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Der neue Gelbe Engel

Axel Höpner
Stefan Müller hat lange in der Autoindustrie Karriere gemacht. Die Liste seiner Arbeitgeber reicht von BMW über Ford bis Audi. Doch dann gibt er überraschend seinen Job im VW-Konzern auf. Jetzt steuert der 47-jährige Westfale einen mächtigen Münchener Verein: den ADAC.
MÜNCHEN. Kulinarisch hat Stefan Müller jedenfalls einen Sprung nach oben gemacht. Die legendäre Currywurst bei seinem Ex-Arbeitgeber Volkswagen war nicht so ganz die Lieblingsspeise des 47-jährigen Westfalen. Nun sitzt der ehemalige Deutschland-Vertriebschef von VW bei Entenravioli und Gänseleber in den ?Südtiroler Stuben? von Sterne-Koch Alfons Schuhbeck, direkt neben dem Hofbräuhaus im Herzen Münchens. ?Ich betrachte das eindeutig als Aufstieg?, sagt Müller.Der etwa 1,80 Meter große Autoexperte meint aber weniger die Speisekarte. Sondern seinen Wechsel vom VW-Konzern zum ADAC. Als erster Manager aus der Autoindustrie hat er einen hochrangigen Posten beim Autoclub angetreten, den neuen Posten des Vorsitzenden der Geschäftsführung.

Die besten Jobs von allen

Sein Wechsel hat in der Branche für Überraschung gesorgt. Bisher arbeitete Müller beim internationalen Autokonzern VW und hatte die Verantwortung für einen Umsatz von etwa zehn Milliarden Euro. Jetzt sind es nur noch 1,6 Milliarden Euro. Die börsennotierte, auf Quartalsergebnisse fokussierte AG hat er gegen ein seltsames Gebilde eingetauscht: einen Verein mit mehr als 16 Millionen Mitgliedern, der Geschäfte rund um die Mobilität betreibt, von der Versicherung bis zu Reisenangeboten.Beim ADAC muss Müller ? seit gut zwei Wochen im Amt ? erst noch so richtig ankommen. Wenn er auch nach eigenem Bekunden sich bisher pudelwohl fühlt. Er räumt ein, dass die Entscheidungsfindung beim ADAC manchmal etwas länger dauere, was ADAC-Präsident Peter Meyer ein ?gremiengetriebenes Unternehmen? nennt. Doch dafür seien diese Beschlüsse nachhaltig ?wie bei einem Familienunternehmen?, sagt Müller.Einen nachhaltigen Eindruck haben auch Autos bei ihm hinterlassen. Schon sein Vater fuhr gerne schöne, sportliche Autos. So war der Sohn früh von den BMWs und Alfa-Romeos vor der Haustür fasziniert. Nach dem Studium in Würzburg und den USA startet er denn auch bei BMW. Als im Zuge der Rover-Krise Wolfgang Reitzle dort gehen muss, nimmt der heutige Linde-Chef Müller mit zur Premier Automotive Group von Ford nach London.Aber aus Reitzles großen Plänen wird nicht viel. Zwar arbeiten er und Müller eine Strategie aus, um die Ford-Premiummarken in einer Einheit zu bündeln. Wirklich durchgezogen wird die Gruppe von den Amerikanern aber nicht. Müller steuert anschließend den Mitteleuropa-Vertrieb von Volvo, ehe er für Audi und dann für VW in Deutschland das Vertriebsgeschäft leitet.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Zwei Westfalen an der Spitze Beim ADAC will er vor allem seine Erfahrungen in Sachen Marketing, Vertrieb und Service einbringen. ?Da kenne ich mich aus.? Zunächst aber wolle er erst einmal genau anschauen, wie der Laden funktioniere. Im Pannenwagen sei er schon mitgefahren, erzählt er. Das kommt bei den Mitarbeitern gut an, die dem neuen, smarten Chef bescheinigen, er sei umgänglich und könne zuhören.Aber entscheidend wird vor allem sein, dass die Chemie an der Spitze des Autoclubs stimmt: zwischen dem gut bezahlten Geschäftsleitungsvorsitzenden Müller und dem ehrenamtlichen Vereinspräsidenten Meyer ? eine ungewöhnliche Konstruktion für ein Manager-Tandem.Die gemeinsame Herkunft könnte aber helfen. Beide sind Westfalen, Müller ist in Werne an der Lippe geboren. ?Der Westfale steht für Bodenständigkeit, Geradlinigkeit und hin und wieder auch für einen Dickkopf?, sagt Präsident Meyer.Gemeinsam wollen sie nun die mächtigste Lobbyvereinigung Deutschlands mit ihren 8 000 Mitarbeitern führen. Bekannt ist der Verein noch immer vor allem für seine Gelben Engel, die rund 3,5 Millionen Mal jährlich bei Pannen helfen. Müller selbst hat sie bisher in Deutschland noch nicht in Anspruch genommen. Warum auch? Wenn bei seinen Jobs in der Autoindustrie die Elektronik einmal versagte, rauschte schnell die firmeneigene Service-Flotte an.Doch als Student in den USA nutzte er häufiger das Kooperationsabkommen des ADAC mit einem US-Anbieter, als sein altes Auto im Winter nicht ansprang. Ein Problem, dass viele Autofahrer in Deutschland kennen: 850 000-mal im Jahr gibt der ADAC Starthilfe und ist so zum größten Autobatterie-Händler hierzulande geworden.Und was will Müller beim ADAC ändern? Konkretes nennt er nicht. ?Natürlich wollen wir weiter wachsen.? Der ADAC könne auch neue Geschäftsfelder erschließen, wenn es den Mitgliedern diene. ?Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt.? Mit der Mitgliederkartei und der Zeitschrift ?Motorwelt? verfügt der Club über eine enorme Marktmacht.Aber eilig hat es Müller bei seinen Expansionsplänen ohnehin nicht. Der 47-Jährige, der seine Karriere bei BMW in München begann, ist wieder in die bayerische Metropole zurückgekehrt ? und will bleiben. ?Wenn man erst einmal herumgekommen ist, ist München noch schöner, als man vorher gedacht hat?, sagt Müller, der wandert, Ski fährt und gerne sein Mountainbike strapaziert.Der Posten beim ADAC soll nach seiner Vorstellung der letzte in seiner Karriere sein: ?16 Jahre und neun Monate möchte ich hier bleiben.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Müller arbeitet lange für BMW Stefan Müller 1960Er wird am 27. August im westfälischen Werne geboren. Stefan Müller studiert später Betriebswirtschaft in Würzburg und New York.1986Er startet bei BMW und wird zuletzt Hauptabteilungsleiter in der Vertriebsregion Mitteleuropa.1999Er wird Direktor für Marke und Vertriebsentwicklung der Premier Automotive Group in London. Ein Jahr später wird er Geschäftsführer von Volvo in Deutschland, dann President von Volvo in Zentraleuropa und Deutschland-Vertriebschef von Audi.2005Müller wird Sprecher der Geschäftsführung der Volkswagen Retail GmbH und Leiter Vertrieb Deutschland von Volkswagen.2008Seit April ist er Vorsitzender der ADAC-Geschäftsführung.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.04.2008