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Der Navigator segelt auf Schlingerkurs

Von Oliver Stock
Ernesto Bertarelli hat viel Glück gehabt in seinem bisherigen Leben. Er hat eine attraktive Frau, mit der zusammen er sich ab und an bei Nobelanlässen im Smoking mit strahlendem Lächeln ablichten lässt. Er ist erst 40 Jahre alt und doch schon Milliardär. Er leitet Serono, das größte europäische Biotechnologieunternehmen, und besitzt es auch mehrheitlich.
HB ZÜRICH. Er leitet Serono, das größte europäische Biotechnologieunternehmen, besitzt es auch mehrheitlich, und er ist Navigator und Besitzer der ?Alinghi?, jener Segeljacht, deren Crew nach 150 Jahren zum ersten Mal den America?s Cup nach Europa geholt hat ? in die meerfreie Schweiz. Die Doppelbegabung ? Sportler und Unternehmer ? verleitet zu Metaphern: ?Bertarelli ist auf Kurs? lautet eine der beliebtesten.Seit Montag ist es mit dieser eindeutigen Bildersprache vorbei: Serono hat einen Verlust von 106,1 Millionen Dollar vorgelegt ? der war zwar erwartet worden, verhagelt aber doch die Stimmung.

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Grund für die roten Zahlen sind unschöne Verkaufspraktiken von Serono in den USA. Sie sind aufgeflogen und haben Strafen und Schadensersatzzahlungen in Höhe von mehr als 700 Millionen Dollar nach sich gezogen. Dazu kommt, dass der Umsatz währungsbereinigt nur um 4,5 Prozent auf 2,59 Milliarden Dollar gewachsen ist. Da hatte sich die Finanzgemeinde mehr versprochen.Zu allem Überfluss zeigt der Trend im vierten Quartal zumindest für das wichtigste Serono-Medikament Rebif auch noch nach unten. Was den Hauptumsatzträger einmal ersetzen soll, ist nicht wirklich abzusehen.Unschön ist schließlich, dass Serono zwar im November bestätigte, eine Investmentbank habe den Auftrag, ?strategische Alternativen? für das Unternehmen auszuloten, Bertarelli sich aber zu den Folgen dieses Auftrags auch gestern wieder zugeknöpft zeigte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Suche nach Alternativen wird von der Börse klar als spannendste Geschichte bewertet.Die Suche nach Alternativen wird von der Börse klar als spannendste Geschichte bewertet. Die von Serono selbst genährten Spekulationen haben der Aktie in den vergangenen drei Monaten zu einem Plus von rund einem Drittel verholfen. Aktuell gilt die britische Glaxo Smithkline als heißester Käufertipp.Dass Bertarelli gestern lediglich feststellte, der Prozess sei weiter im Gange, und es sei nicht sicher, ob überhaupt etwas dabei herauskomme, enttäuschte die Börsianer deswegen umso mehr. Sie wollen wissen, ob der Serono-Navigator von seiner kolportierten Preisvorstellung von 15 Milliarden Dollar abrückt. Sie interessiert, ob das Unternehmen in Teilen oder ganz verkauft wird. Gibt es nur eine strategische Allianz? Bleibt Serono selbstständig? Tritt Bertarelli selbst als Käufer auf?Die Antworten bestehen aus Schweigen. ?Unklarer Kurs? ist daher noch die harmloseste Zustandsbeschreibung aus der Seglersprache, die gestern für Serono gefunden wurde: ?Das Schiff schlingert?, ?der Lotse geht von Bord? waren drastischere Beschreibungen.Bertarelli gehen diese Vergleiche auf die Nerven: ?Das Management eines Biotechunternehmens ist sehr viel komplexer als das Segeln?, sagte er vergangenes Jahr im Handelsblatt. Wenn es sein müsse, würde er sich auf folgende Parallele einlassen: Bei ?Alinghi? und Serono seien ?Einzelpersonen mit viel Talent gefordert, die aber effizient als Team zusammenarbeiten müssen.?Während bei der Alinghi jedoch tatsächlich ein Team Kurs hält, hängt der Kurs von Serono stark an Bertarelli selbst. Er war es, der aus dem in Rom gegründeten Pharma-Mittelständler mit Spezialgebiet Hormonpräparate innerhalb von zehn Jahren das drittgrößte Biotechnologieunternehmen der Welt formte. Er ist es, der 62 Prozent des Kapitals und 76 Prozent der Stimmrechte hält. Und von ihm allein wird es letztlich abhängen, ob Serono verkauft wird. Dabei ist es durchaus möglich, dass Bertarelli das Ruder herumwirft und sein Glück allein versucht.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.02.2006