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Der philosophische Volkswirt

Von Petra Schwarz
Das Paradies für deutsche Forscher liegt außerhalb der Mauern der Universitäten ? zum Beispiel beim Max-Planck-Institut zur Erforschung von Wirtschaftssystemen in Jena. ?Unsere Arbeitsmöglichkeiten sind unvergleichlich besser?, erklärt der Spieltheoretiker Werner Güth.
HB DÜSSELDORF. Dabei gilt der 61-Jährige unter Kollegen aus der Wissenschaft als liebenswert ? allerdings sei er eben ?durch und durch ein Wissenschaftler?, wie es einer seiner Weggefährten formuliert.Dass Güth seinen eigenen Stil pflegt, zeigt bereits die kurze Selbstdarstellung auf seiner Homepage: Er sieht sich eher als Sozialwissenschaftler denn als Ökonom. Sein Interesse gilt den Disziplinen Psychologie, Philosophie, evolutionäre Biologie und Politikwissenschaften. Die Spieltheorie vereint diese Disziplinen aus seiner Sicht und ist für ihn deswegen ?der reichhaltigste Handwerkskasten für jeden Architekten sozialer Interaktion?. Die Spieltheorie analysiert, wie Menschen in Systemen mit vorgegebenen Regeln handeln.

Die besten Jobs von allen

Einen Namen hat sich Güth Mitte der 70er-Jahre mit dem Ultimatumspiel gemacht: Spieler A bekommt dabei einen bestimmten Geldbetrag, den er auf sich und Spieler B aufteilen darf. Lehnt B die angebotene Aufteilung ab, bekommt keiner von beiden Geld. Für B wäre es also unter rein materiellen Gesichtspunkten rational, auch eine als ungerecht empfundene Aufteilung anzunehmen. Experimente zeigen aber, dass Spieler B als zu gering empfundene Beträge häufig ablehnt. Um das zu vermeiden, bietet Spieler A häufig Aufteilungen an, die Spieler B annähernd die Hälfte des Betrags gewähren.Das Experiment gehört heute zum Standard-Instrumentenkasten der experimentellen Wirtschaftsforscher. Mit ihm lässt sich zeigen, dass Menschen nicht stets streng den eigenen materiellen Nutzen optimieren. ?Wir sollten uns so betrachten, wie wir sind, nämlich allenfalls beschränkt rational. Wir streben nach zufrieden stellenden, nicht nach optimalen Resultaten?, meint Güth auf die Frage nach praktischen Anwendungsmöglichkeiten der spieltheoretischen Erkenntnisse.In kleineren Interaktionsgruppen ? zum Beispiel bei langfristigen Lieferbeziehungen ? verhalten sich Menschen eher fair, hat Güth herausgefunden: ?Da wirtschaftliches Handeln nicht in Isolation stattfindet, sind wir gut beraten, auch die Interessen und Gefühle anderer zu berücksichtigen.? Auf Märkten mit privaten Informationen sei dagegen fast niemals faires Verhalten zu beobachten. Eine typische Situation ist der Arbeitsmarkt: Der Arbeitnehmer weiß, wie produktiv er arbeitet ? der Unternehmer, der ihn einstellt, weiß es nicht.Seine Experimente zum Ultimatumspiel unternahm Güth zusammen mit Rolf Schmittberger und Bernd Schwarze ? damals seine studentischen Hilfskräfte. Es ist ihm wichtig, die beiden zu nennen. ?Jeder einzelne von uns sollte sich nicht so wichtig nehmen?, schreibt Güth auf die Frage nach seinen größten Forschungserfolgen und fügt hinzu: ?Ist es nicht eher die Vielzahl kleiner Beiträge, die zu neuen Einsichten führt??Güth liebt es, zu differenzieren, Verallgemeinerungen sind ihm ein Gräuel. Auf die Frage, ob das VWL-Studium Elemente der Sozialwissenschaften enthalten soll, antwortet er, ganz überzeugter Spieltheoretiker: ?Ich würde das die Studenten/innen selbst entscheiden lassen, da sie auch die Konsequenzen ihrer Entscheidungen zu (er)tragen haben.?Gespielt wird in Jena in einem modernen Computerlabor mit Plätzen für 32 Spieler. Zusätzlich gibt es ein Videolabor mit acht Kabinen. In der Regel führen die Wissenschaftler bis zu acht Experimente im Monat durch ? die meisten zählen zum Feld der Betriebswirtschaftslehre. ?Einen Anwendungsbereich gibt es, überspitzt formuliert, nirgends?, stellt Güth fest. ?Ich betreibe Grundlagenforschung.?Güth interessieren insbesondere konzeptionelle Fragen der Spieltheorie, zum Beispiel die Frage des ?Spielerbegriffs?. Dahinter stehen philosophische Überlegungen wie: Ist ein Politiker vor der Wahl und nach einer gewonnenen Wahl derselbe Entscheider, oder sollte man zwei unabhängige Entscheider für diesen Politiker unterstellen? Außerdem fesselt ihn die ?indirekte Evolutionsmethodik?. In der herkömmlichen Evolutionstheorie bestimmt der materielle Erfolg das Überleben. Die indirekte Evolutionsmethodik bezieht zudem vorausschauendes Handeln der Akteure in die Überlebensstrategie mit ein.Vor ein paar Jahren noch hatte Güth aber versucht, den praktischen Nutzen der Spieltheorie zu zeigen. Während seiner Zeit als Professor für Wirtschaftstheorie an der Humboldt-Universität zu Berlin betrieb der Wissenschaftler eine Wahlbörse im Internet. Dort konnten die Spieler die Wahlchancen der Parteien handeln.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.06.2005