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Der Ölmagnat tritt auf die Euphoriebremse

Alexander Busch
José Sérgio Gabrielli, Chef des Energiekonzerns Petrobras, hat einen der schwersten Jobs in Brasilien. Er muss den Spagat meistern zwischen dem staatlichen Großaktionär und privaten Investoren. Auch im Jubel über den sensationellen Ölfund vor der Küste Brasiliens bleibt er ruhig.
SAO PAULO. Wie fühlt sich der Chef eines Konzerns, dessen Ölreserven sich über Nacht verdreifacht haben? Unwohl.Sichtlich gequält reagiert José Sérgio Gabrielli, Chef des brasilianischen Energiekonzerns Petrobras, auf die Gratulationen seiner Unternehmenskollegen im noblen Hotel Hilton Cancun. Dort hat sich die lateinamerikanische Unternehmerelite zum Südamerika-Treffen des Schweizer World Economic Forums versammelt.

Die besten Jobs von allen

Da gibt es an diesem Dienstagmorgen nur ein Thema: den sensationellen Ölfund vor der Küste Brasiliens, mit dem das Land seine Reserven verdreifachen würde. Damit würde Brasilien zu den zehn größten Ölproduzenten der Welt gehören.Doch dem großgewachsenen Gabrielli, dem man seine 59 Jahre wegen seines dichten Haars und grauen Dreitagebarts nicht anmerkt, ist der ganze Trubel unangenehm: ?Wir bohren doch noch?, sagt er immer wieder auf die Journalistenfragen. 3 000 Meter tief sei die Sonde erst vorgestoßen, 4 000 Meter fehlen noch bis zu den vermuteten Reserven von gigantischen 33 Milliarden Fass Öl.Diese Zahl hat der Chef der staatlichen Ölagentur Brasiliens auf einem Fachkongress am Tag zuvor in die Welt gesetzt ? und sich damit den Zorn des Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva zugezogen. Der hätte die schöne Nachricht gerne selbst verkündet. Auch Gabrielli dürfte über die Äußerungen des Spitzenbeamten nicht erfreut gewesen sein. Doch in Cancun sagt er nur: ?Wir müssen sehr aufpassen, was wir sagen.?Mehr kommt nicht über seine Lippen. Aber diese Zurückhaltung bis zur Selbstaufgabe beherrscht der studierte Ökonom mit dem Spezialgebiet ?Finanzierung von Staatskonzernen? und Studienaufenthalten in Boston und an der London School of Economics. Sonst hätte er es nicht fast drei Jahre an der Spitze der Petrobras ausgehalten. Denn der Job ist einer der schwersten in Lateinamerika. Einerseits wird die Petrobras mit einem Jahresumsatz im vergangenen Jahr von rund 100 Milliarden Dollar staatlich kontrolliert. Gleichzeitig sind 44 Prozent ihres Kapitals an der Börse gestreut. Die Aktie ist eines der meistgehandelten ausländischen Papiere an der Wall Street.Die Zwitterrolle verlangt von Gabrielli den Spagat zwischen den Interessen des Staates und der Investoren. Die Regierung will am liebsten billiges Benzin, Kochgas, viele Jobs und Steuereinnahmen aus dem Ölgeschäft. Die Investoren fordern hohe Gewinne und Ausschüttungen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Petrobras war lange ein Staat im Staat Gabrielli hilft in seinem Job, dass er sich ab 2003 zunächst zwei Jahre lang als Finanzchef von Petrobras um die Finanzinvestoren kümmerte. Denn ?Investor Relations? ? das ist etwas ganz Neues im Konzern, der sich erst mit dem Börsengang in den USA im Jahre 2000 zu öffnen begann.Jahrzehntelang war Petrobras in Brasilien ein Staat im Staate. Ein Petrobras-Präsident war mächtiger als die meisten Minister und verkehrte direkt mit dem Präsidenten. Für die Präsidenten des Konzerns seit dem Ende des Ölmonopols vor zehn Jahren bedeutet das einen permanenten Machtkampf mit den mächtigen internen Interessengruppen, der Staatsbürokratie und der Regierung.Kein Wunder, dass Gabrielli jetzt in Mexiko um Rat gebeten wird: Dort will die Regierung den maroden Staatskonzern Pemex vorsichtig öffnen ? und erfährt Widerstand im Kongress und aus den eigenen Reihen. Gabrielli berichtet Pemex-Direktoren und Politikern über seine Erfahrungen mit privaten und ausländischen Investoren. Niemand kann das besser als der Petrobras-Chef mit seiner ruhigen, sachlichen Art.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.04.2008