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Der neue Saubermann

Von Ingo Reich
Eine Blitzkarriere im Hause von Persil und Pritt-Stift: Der 44-jährige Kasper Rorsted soll künftig den Henkel-Konzern führen. Ulrich Lehner tritt 2008 aus Altersgründen ab. Die Messlatte liegt hoch für den Kronprinzen. Denn Noch-Chef Lehner hat den traditionsreichen Düsseldorfer Familienkonzern umgebaut wie kein zweiter.
DÜSSELDORF. Wer Kasper Rorsted sprechen wollte, griff am besten zum Telefon. Ein persönliches Gespräch war in der Europazentrale von Hewlett-Packard nahezu unmöglich. Der Däne war ständig unterwegs. Manche dürften das bedauert haben, gilt Rorsted doch als ausgesprochen angenehmer Gesprächspartner.Inzwischen arbeitet der 44-Jährige zwar beim Düsseldorfer Konsumgüterhersteller Henkel, wo er sich seit April vergangenen Jahres als Mitglied der Geschäftsführung um Personal, Einkauf und Informationstechnologien kümmert. Aber dem ?Management by walking around? ist er treu geblieben: Rastlos ist Rorsted unterwegs, um die über 50 000 Mitarbeiter in 125 Ländern zu besuchen.

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Sein Einsatz zahlt sich jetzt aus. Seit heute ist Rorsted nach einer Blitzkarriere im Hause von Persil und Pritt-Stift der ?Kronprinz?. Er soll den bisherigen Henkel-Chef Ulrich Lehner ablösen.Im Zuge eines ?planmäßigen Wechsels in der Geschäftsführung?, so teilte das Unternehmen kurz mit, wird er Lehner im April 2008 als Vorsitzender der Geschäftsführung beerben. Rorsted wird damit der vierte Konzernchef sein, der nicht aus der Familie Henkel stammt. Lehner scheidet in 16 Monaten aus dem Amt, weil er dann mit 62 Jahren die unternehmensinterne Altersgrenze für Führungskräfte erreichen wird. Der charismatische Lehner wird seinem Nachfolger ein gut bestelltes Haus hinterlassen, da sind sich Branchenkenner sicher. Der studierte Wirtschaftsingenieur hat die Messlatte für Rorsted auf ein kaum zu übertreffendes Niveau gehoben.Unter Lehners Ägide, der seit sechs Jahren an der Spitze des Unternehmens steht, hat Henkel weltweit für profitables Wachstum gesorgt. Sein Name steht für tief greifende Spar- und Restrukturierungsprogramme. In seiner Amtszeit trennte sich Henkel von seinem Chemiegeschäft und gliederte die Sparte in das eigenständige Unternehmen Cognis aus. Übrig blieben die drei Geschäftsfelder Wasch- und Reinigungsmittel, Kosmetik und Körperpflege sowie Kleb- und Dichtstoffe.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Lehner bleibt mächtig.Solch ein abgespecktes Konglomerat aus den verschiedensten Tätigkeitsgebieten gehört zwar immer noch nicht zu den ausgesprochenen Lieblingen von Aktienanalysten. Doch der Börsenkurs des Traditionsunternehmens, das bekannte Marken wie Fa und Pattex unter seinem Dach versammelt, liefert den Gegenbeweis: Die Henkel-Aktie bewegt sich mit Kursen um die 113-Euro-Marke auf historischem Höchstkurs. Auch gestern gab sie nur leicht nach.?Der frühzeitig angekündigte Führungswechsel ist wenig spektakulär?, bewertet Iris Schäfer, Aktienanalystin der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), die Unternehmensnachricht. Deshalb werde dieser Schritt zunächst wohl auch keinerlei Auswirkungen auf den Börsenkurs haben.Es sei auch nicht zu befürchten, so die Aktienexpertin weiter, dass der bisherige Henkel-Chef fortan als ?lame duck?, also entscheidungsunfähiger Unternehmensführer, am Ende einer Amtsperiode agiere. Lehner halte die Zügel im Hause Henkel wohl weiterhin fest in der Hand. Denn einen anderen Grund als das Erreichen der unternehmensinternen Pensionsgrenze gibt es für Lehners Abschied im Jahr 2008 nicht.Dass sich Lehner dann schicksalsergeben auf sein Altenteil zurückzieht, ist nicht zu erwarten. Der gebürtige Düsseldorfer ist in zahlreichen Aufsichtsgremien vertreten, unter anderem bei Eon, Novartis oder Oetker.Welche Rolle Lehner künftig im Henkel-Konzern spielen wird, ist noch offen. Er könnte zum Beispiel in den Gesellschafterausschuss wechseln, in dem die Familie das Sagen hat. In der Branche ist er auf alle Fälle tief verwurzelt. Erst vor kurzem wurde der 60-Jährige zum stellvertretenden Vorsitzenden des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) gewählt. Mit seinem Nachfolger Rorsted verbindet ihn der ausgiebige Hang zu sportlichen Aktivitäten: Lehner läuft trotz seines Alters immer noch am liebsten über die Marathon-Distanz.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vom Computerbauer zum Waschmittel-Konzern.Der ebenfalls sportliche Däne hat auf dem Weg an die Spitze des Henkel-Konzerns auch einen Langstreckenlauf hingelegt: Nach ersten Stationen im Management von Oracle und Digital Equipment wechselt Rorsted 1995 zum Computer-Hersteller Compaq, dessen Integration in den Konkurrenten Hewlett-Packard Rorsted schließlich als HP-Europachef ab dem Jahr 2002 betreibt.Und nun ist der sympathische Däne mit seinen 44 Jahren der Jüngste im Henkel-Vorstand. Für seine Mitarbeiter habe er stets ein offenes Ohr, wird berichtet. Er hört sich zunächst alles genau an, bevor er sich eine eigene Meinung bildet. Das war gerade für seinen damaligen Job bei HP enorm wichtig. Er war es, der den verunsicherten Mitarbeitern von HP und Compaq in Europa den Sinn und Zweck der Fusion nahe bringen musste. Und das gelang ihm auch mit seiner ruhigen Art und seinem Sinn für Witz, erzählen Mitarbeiter von HP.Aber sein Abgang bei HP war weniger rühmlich. Er musste auf Drängen der damaligen HP-Chefin Carly Fiorina abtreten, weil die Zahlen in Europa nicht so ganz stimmten. Doch das lastet man Rorsted noch heute in der Böblinger HP-Zentrale nicht an. Das sei eher eine gezielte Aktion gegen ehemalige Compaq-Manager gewesen, heißt es dort.Seiner Karriere hat es nicht geschadet. Der Mann, der Dänisch, Schwedisch, Englisch und Deutsch spricht, wird ab Januar Vize-Vorsitzender der Henkel-Geschäftsführung und erreicht so eine Zwischenstufe auf dem Weg zum Chefsessel.Für sein Privatleben hat er dann noch weniger Zeit. Dennoch versucht er, die Wochenenden mit seiner Frau und seinen drei Kindern zu verbringen. ?Ich bestreite keine Sekunde, dass es für meine Familie besser wäre, wenn ich öfter nach Hause kommen könnte?, sagte er mal dem Handelsblatt. Aber er habe sich bewusst dafür entschieden, dass der Beruf Vorrang habe.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Lebenslauf in Kürze.Kasper Rorsted1962: Er wird am 24. Februar in Aarhus/Dänemark geboren. Er macht später seinen MBA-Abschluss an der International Business School in Kopenhagen. Er übernimmt Management-Positionen in Vertrieb und Marketing bei Oracle Europe und bei Digital Equipment.1995: Er wechselt zum Computerkonzern Compaq, wo er u.a. die Enterprise Business Group in der Region Europa, Mittlerer Osten und Afrika leitet.2002: Rorsted wird Senior Vice President und General Manager des Computerkonzerns Hewlett-Packard für Europa, Mittlerer Osten und Afrika.2005: Er geht als Mitglied der Geschäftsführung zum Henkel-Konzern. Da ist er für Personal, Einkauf, Informationstechnologien und Infrastrukturdienste zuständig.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.12.2006