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Der Pate greift durch

Von Torsten Riecke und Hans-Peter Siebenhaar
Der 83-jährige Milliardär Sumner Redstone wechselt die Führung beim US-Medienkonzern Viacom aus: Nach nur einem Jahr an der Spitze des Unternehmens hat Tom Freston seinen Rücktritt erklärt. Abgelöst wird er von Philippe Dauman - einem Vertrauten des Patriarchen. Der 60-jährige Freston gab für den überraschenden Schritt keine Gründe an. Sein Nachfolger beim Konzern von MTV, Paramount, Dreamworks & Co., Philippe Dauman, sitzt schon als Direktor im Verwaltungsrat (Board) des Medienkonzerns.
NEW YORK. Der 60-jährige Freston gab für den überraschenden Schritt keine Gründe an. Sein Nachfolger beim Konzern von MTV, Paramount, Dreamworks & Co., Philippe Dauman, sitzt schon als Direktor im Verwaltungsrat (Board) des Medienkonzerns. Das Unternehmen benannte zudem Thomas Dooley zum neuen Chief Administrative Officer.Dauman und Dooley gelten als enge Vertraute des eigenwilligen Viacom-Gründers und Chairmans Sumner Redstone. Beide haben in verschiedenen Funktionen mehr als 20 Jahre mit dem heute 83-jährigen Patriarchen zusammengearbeitet, der auch den Kinofilm ?Der Pate? veröffentlichte. ?Damit hat Redstone wieder das Zepter fest in der Hand?, sagt ein Viacom-Manager, der ungenannt bleiben will.

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Redstone ist offenbar mit den enttäuschenden Zahlen, dem schlechten Aktienkurs und den unsicheren Perspektiven des Konzerns unzufrieden. Erst vor wenigen Wochen wurde klar, dass die Chemie zwischen Redstone und Freston nicht mehr stimmt. Es war Redstone höchstpersönlich, der den Vertrag des Hollywood-Studios Paramount mit dem umstrittenen Filmstar Tom Cruise kündigte und damit in die Zuständigkeiten von Freston eingriff.Der Rücktritt kommt für Viacom zu einem denkbar ungünstigen Zeit-punkt. Startete doch gestern das Schwesterunternehmen CBS mit dem TV-Star Katie Couric die erste Hauptnachrichtensendung in Amerika, die von einer weiblichen Moderatorin geleitet wird. Dieses Medienereignis wird nun vom Machtwechsel bei Viacom überschattet.?Ich habe über viele Jahre eng mit Philippe Dauman zusammengearbeitet und schätze seine Führungsqualitäten?, sagte Redstone gestern. Der Medienbaron aus Beverly Hills, der sich mit Nacktbaden fit hält, bedankte sich bei Freston dafür, dass er die Senderkette MTV zu ?einer unangefochtenen Macht? geformt habe.Der Abgang Frestons ist für Redstone eine persönliche Niederlage. Erst vor einem Jahr hatte der Viacom-Gründer sein Medienreich in zwei Teile aufgespalten, in die CBS und in Viacom. Freston machte er zum Viacom-Chef, wo er die ?neuen Medien? bündelte. Unter dem Dach von Viacom befinden sich unter anderem der Musiksender MTV, der Kinderkanal Nickelodeon sowie das Filmstudio Paramount. Der Fernsehsender CBS, die Radiostationen sowie das Geschäft mit der Außenwerbung werden seitdem von CBS-Chef Les Moonves verantwortet.Redstone wollte auf diese Weise dem Kurs der Viacom-Aktie neue Impulse geben. Zur Überraschung der Experten haben jedoch die so genannten ?alte Medien? unter dem CBS-Dach an der Börse bislang besser abgeschnitten als die vermeintlichen Wachstumssparten von Viacom. Während die CBS-Aktien seit Jahresbeginn um 20 Prozent zulegen konnten, ist der Kurs von Viacom um zehn Prozent abgesackt. ?Das hat den Neid von Redstone geweckt?, heißt es an der Wall Street. Der Patriarch habe nie viel von CBS gehalten.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Druck auf deutschen MTV-Ableger wächst An der enttäuschenden Kursentwicklung konnte auch die Übernahme des Filmstudios Dreamworks für 1,6 Milliarden Dollar Anfang des Jahres nichts ändern. Kritiker werfen Freston vor, nicht schnell genug auf die Herausforderungen des Internets reagiert und sich zu wenig um wichtige Kunden gekümmert zu haben. So galt Viacom lange Zeit als Favorit bei der Übernahme der Webseite MySpace.com. Den Zuschlag erhielt am Ende jedoch der Rivale Rupert Murdoch mit seinem Konzern News Corp. Diese Niederlage konnte Redstone nur schwer verkraften.Noch unklar ist, ob der Rücktritt von Freston zu weiteren Abgängen führen könnte. Im Blickpunkt steht insbesondere MTV-Chefin Judy McGrath, die als enge Vertraute von Freston gilt. Auch für die Berliner MTV-Führung könnte der Chefwechsel Folgen haben, heißt es in Unternehmenskreisen. Ob Catherine Mühlemann weiter in Berlin fest im Sattel sitzt, ist derzeit unklar. Die Schweizer Medienmanagerin selbst wurde von der Hiobsbotschaft auf einer Urlaubsreise in Griechenland überrascht.?Mit dem Wechsel wächst der Druck auf das Management von MTV in Berlin?, sagt ein Insider. Die Zufriedenheit mit dem deutschen Ableger hält sich derzeit in Grenzen. Wichtige Werbekunden aus der Klingeltonszene sind abgesprungen, ist in Branchenkreisen zu hören. ?Solange MTV immer neue weiße Flecken auf der Landkarte erobern konnte, war Wachstum kein Problem. Doch diese Zeiten sind vorbei?, weiß ein Viacom-Manager.Mit dem deutschen Medienmarkt wollte Freston einst sein Meisterstück abliefern. Rund 300 Millionen Euro legte Viacom vor zwei Jahren für die Übernahme des verlustreichen Musiksenders Viva auf den Tisch. Es war Freston, zu der Zeit Chief Operating Officer, der den Preis damals als ?fair? bezeichnete. Die Aktionäre applaudierten. Doch Viacom-Eigner Redstone musste schon bald erkennen, dass der Einstieg in den deutschen TV-Markt ein teures, vielleicht zu teures Vergnügen war. Zuletzt scheiterte er auch noch mit dem Plan, die Deutsche Eisenbahn-Reklame zu übernehmen.Das Staunen der Mitarbeiter über den Machtwechsel ist groß. Nur die Vorstandsetage war offenbar eingeweiht. Nun muss sein Nachfolger Dauman zeigen, dass er es besser kann. ?Wir sind auf dem richtigen Weg, aber wir müssen auf die Überholspur wechseln?, sagte er am Dienstag selbstbewusst auf einer Telefonkonferenz.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.09.2006