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Der Noppen-König

Von Katharina Kort
Mit seiner Edelschuhmarke Tod?s erobert Diego Della Valle die Weltmärkte ? und will nun mit erweiterter Produktpalette vor allem in Europa und Asien zulegen.
Diego Della Valle Foto: PR
CASETTE D'ETE. Es ist ein typisches Dorf in der italienischen Region Marken: einfache Landhäuser, umgeben von Hügeln, die von der Sonne gelb gebleicht sind. Hier, in der kleinen Dorfbar von Casette d'Ete, fühlt er sich wohl, der Mann mit dem hellbraunen, sportlich langen Haar. Hier bestellt er gerne seinen ?Caffé? und scherzt mit den anderen an der Theke.Er ist ein echter Marchigiano. ?Die Marchigiani stehen mit beiden Füßen auf dem Boden?, beschreibt Diego Della Valle die Menschen in der zentralitalienischen Region, die an die Adria grenzt. ?Doch der Blick ist hinaus auf die Welt gerichtet.? Damit beschreibt sich der Präsident des Edelschuhherstellers Tod?s vor allem selbst: Er hat den mittelständischen Betrieb seines Vaters in der Provinz zu einem weltbekannten Schuhkonzern geformt, der heute mit Hermès und Louis Vuitton konkurriert.

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Inzwischen kommt mehr als die Hälfte des Umsatzes aus dem Ausland. Die Slipper mit der Noppensohle zieren die Füße von Jack Nicholson ebenso wie die von Hillary Clinton und Sharon Stone. Zum Konzern gehören auch die sportlichere Marke Hogan und die Bekleidungslinie Fay. Insgesamt steigerte Della Valle den Umsatz seit 2001 von 319 Millionen auf 573 Millionen Euro im vergangenen Jahr und auf einen Nettogewinn von 67 Millionen Euro. ?In den kommenden fünf Jahren werden wir noch stärker wachsen.?Seine internationale Strategie entwirft der Mann mit der Leidenschaft für antike Globen hier in Casette d?Ete, wenige Kilometer von seinem Geburtsort St. Elpidio entfernt, wo schon sein Großvater als Schuster arbeitete. Opas hölzerne Werkbank schmückt noch heute den Flur der Firmenzentrale, die Della Valles dritte Frau, die Architektin Barbara Pistelli, entworfen hat. Das Gebäude mit den hohen Fenstern und hellen Holz- und Steinböden beherbergt die Büros und die Schuhfabrik, die Kunstwerke von Andy Warhol und Frank Stella schmücken.In edles Tuch gekleidet, dunkles Jackett mit hellem Einstecktuch, erläutert Della Valle in seinem lichtdurchfluteten Büro die Strategie. ?Wir wollen Europa und Nordamerika weiter stärken, aber vor allem in den neuen Märkten in Asien zulegen?, sagt er. ?Indien wird bald genauso schnell wachsen wie derzeit China?, ist er überzeugt. Dort gebe es immer mehr Menschen, die sich Luxus leisten könnten. ?Und die wollen vor allem die großen Marken.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Um welche Produkte die Angebotspalette erweitert werden soll. Die Produktpalette will Della Valle bis Ende 2009 auf Brillen unter dem Tod?s- und Hogan-Logo ausweiten. Ein Parfüm ist dagegen nicht geplant. ?Bei einem Parfüm können wir keinen Mehrwert bieten?, erklärt er, warum er als Lederwarenspezialist nicht den Weg so vieler anderer Luxushäuser geht.Außerdem ist Della Valle grundsätzlich keiner, der Dinge überstürzt, und fährt gut damit. ?Tod's hat die eigene Position zunächst auf dem Heimatmarkt aufgebaut und ist dann erst ins Ausland expandiert?, lobt Stefania Saviolo, Expertin für Unternehmensstrategie und Fashion-Management von der Mailänder Bocconi-Universität, die Weitsicht von Della Valle. Schritt für Schritt hat er die Marke aufgebaut. Während sein Vater, der Firmengründer, noch für andere Labels produzierte, setzte der Sohn auf eine eigene Marke. Den Namen Tod's ? anfangs J.P. Tod's ? hat sich der Marketing-Experte aus dem Telefonbuch in Boston herausgesucht. Er sollte nach US-Ostküste und altem Geldadel klingen und eine Tradition simulieren, die es so nicht gab. Später kaufte er Marken hinzu.Eine Finanzanalystin lobt seine Entscheidung, die Produktion in Italien zu lassen. Schließlich liebten die Kunden weltweit Luxus made in Italy. ?Für die Qualität ist es wichtig, dass die Produktion in Italien bleibt?, ist der bei seinen Mitarbeitern als detailversessen bekannte Firmenchef überzeugt. Er hat ? anders als viele seiner Kollegen ? keine Angst vor der Konkurrenz aus China: ?Für uns ist China mit seinem riesigen Markt eine Chance und kein Problem.?Punkt. Della Valle überschüttet sein Gegenüber nicht mit einem Marketing-Wortschwall, sondern kommt lieber gleich zur Sache. Er ist eben bodenständig geblieben. Zwar ist er wochentags oft geschäftlich zwischen Schanghai und New York unterwegs und nutzt mondäne Accessoires des Erfolgreichen wie Hubschrauber, Privatjet und mehrere Häuser über den Globus verteilt. ?Doch mein richtiges Haus ist hier, in den Marken?, stellt er klar. Auch sein Hausarzt sitzt in Casette d'Ete. ?Und wenn es mir in Tokio schlechtgeht, ist er derjenige, den ich anrufe.?Diego della Valle, auch stolzer Besitzer des Fußballclubs ACF Fiorentina, ist ein italienischer Vorzeige-Unternehmer, der auch bei politischen Themen kein Blatt vor den Mund nimmt. Vor den Wahlen im vergangenen Jahr kam es zum Eklat mit dem damaligen Premier Silvio Berlusconi. Der hatte Della Valle beim Treffen des Industrie-Verbands Confindustria als verrückt bezeichnet, weil er als Unternehmer die Mitte-links-Opposition favorisierte. Berlusconi warf ihm vor, Leichen im Keller zu haben, und rief zu einem Tod's-Boykott auf.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Diego Della Valle ? zur PersonDer Aufruf fruchtete allerdings nicht. In den Monaten nach den Anfeindungen legten die Verkaufszahlen sogar noch zu. Auch der Freundschaft zum Fiat-Präsidenten und Confindustria-Vorsitzenden Luca Cordero di Montezemolo, aus dessen Direktorium Della Valle zurücktrat, tat der Zwischenfall keinen Abbruch.Heute konzentriert sich Della Valle wieder ganz auf sein Unternehmen, das ähnlich bodenständig ist wie sein Patron, Della Valles Vater Dorino. Der 83-Jährige schreitet in Shorts und mit silberbeschlagenem Gehstock die Gänge ab, um nach dem Rechten zu schauen. Sein Fahrrad hat er in der Eingangshalle geparkt. Die 2200 Mitarbeiter gönnen sich zwei Stunden Mittagspause, stählen sich dann im Fitness-Studio der Firma und schicken ihre Kinder in den Betriebskindergarten. Den hat auch Della Valles Sohn besucht. Er ist eben ein Marchigiano und steht mit beiden Füßen auf dem Boden.
Diego Della Valle1953
Er wird am 30. Dezember in S. Elpidio a Mare geboren, in der Nähe des heutigen Firmensitzes Casette d'Ete.
1971
Er studiert erst Jura in Bologna, geht dann aber in die USA, wo er im Marketing arbeitet.
1975
Er startet im Familienunternehmen ?Della Valle?, wo er sich um das Marketing kümmert. Wenige Jahre später übernimmt er die Führung und führt Ende der 70er-Jahre den Marken-Namen J.P. Tod?s ein, den er später in Tod?s ändert.
2000
Im November bringt er das Unternehmen an die Börse, wird Präsident und Vorstandschef der Tod?s SpA. Er sitzt auch im Aufsichtsrat des Versicherers Generali, des Rennwagenherstellers Ferrari und der Luxus-Holding LVMH.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.08.2007