmen wie Kanzleien, Architektur- und Ingenieurbüros oder in Familienbetrieben, wo der Chef alles selbst entscheidet. Auch Studenten auf der Suche nach einem Praktikum oder Ferienjob sollten auf den persönlichen Auftritt setzen

Wer dagegen als Controller oder Finanzfachmann arbeiten will, sollte die Finger von der Überfall-Methode lassen. In Konzernen werden allzu dynamische Bewerber eher auf Granit beißen. Denn dort kommt man ohne Code und Personalkarte gar nicht ins Haus, geschweige denn zum Personalchef

Wichtig: Der unangemeldete Besuch muss gut vorbereitet sein. Denn der erste Eindruck zählt. Daher unbedingt auf die richtige Kleidung achten, wie bei einem offiziellen Vorstellungsgespräch. Und sich von einer Abfuhr nicht nervös machen lassen. "Bleiben Sie höflich, auch wenn man versucht, Sie abzuwimmeln. Denn damit müssen Sie rechnen", rät Erdmann. Hat niemand Zeit, sollte der Bewerber die Unterlagen da lassen, Name und Telefonnummer des zuständigen Personalers erfragen und einige Tage später telefonisch nachhören

Gute Alternative zum Spontan-Besuch im Büro: bei Jobmessen, Kongressen oder nach Vorträgen auf die Recruiting-Leute der Unternehmen zugehen. Das kommt quer durch alle Branchen gut an. "Ich finde es klasse, wenn mich ein interessanter und gut vorbereiteter Bewerber direkt anspricht", erzählt Inka Wittmann, Personalchefin der Werbeagentur Jung von Matt. "Landet später seine Bewerbung auf meinem Tisch, verbinde ich damit gleich ein Gesicht und das vorangegangene Gespräch - und das kann natürlich ein Bonus sein."
Dieser Artikel ist erschienen am 07.02.2003