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Der Ölprinz von Kassel

Von Jürgen Flauger, Handelsblatt
In der Ecke stapeln sich Schutzkleider und Helme ? es sieht nach harter Arbeit aus. In einem engen Besprechungsraum des Verwaltungstraktes am Wintershall-Standort Rheden sitzen 17 Mitarbeiter im Hufeisen, dazwischen ? ohne Sakko ? der Chef, Reinier Zwitserloot.
Reinier Zwitzerloot
RHEDEN. Die Kasseler Wintershall AG ist der größte deutsche Ölförderer und einer der größten Gasimporteure. Zwitserloot gibt sich bodenständig, dass er der Boss ist, daran aber herrscht am Tisch kein Zweifel. Die Mitarbeiter halten kurze Referate, ihr Blick ist immer auf den Chef gerichtet. Zwitserloot lauscht aufmerksam, stellt Zwischenfragen, lobt hier und da. Zum Schluss gibt es Arbeitsaufträge, ?Top-Qualität? und ?Respekt? sind seine Lieblingsworte.Warum Zwitserloot dabei ist, wenn sich die Leute des HSE-Kommittees (HSE steht für Health, Safety and Environment) treffen? Der Niederländer, seit drei Jahren Vorstandsvorsitzender, hat selbst das Thema Sicherheit ? wie viele andere ? zur ?Chefsache? gemacht. ?Nur wenn ich zeige, dass etwas für mich wichtig ist, wird es auch für die anderen zur Priorität?, sagt er.

Die besten Jobs von allen

Fester Bestandteil der HSE-Treffen ist eine Begehung des Standorts ? dieses Mal ist es der Erdgasspeicher in Rheden ? der größte Westeuropas. In einem aufgebrauchten Gasfeld auf 2 000 Meter Tiefe lagert die Wintershall im Sommer vier Milliarden Kubikmeter Erdgas ein, das sie in den Wintermonaten wieder ins Netz einspeist. Das Gas kommt aus Russland und der Nordsee, die Pipelines reichen ins gesamte Bundesgebiet ? und eine führt nach Ludwigshafen, zur Konzernmutter BASF.Wintershall, das 1894 gegründete Traditionsunternehmen, gehört seit 1969 zum Weltkonzern. Ein mittelgroßes Gas- und Ölunternehmen als Teil eines Global Players der Chemieindustrie? Auf den ersten Blick ein Widerspruch. Für Zwitserloot nicht. Er sieht sich als Teil einer ?Kohlenwasserstoff-Wertschöpfungskette?. Die fange am Bohrloch an und reiche bis zur Feinchemie. So selbstverständlich ist das freilich nicht: Noch vor wenigen Jahren wollte die BASF Wintershall als Randgeschäft zu Geld machen. Mit RWE war man sich fast einig. Doch das Geschäft platzte, inzwischen ist Wintershall wieder fester Teil des Konzerns.Überzeugt hat Zwitserloot die Konzernmutter nicht zuletzt mit soliden Erträgen: Auch für 2003 kann der 54-Jährige morgen auf der Bilanzpressekonferenz wieder stolze Gewinne verkünden, Wintershall steuert die Hälfte des Konzernergebnisses bei. Das wirkt. Als BASF-Chef Jürgen Hambrecht im vorigen Jahr seinen Job antrat, musste Zwitserloot in der Zentrale fünf Tage lang seine Strategie erläutern. Mit Erfolg: Wintershall wurde als ?strategisches Investment? eingestuft. Damit kann die Tochter auf zusätzliches Geld hoffen.Die Ehe macht Sinn: BASF verbraucht zum einen viel Energie, zum anderen kann sie die Ausschläge des zyklischen Chemiegeschäfts besser abfedern. Ihre Rohmaterialen sind stark von Rohölpreisen abhängig: teures Öl, teure Rohstoffe. Andererseits fährt Wintershall dann satte Gewinne ein.Die Mutter nutzt das Potenzial der Tochter. Im Auftrag der BASF geht Zwitserloot nach der Bilanz-PK auf Roadshow nach Frankfurt, London und New York. Im nächsten Jahr könnte sogar die Analystenkonferenz des Gesamtkonzerns in Kassel bei Wintershall stattfinden, heißt es in BASF-Kreisen. Die Wintershall braucht wiederum einen kapitalstarken Partner, um gegen die übermächtig scheinende Konkurrenz der Öl-Multis bestehen zu können. Investitionssummen in der Branche haben für gewöhnlich viele Nullen. Das Risiko ist enorm. Nur eine von vier Aufschlussbohrungen auf hoher See hat schließlich Erfolg.Zwitserloot weiß, wie die Konkurrenten arbeiten. Gut 20 Jahre war er für Exxon-Mobil tätig. Vom Weltkonzern, für den er ihn New York, Miami und London arbeitete, ins nordhessische Kassel? Als der Headhunter anrief, bat Zwitserloot um Bedenkzeit. Ausschlaggebend war dann die Freiheit, die ihm die neue Aufgabe bot. ?Hier bin ich Unternehmer?, sagt der Niederländer ? ein Ziel, dass er sich, jüngstes von neun Kindern, schon bei seinem ersten Job als Raffinerie-Mitarbeiter setzte. Auch hatte er nach langen Jahren in Amerika wieder das Bedürfnis, nach der ?Menschlichkeit, der Lebensqualität und Kultur? in Europa. In seiner Freizeit sammelt Zwitserloot moderne Kunst und alte Uhren.Der erste Ausländer an der Spitze brachte frischen Wind ins Unternehmen. Mitarbeiter beschreiben ihn als strengen, aber fairen Vorgesetzten, der viel von seinen Angestellten erwartet. ?Sie müssen das Gehirn mit zur Arbeit nehmen?, heißt das in seinen Worten. Er kann harte Kritik äußern, scheut sich aber auch nicht, Fehler zuzugeben. Er isst in der Kantine, kommt zu After-Work-Parties, gibt den ?Vorstand zum Anfassen?.Geändert hat sich der Umgang miteinander. Die Strukturen, die ihm seine Vorgesetzten hinterlassen haben, hat Zwitserloot weitgehend belassen. Wichtiger ist ihm der Blick nach vorn. Bis 2010 soll Wintershall, verglichen mit 2000, die Produktion um 50 Prozent steigern. Das ist im Angesicht der großen Konkurrenz ? Wintershall produziert am Tag 300 000 Barrel, die Ölriesen das Zehnfache ? ein ehrgeiziges Vorhaben. Dennoch: Zwitserloots Zwischenstand kann sich sehen lassen. Zum Ziel fehlen nur noch etwas mehr als zehn Prozentpunkte.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.03.2004