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Der neue Mister Mitsubishi

Von Carsten Herz, Handelsblatt
Er ist ein Mann für heikle Fälle. Schon einmal rief Daimler-Chef Jürgen Schrempp nach dem heute 45-jährigen Andreas Renschler, als der jüngsten Daimler-Marke Smart nach einer Serie von Pannen kurz nach dem Start das Aus drohte.
Andreas Renschler Foto: Daimler-Chrysler
FRANKFURT/M. Der als kostenbewusst geltende Manager übernahm das Steuer, sorgte rasch für neue Baureihen auf der Smart-Architektur und steht dieses Jahr mit dem Viersitzer Forfour vor einer rosaroten Zukunft.Zeit zum Ausruhen aber bleibt Renschler keine. Denn Schrempp weiß seine Sanierungsarbeit offenbar derart zu schätzen, dass der Smart-Chef sie gleich noch einmal wiederholen soll ? diesmal in Tokio bei Mitsubishi Motors.

Die besten Jobs von allen

Auf dem Automobilsalon in Genf bleibt der Stuhl von Renschler deshalb heute frei, wenn Smart seine neuen Modelle vorstellt. Stattdessen ist er mit mehreren hochrangigen Daimler-Managern bereits nach Japan geflogen. Als er am frühen Freitagmorgen in der neuen Mitsubishi- Konzernzentrale im Tokioer Stadtteil Shinagawa eintraf, erwartete ihn bereits ein ganzer Tross japanischer Journalisten.Mit einem solchen Interesse hatte Renschler offenbar nicht gerechnet. Der groß gewachsene Manager mit dem vollen braunen, meist zurückgekämmten Haar und der knolligen Nase trug Jeans und Freizeithemd und saugte im Mundwinkel an einer Zigarette ? ein wenig fotogener Auftritt. Zu sagen hatte er auch noch nicht viel: ?Kein Kommentar?, lautete seine einzige Stellungnahme. Dann verschwand er im Inneren des Gebäudes.Renschler weiß, dass er nicht viel Zeit hat, um einen Rettungsplan aufzustellen: In wenigen Wochen will sein Boss Schrempp erste Resultate sehen. Spätestens Ende April, auf der Hauptversammlung von Mitsubishi, muss Daimler entscheiden: Gibt es neues Kapital aus Stuttgart oder lässt Daimler den viertgrößten japanischen Autobauer fallen?Renschler selbst schweigt bisher. Nur so viel: In einem Brief an die Smart-Mitarbeiter heißt es, er sei beauftragt worden, im Rahmen der weiteren strategischen Entwicklung von Daimler-Chrysler ein bis Ende April befristetes Projekt zu leiten. ?Ziel ist es, mit einem Business Plan für Mitsubishi die künftige Rolle unseres strategischen Allianzpartners auszuarbeiten.?Tatsächlich muss Renschler bis dahin alle denkbaren Optionen geprüft haben ? selbst eine vollständige Trennung von den Japanern. Experten räumen dem zwar keine Chancen ein. Zu eng sind die Japanern inzwischen in die Welt-AG von Daimler-Chrysler verflochten, zu deutlich sind Chrysler und Smart bei der Produktion mit Mitsubishi verzahnt. Doch bereits mit der Schließung des Flugzeugbauers Fokker hat Schrempp bewiesen, dass er auch zu drastischen Schnitten bereit ist. Kommt Renschler zu dem Ergebnis, dass Mitsubishi nicht zu retten ist, droht der Schlusspunkt unter dem japanischen Kapitel. Überzeugt der Schwabe aus Ditzingen indes seinen Konzernboss von einem Rettungsplan, steht Renschlers Ernennung zum neuen Mister Mitsubishi wohl nichts und niemand mehr im Wege ? auch nicht Rolf Eckrodt. Der Vertrag des derzeitigen Mitsubishi-Gesandten läuft Ende des Jahres aus. Aller Voraussicht nach verabschiedet sich der 61-Jährige dann in den vorzeitigen Ruhestand.Für Renschler wäre es der nächste schwierige Job. Die Japaner stecken in größten Finanznöten: Erst vor wenigen Tagen schockte Mitsubishi die Märkte mit einer dritten Gewinnwarnung innerhalb von neun Monaten. Der Verlust im operativen Geschäft werde wohl doppelt so hoch ausfallen wie bisher erwartet, heißt es nun. Der hoch verschuldete Autobauer braucht nach Schätzungen von Analysten eine Finanzspritze von zwei Milliarden Euro, wovon Daimler allein 700 Millionen Euro zu tragen hätte.Doch Renschler ist krisenerprobt. Bereits Mitte der neunziger Jahre fiel er Schrempp auf, als er das heikle Projekt, das erste Mercedes-Werk in den Vereinigten Staaten im Bundesstaat Alabama zum Laufen brachte. In der Folge arbeitete sich der gelernte Bankkaufmann, Wirtschaftsingenieur und Betriebswirt vom Bereichsleiter fast bis in den Konzernvorstand vor. Nach dem Fehlstart des Smart ? der City-Floh kippte beim Elchtest um, und die angepeilten Verkaufszahlen erwiesen sich als utopisch ?, machte er aus dem Spaßauto doch noch eine Ernst zu nehmende Marke: Mit dem neuen Viersitzer soll der Absatz in diesem Jahr nun auf bis zu 180 000 Fahrzeuge steigen. Das neue Ziel für das Erreichen der Gewinnschwelle heißt 2006. Dass Renschler nun womöglich den Smart-Chefsessel verlassen wird, noch bevor er seine Aufgabe dort zu Ende geführt hat, zeigt, wie wichtig Mitsubishi den Konzernbossen ist.Auch bei Mitsubishi würde Renschler die Wende nicht über Nacht schaffen können. Es würde Jahre brauchen, bis ein Mitsubishi- Modell auf den Markt käme, das die Handschrift Renschlers trägt. Ganz unbekannt aber ist Mitsubishi für ihn nicht: Wegen der engen Kooperation mit Smart ist Renschler bereits mit der Arbeit der Japaner vertraut. Der neue Smart-Viersitzer, der Forfour, basiert in weiten Teilen auf dem Mitsubishi-Kleinwagen Colt. 40 Prozent der Teile stimmen überein, die Benzinmotoren für beide Modelle kommen aus einem deutsch-japanischen Gemeinschaftswerk in Thüringen.Wenn einer bei Mitsubishi die Stimmung drehen kann, dann der Schwabe. Ein Branchenexperte sagt es so: ?Renschler kann man in der Wüste ohne Wasser aussetzen, und man muss sich trotzdem keine Sorgen um ihn machen.?Mitarbeit: Nicole Bastian
Dieser Artikel ist erschienen am 02.03.2004