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Der Oberarzt

Foto: Jürgen Rehrmann
Wer Arzt werden will, muss nicht nur Blut sehen können, sondern auch finanziell Nehmerqualitäten mitbringen. Zumindest am Anfang werden viele Überstunden oft mit wenig Geld belohnt.
60 Stunden/Woche + Rufbereitschaft/Wochenddienst - mehr als 60 000 EuroHalbgott in Weiß mit einer Jacht vor Mallorca und einer Jahreskarte im Golfclub - wird man in Ihrem Beruf tatsächlich reich?

Die besten Jobs von allen

Steffen Kohler: Na ja, wenn man die ersten Jahre erst mal hinter sich hat, verdient man vergleichsweise gut. Aber reich? In einer kommunalen Klinik würde ich als Oberarzt nach BAT 50 000 bis 60 000 Euro verdienen. Hier bei Helios werde ich besser und leistungsgerechter bezahlt. Dafür habe ich aber auch andere Pflichten im Vertrag stehen. Forschungsarbeiten und Vorträge werden zum Beispiel vorausgesetzt, Überstunden nicht extra bezahlt. Ich bekomme ein Festgehalt plus zehn bis 15 Prozent Bonus, der an gewisse Aufgaben geknüpft ist, zum Beispiel die Einführung einer neuen Kliniksoftware.Sie sprachen die ersten Berufsjahre an. Da sieht es nicht so rosig aus? Als ich 1990 als Assistenzarzt angefangen habe, gab es 50 000 Mark brutto im Jahr. Da muss man den Gürtel schon eng schnallen. Später ist das auf 60 000 bis 70 000 Mark gestiegen. Besser, aber angesichts der Dienstzeiten auch wenig.Von den Arbeitszeiten für Klinikärzte hört man nichts Gutes. Wie sehen denn Ihre Zeiten aus? Mein Wecker klingelt um zehn nach fünf. Um 6.45 Uhr fängt mein Dienst an. Vier bis sechs Stunden verbringe ich täglich mit Operieren, oft auch mehr. Insgesamt komme ich auf zehn Stunden aufwärts. Ein langer Tag, nur eben nach vorne verschoben. Das hat den Vorteil, dass ich um 18 Uhr immer noch was erledigen kann und Zeit für die Kinder habe.Keine 30-Stunden-Schichten oder Wochenenddienst? Zweimal die Woche habe ich nachts Rufbereitschaft, muss also erreichbar sein. Und an einem Wochenende pro Monat. Die Orthopädie hat den Vorteil, dass sie gut planbar ist. Es gibt selten die typischen Notfallpatienten. Nach den Problemfällen muss ich aber natürlich auch am Wochenende schauen. Und seit vier Jahren bin ich Oberarzt. Damit hören in den meisten Kliniken die schlimmen Zeiten mit den langen Präsenzschichten auf. Diese Dienste sind sehr belastend und meistens schlecht bezahlt.Ein langes Studium, eine harte Zeit an der Klinik, bis man die nötige Praxis und die Diplome hat. Kann man so was überhaupt weiterempfehlen? Die Anfangszeit muss man einfach als Investition in die Zukunft sehen. Wer Facharzt werden will, muss in den ersten Jahren leider die Zähne zusammenbeißen. Später wird es besser, wenn man wie bei uns ein gutes Betriebsklima erwischt. Und bei mir in der operativen Orthopädie sieht man schnell die Erfolge beim Patienten. So was macht Spaß. Das macht den Beruf schön.Und so sieht's generell aus: Eine Durststrecke steht am Anfang jeder Weißkittel-Karriere: Als Arzt im Praktikum (AiP) gibt es bestenfalls 1 500 Euro brutto im Monat. Laut Kienbaum starten Assistenzärzte mit 35 000 Euro im Jahr, Chefärzte verdienen 200 000 bis 250 000 Euro im Jahr. Per Gesetz 38,5-Stunden-Woche. 8,5 Überstunden sind laut Marburger Bund der Wochenschnitt, plus (Ruf-) Bereitschaftsdienste. 30-Stunden-Non-Stop-Schichten sind bei Jung-Ärzten üblich. Aktuelle Urteile zwingen Kliniken aber zu Verbesserungen. Auch AiP soll abgeschafft werden. Knapp die Hälfte der 300 000 Ärzte sind niedergelassen. Sie erarbeiten mit ihrer Praxis im Schnitt 77 000 Euro vor Steuern.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.05.2002