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Der politische Unternehmer

Von Martin Noe, Handelsblatt
Werner Müller führt mit der RAG den eigenartigsten Konzern Deutschlands. Auch der ehemalige Minister ist alles andere als ein gewöhnlicher Manager.
Werner Müller, Foto: dpa
ESSEN. Sie packen lieber einmal zu brutal zu, als einmal zu weich. Wenn sie genötigt werden, eine schlechte Eigenschaft von sich zu nennen, fällt ihnen immer die Vokabel ?ungeduldig? ein. So sind deutsche Vorstandsvorsitzende. Sie gleichen einander wie ein Ei dem anderen.Unsinn.

Die besten Jobs von allen

Während sich draußen, jenseits der Panoramascheiben des 21. Stocks, ein wunderbarer Herbstmorgen entfaltet, winkt Werner Müller den Besucher herein. Noch telefoniert er. Klaviermusik plätschert durch den großen Eckraum, es sind Sonaten von Scarlatti. Unterhaltsam, aber technisch schwierig. Horowitz hat sie gespielt, Werner Müller tut es gelegentlich auch.Sein Schreibtisch ist groß und fast leer, bis auf zwei dicke Bücher (ein Werk über die Hüls-Chemie sowie ein Bildband über Schornsteine) und 20 rosafarbene Rosen. ?Ja, Herr Starzacher?, sagt Werner Müller und verabschiedet sich. Das Raumthermometer zeigt gleich bleibend 24 Grad an.Der Vorstandschef der RAG, die früher einmal Ruhrkohle hieß und deren Daseinszweck die Gewinnung von Steinkohle war, hat?s gerne schön warm. Er trägt eine Weste und wirkt nicht gerade wie ein harter Kerl. Beim Gehen wackelt der ganze schlanke Mann, und sein Oberkörper ist immer nach vorne gebeugt, so als habe er das Strammstehen nie gelernt. Leise spricht Werner Müller und langsam mit vollen Genusslippen. Er sagt Sätze wie ?Die Null ist ein Messer ohne Griff, dem die Klinge fehlt? oder ?Ich habe kein Manuskript, deshalb weiß ich nicht so genau, was ich sagen werde?. Der erste ist ein Zitat des Aphoristikers Georg Christoph Lichtenberg, der zweite Müllers Art zu scherzen. Einen Doktortitel hat er auch, in Sprachwissenschaften.Kann so einer der Vorstandsvorsitzende eines der größten deutschen Unternehmen sein, mit über 80 000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 15 Milliarden Euro??Herr Starzacher?, Karl, sein Vorgänger und Gesprächspartner am Telefon, ist zum 31. Mai aus dem Unternehmen ausgeschieden. Die Anteilseigner trauten ihm offensichtlich nicht den kompletten Umbau des Konzerns zu. Denn genau darum geht es. Die RAG wird, wenn Müller mit ihr fertig ist, völlig anders aussehen als heute, sie wird voraussichtlich nicht einmal mehr so heißen.?Leute, die sagen, Werner Müller ist kein Alpha-Tier, haben in gewisser Weise Recht?, sagt Bernd Stoy, der den RAG-Chef seit 30 Jahren kennt. ?Aber?, fügt Stoy wie warnend hinzu, ?wenn er von einer Sache überzeugt ist, dann geht er früher oder später durch die Wand. Wer Werner Müller unterschätzt, kann bitter dafür bezahlen.? Wer die RAG führen will, muss die Politik kennenAls Bernd Stoy ihn kennen lernte, war der heutige RAG-Chef ein junger Mann von 26 Jahren und gerade von der Hochschule geflogen. Genauer gesagt: Wegen des Bruchs des Treueeids hatte ihm ein rheinland-pfälzischer Kultusminister namens Bernhard Vogel (CDU) fristlos gekündigt. Der Lehrbeauftragte der Fachhochschule Ludwigshafen hatte gemeinsam mit dem linksradikalen Studentenbund Spartakus eine Pressekonferenz gegeben und seine Landesregierung wegen schlechter Zusammenarbeit mit der Hochschule auf der anderen, baden-württembergischen, Rheinseite kritisiert. Jetzt brauchte er einen Job, fand eine Stellenanzeige des RWE-Konzerns, die einen Marktforscher in der Energieabteilung suchten. Deren Leiter hieß damals Bernd Stoy. Bei RWE schrieb Müller ein Buch, ?Entkoppelung?, in dem er belegte, dass der Energieverbrauch nicht mehr parallel zur Wirtschaftsleistung wachsen werde. 1980 ging er zur Veba, wo er bald der wichtigste Berater von Konzernchef Rudolf Bennigsen-Foerder wurde und ihn überredete, aus der umkämpften Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf auszusteigen.Nach Bennigsen-Foerders Tod hatte Müller seinen Mentor im Konzern verloren. Zu viele Manager hatte sich der geistig hochfliegende Berater zu Feinden gemacht, um eine große Karriere im Konzern starten zu können. Er wurde Vorstand bei einer Veba-Enkelgesellschaft, der Veba Kraftwerke Ruhr AG. 1997 schied Müller aus, ein Jahr später holte ihn Gerhard Schröder als Wirtschaftsminister ins Kabinett, wo er vier Jahre solide arbeitete und dem Kanzler den Atomausstieg managte.Nun also RAG.Die RAG ist ein seltsames Gebilde und sicherlich der eigenartigste Konzern Deutschlands (siehe ?Das Unternehmen?). Weil die Steinkohle im Staatsauftrag gefördert wird und die RAG dafür haftet, muss Werner Müller, wenn er Beteiligungen kaufen oder verkaufen will, nicht nur seinen Aufsichtsrat überzeugen, sondern auch Beamte. Ohne die Genehmigung des so genannten interministeriellen Ausschusses, besetzt von Ministerialen aus Berlin und Düsseldorf, geht nichts. Dann ist da noch die extrem starke Stellung der Gewerkschaft IGBCE, abgesichert durch die Montanmitbestimmung. Und die Großaktionäre der RAG ? Eon, RWE und Thyssen-Krupp ? sind sich selbst mehr Gegner als Partner. Einig sind sie sich nur darin, dass die RAG weiter eine ordentliche Dividende abwerfen muss.Wer die RAG führen will, muss etwas von Politik verstehen. ?Man kennt viele handelnde Personen?, antwortet Müller wortkarg auf die Frage, wozu ihm denn seine Zeit als (parteiloser) Minister heute nütze. Mit Gerhard Schröder beispielsweise ist er seit einem Jahrzehnt befreundet. Und Hubertus Schmoldt, den IGBCE-Chef, kennt er fast ebenso gut. Als sich die beiden auf einer Gewerkschaftsveranstaltung treffen, lotst Müller den Gewerkschafter schnell in ein Hinterzimmer des Bildungszentrums. Die Stimmung ist gelöst, nicht nur wegen des kredenzten 97er-Chianti. So bereitet Müller gerne Entscheidungen vor.Von ?barocken Strukturen? im Konzern hat er selbst auf der Führungskräftetagung im Sommer in einem stillgelegten Duisburger Hüttenwerk gesprochen. Davon, dass er aus dem Unternehmen ?einen strotznormalen Konzern in der ersten Bundesliga der großen deutschen Konzerne? machen wolle. Und davon, dass ?jeder Konzernteil dem Zwang zur Wertsteigerung unterliegt?, um dann anzufügen, ?von diesem Zustand sind wir noch ein gutes Stück entfernt.? Dafür erhielt er viel Beifall, er wundert sich noch heute darüber. Denn viele Manager werden nicht mehr in die neue Zeit hineinpassen.Müller ist keiner, der brachial vorgehtZwei Probleme hat Müller, 57, vor allem ? und beide hängen miteinander zusammen. Er muss einen Teil des Konzerns verkaufen, um für die Übernahme des Feinchemie-Konzerns Degussa (ab Mai 2004 mit 50,1 Prozent) die restlichen Milliarden bezahlen zu können. Und er muss mit der Degussa zurechtkommen, genauer gesagt mit ihrem Chef Utz-Hellmuth Felcht, 56, einem (auch politisch) konservativen, versierten Chemiemanager. Von ihm weiß man, dass es für ihn immer noch eine Art Kulturschock ist, wenn er alle zwei Wochen zur Vorstandssitzung ins RAG-Hochhaus am Essener Bahnhof kommt. Wenn er dort mit ?Glück auf!? begrüßt wird und im Fahrstuhl bis zur Vorstandsetage von einem Wachmann begleitet wird, samt gekreuzten Hämmerchen am Revers. Vor allem aber muss er sich sorgen, dass Müller die Degussa ausplündert, um seinen Steinkohlenbergbau zu finanzieren; jährlich etwa 160 Millionen Euro braucht er dafür.Werner Müller sagt, sein Verhältnis zu Felcht sei ?gut?, und erzählt zur Illustration, dass sie nicht nur dieselbe Zigarillomarke rauchten (Petit Nobel), sondern auch schon gemeinsam in einem Zimmer übernachtet hätten, in einem Doppelstockbett. Da waren sie zu einem Manöver auf der Ostsee eingeladen, auf einem Kriegsschiff. Ein langjähriges Aufsichtsratsmitglied der RAG meint, Müller und Felcht seien wie ?Feuer und Wasser?. Zum Zerwürfnis sei es bisher jedoch nicht gekommen, heißt es aus dem Konzern.Müller ist keiner, der brachial vorgeht. Niemanden hat er mitgebracht zur RAG, nur der Kommunikationschef wurde inzwischen ausgetauscht. Der Vorstandsvorsitzende versucht zu überzeugen ? und er sichert sich ab. So hat er Felcht zum RAG-Vorstand gemacht. Einerseits. Andererseits hat er sich nun einen ehemaligen Chemie-Topmanager in die RAG-Holding geholt, um Felcht auf die Finger gucken zu können.?Mein Führungsgrundsatz ist ganz einfach: Man muss die Menschen immer so behandeln, wie man selbst behandelt werden will?; das klingt menschenfreundlich und idealistisch nach dem Philosophen Immanuel Kant, es hat aber ganz praktische Folgen: Derzeit führt die RAG eine Vorgesetztenbewertung ein, auch der Chef fällt darunter. Gleichzeitig werden die Gehälter stärker erfolgsabhängig. Beides erhöht den Druck auf die Leistungsträger. Und dass er ? ein Novum für die RAG ? eine Tochterfirma Pleite gehen ließ, ?es war an einem Freitag, den 13.?, erzählt er gerne innerhalb und außerhalb des Konzerns.Natürlich lobt Müller wie viele Manager den Teamgedanken, wohl wissend, dass er nicht immer nach ihm lebt. ?Ich kann nachvollziehen, dass viele glauben, an der letzten Entscheidung nicht beteiligt zu sein?, sagt er selbst über seine Mitarbeiter. Im Wirtschaftsministerium galt der Chef als einer, der viel mit sich selbst ausmacht.Er gilt als Chef, der viel mit sich selbst ausmachtAkten und Vermerke liest der Vorstandsvorsitzende jedoch. ?Das war?s?? fragte er die Bürgermeisterin aus Marl, als sie eine Stunde miteinander in seinem Büro über die Ruhrgebietsstadt und ihre Verbindungen zum Konzern geredet hatten. Um dann mit den Worten ?Sie hätten noch ansprechen können? zu einer Kladde zu greifen und über ein Hallenbauprojekt vor Ort zu reden. Die Bürgermeisterin schaut überrascht vom Ledersofa auf, erstaunt über die Detailkenntnis und ein wenig geschmeichelt.Werner Müller kann Menschen für sich einnehmen, er kann sie auch vor den Kopf stoßen. Beide Eigenschaften sind nicht der Lektüre von Managementbüchern zu verdanken. Von seinen Chefs, sagt Müller, habe er am meisten über Führung gelernt, und erzählt eine Geschichte von Bennigsen-Foerder. Der damalige Veba-Vorstandsvorsitzende hatte seinen jungen Berater aus dem Büro geworfen, weil ihn dessen unverblümte Kritik nervte. Eine halbe Stunde später rief Bennigsen-Foerder wieder an und fragte, ob er Zeit für eine Tasse Kaffee habe. ?Dann erklärte er mir, wie er Kritik gerne vorgetragen hätte.?Müller lächelt distanziert. Jeder Manager ist anders.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.11.2003