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Der Porsche Boxer

Von Markus Fasse
Uwe Hück ist eine Ausnahme unter Deutschlands Betriebsräten: Er wird gefeiert wie ein Popstar und ist dabei auf Augenhöhe mit dem Porsche-Vorstand. Und der Genosse Hück sieht sich noch lange nicht am Ende seiner Laufbahn.
Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück. Foto: dpa
HB STUTTGART. Der aufstrebende Referent des Produktionsvorstandes eilt hinzu, schaut sich den Fall an, verspricht Abhilfe. Wenige Tage später muss sich kein Lackierer mehr bei Porsche Sorge um seine Füße machen ? eine kleine Kulturrevolution.Die Episode ist zwanzig Jahre her und soll das erste Zusammenkommen zwischen dem Arbeiter Uwe Hück und dem Manager Wendelin Wiedeking gewesen sein. Damals galt bei Porsche nur, was von oben verordnet wurde ? wenige Jahre später war die Sportwagenschmiede so gut wie pleite.

Die besten Jobs von allen

Heute ist Porsche der profitabelste Autohersteller der Welt, Hück Gesamtbetriebsratschef und Wiedeking Vorstandsvorsitzender. Und wenn die beiden einen neuen Standortsicherungsvertrag verkünden, dann kommt der Kanzler, und Hück und Wiedeking lassen sich feiern wie Popstars. So geschehen vor drei Wochen im Stammwerk Zuffenhausen.Solche Auftritte liebt der gebürtige Schwabe Hück. Mit stolzgeschwellter Brust verkündete der Zwei-Meter- Hüne vor den Arbeitern was er für sie erreicht hat: Hohe Investitionen und sichere Arbeitsplätze in den Stammwerken Zuffenhausen und Ludwigsburg bis 2010. In diesen Tagen werden beide ihre Unterschrift unter das Vertragswerk setzen.Dafür müssen die Porsche-Beschäftigten flexibler arbeiten ? und das, obwohl Porsche im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde Euro verdient hat. Für Hück kein Widerspruch: ?Wir machen jetzt Profite. Und die brauchen wir, um unsere Zukunft zu sichern. Ob wir auch in Zukunft Profite machen, weiß niemand.? Eine bessere Verzichtsrhetorik findet auch Wiedeking nicht.?Ich will anderen das ersparen, was ich selber durchgemacht habe?, sagt Hück. Mit zwei Jahren verliert er seine Eltern bei einem Verkehrsunfall, ein Kinderheim wird sein Zuhause. Er kämpft um Zuneigung und Anerkennung, Kollektive müssen die Familie ersetzen. Ob in der Schule oder im Sportverein, erst ist er der Rebell, dann der Anführer. Mit 15 zieht er gegen den Widerstand des Jugendamtes aus dem Heim aus und lernt Lackierer. Bestätigung findet er vor allem im Kampf: Seine Leidenschaft Thaiboxen macht er zum Profisport, zweimal wird er Europameister.Noch heute steht er regelmäßig auf der Matte und misst seine Kraft. Russlanddeutsche trainiert er nach Feierabend, auf Fotos steht Hück umringt von schüchtern blickenden Jungs mit Bärenkräften. Im Ring sollen sie das Leben lernen, Ehrgeiz, Disziplin, Respekt. Sie machen Ausbildungen, einer studiert sogar.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Auf Augenhöhe mit dem Porsche-VorstandWenn Hück mit seinem silbernen 911 zum Training kommt, dann ist er der Held vor der Sporthalle in Pforzheim. Seht her, will er sagen, das wird aus ehrlicher Leistung. Die Leasingraten für den Boliden zahlt er aus eigener Tasche.Als Hück 1985 zu Porsche kommt, ist der Lack der Sportwagenschmiede ist bereits angekratzt. Weder die Zwänge des Marktes noch die Gesetze der Betriebswirtschaft zählen noch in Zuffenhausen. ?Wir haben zu lange die gleichen Autos gebaut und in der Krise die Preise erhöht?, sagt Hück heute. Anfang der 90er der Crash: Porsche fährt gegen die Wand. 2 000 Arbeiter verlieren ihren Job, für den damals jungen Betriebsrat ein Trauma. Nie wieder, so schwört er sich, dürfe so etwas passieren. In diesen Jahren übernimmt Wendelin Wiedeking das Ruder und führt Porsche zurück auf die Erfolgsspur. Jeder Mitarbeiter soll künftig volle Verantwortung für sein Handeln übernehmen, fordert Wiedeking.Hück büffelt sich über den zweiten Bildungsweg durch das Arbeits- Tarif und Sozialrecht. Wenige Jahre später wird er Betriebsratsvorsitzender: Jetzt darf er mitentscheiden, er ist auf Augenhöhe mit dem Vorstand.?Wiedeking und ich sind nicht zum Schmusen geeignet?, kokettiert Hück heute und blättert mit seinen riesigen Händen durch das Vertragswerk zur Standortsicherung. Er sei es gewesen, der Wiedeking zu dem Vertrag gedrängt habe. Porsche will expandieren, eine vierte Baureihe soll den Konkurrenten BMW und Mercedes das Fürchten lehren. Und die Autos sollen in Deutschland gebaut werden, das will Hück festgeschrieben haben. ?Wiedeking und Hück sind Sturköpfe?, heißt es bei der IG Metall in Stuttgart, ?das ist für das Unternehmen gut?.Die Bauchentscheidungen des Belegschaftschefs von Zuffenhausen haben die Metaller noch in guter Erinnerung. Als Jürgen Peters vor zwei Jahren nach dem Streikdesaster in Ostdeutschland zum IG-Metall-Chef gewählt werden sollte, sah Hück rot. Er kündigte eine Gegenkandidatur an, doch der Putsch scheiterte. ?Die Demokratie hat gnadenlos zugeschlagen?, sagt der Unterlegene. ?Aber ich bin Demokrat und akzeptiere Mehrheitsbeschlüsse.? Mit Peters habe er sich kürzlich ausgesprochen: Burgfrieden.Der Genosse Hück sieht sich nämlich noch lange nicht am Ende seiner Laufbahn. Bildung, Mitbestimmung, Tarifautonomie, das führt zum Erfolg. Sobald der Standortsicherungsvertrag unterschrieben ist, zieht er in den Wahlkampf für seinen Duzfreund Gerhard Schröder. Es gibt halt nicht viele Betriebsräte, die zur Zeit guten Gewissens mit einem Porsche auf SPD-Veranstaltungen fahren können. Die Bühne wird Hück zu nutzen wissen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Uwe Hück Die Vita von Uwe Hück1962 wird er in Stuttgart geboren.1978 macht er seinen Hauptschulabschluss, anschließend beginnt er eine Karriere als Thaiboxer.1982 wird er zum zweiten Mal nach 1980 Europameister im Thaiboxen.1985 beginnt er als Lackierer bei Porsche.1987 wird er zum Vertrauensmann gewählt.1990 wählen ihn die Porsche-Mitarbeiter in den Betriebsrat.1994 wird er freigestellter Betriebsrat.1998 gelangt er in den Aufsichtsrat von Porsche.2002 expandiert Porsche mit einem neuen Werk nach Leipzig. Hück wird Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates.2005 handelt er mit Porsche einen Standortsicherungsvertrag bis 2010 aus.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.07.2005