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Der Politikverächter

Von Oliver Stock
Wer Wolfgang Reithofer an einem Tag wie dem gestrigen Mittwoch in Wien erlebt hat, dem fällt eine Hand voll Themen ein, die sich mit dem Mann besprechen lassen müssten. Der Mann hat alles im Griff ? bis auf die Staatsbahnen. Fangen wir mit dem Geschäftlichen an: Der Chef von Wienerberger, dem größten Ziegelproduzenten der Welt, hat gestern wie immer schwungvoll die Zahlen des Konzerns vorgetragen.
Fangen wir mit dem Geschäftlichen an: Der Chef von Wienerberger, dem größten Ziegelproduzenten der Welt, hat gestern wie immer schwungvoll die Zahlen des Konzerns vorgetragen. Das selbst gesteckte Ziel hat er erreicht ? zehn Prozent Plus bei Umsatz und Ergebnis. Er erwartet in diesem Jahr mehr Wachstum in Europa, wodurch eine mögliche Krise am Bau in den USA kompensiert würde.Zwei US-Werke wurden bereits geschlossen. Reithofer kündigt emotionslos weitere ?Optimierungsmaßnahmen? an. Dazu, so sagte er selbstbewusst, könnten auch Zukäufe angeschlagener Konkurrenten zählen. Der Umsatz soll auf 2,5 Milliarden Euro steigen. Mit diesen Ergebnissen, so dürfte sicher sein, wird Reithofer wie geplant bis 2011 an der Spitze des Konzerns stehen.

Die besten Jobs von allen

Das gilt nicht für seinen zweiten Chefposten: Der Österreicher, der das traditionsreiche Wiener Schottengymnasium absolviert hat und anschließend Jura und Betriebswirtschaft studierte, ist sozusagen im Nebenberuf Aufsichtsratspräsident bei den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB). Damit hat er, weil in der Alpenrepublik wie in Deutschland jeder Bewohner haargenau weiß, was bei der Bahn schlecht und gar nicht läuft, und auch Tipps hat, wie es sich leicht verbessern ließe ? damit hat er also einen der undankbarsten Jobs, den Manager ergattern können.Er habe es als Herausforderung gesehen, in ein öffentliches Unternehmen einzusteigen, das private Strukturen einführt, sagte Reithofer gestern offiziell. Die Herausforderung wird im Mai vorbei sein. Dann tritt der 59-Jährige nach einigen Querelen, in denen die ÖBB verwickelt waren, im Mai als Präsident zurück. Inoffiziell dürfte ihm eine Last von der Seele fallen, gegen die die Wachstumsschwäche von Wienerberger in den USA ein mit keinem Ziegel der Welt aufzuwiegendes Leichtgewicht ist.Beim Thema Nummer drei verfinstert sich die Miene des sonst gut gelaunten Chefs, denn es geht um jene österreichischen Politiker, die die ausgeprägte Angewohnheit haben, sich in Wirtschaftsthemen einzuschalten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Austeilen kann erWienerberger gehört wie der Edelstahl-Hersteller Böhler-Uddeholm zu den Vorzeigeunternehmen in Österreich. Böhler-Uddeholm könnte demnächst von einem Finanzinvestor übernommen werden, was derzeit Politiker zwischen Neusiedler- und Bodensee beklagen. Ihr Jammern, meint Reithofer und sagt, er drücke sich noch vorsichtig aus, ?ist nicht optimal für den Standort?. Unvorsichtiger fügt er hinzu: ?Ich spreche Politikern den Sachverstand ab, sich über den Kapitalmarkt zu äußern.?Austeilen kann er. Kann er auch einstecken? Damit wäre ein Punkt angesprochen, der für Reithofer ein Lebensthema ist. Der Vater von drei Kindern, der Vielflieger und erfolgreiche Chef von Wienerberger, der Bahnfahrer und Politikverächter sitzt im Rollstuhl. Er macht kein Aufhebens davon. Er kommt in sein gläsernes Büro ganz oben in einem der neuen Türme auf dem Wienerberger-Gelände so schwungvoll auf Rädern hineingesurrt, das gesunde Kollegen kaum Schritt halten können.Reithofer leidet an Multipler Sklerose, aber er steckt diesen Schicksalsschlag nach außen weg wie Vorstandskollegen vielleicht rote Zahlen bei einer unwichtigen Tochterfirma. Vor seiner Bestellung zum Vorstandsvorsitzenden des weltgrößten Ziegelkonzerns hat er sich von seinen Ärzten in einem geschlossenen Kuvert seine Berufstauglichkeit bestätigen lassen. ?Ich muss ja nicht als Langstreckenläufer auftreten?, pflegt er denen zu antworten, die Fragen nach der Vereinbarkeit von Krankheit und Beruf stellen.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.03.2007