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Der Napoleon der ARD

Von Hans-Peter Siebenhaar
Der neue ARD-Vorsitzende Fritz Raff hat eine abwechslungsreiche Karriere hinter sich: Er war Chefredakteur, Oberbürgermeister und Rundfunkintendant. Nun übernimmt der 56-jährige den ARD-Chefsessel von Thomas Gruber. Raff zeigt sich kritisch ? und spricht offen Missstände an.
Der ARD-Vorsitzende und Intendant des Saarländischen Rundfunks (SR), Fritz Raff (Quelle: dpa)
SAARBRÜCKEN. Das waren noch Zeiten, als Fritz Raff mit einem Modell für die kleinstädtische Ansiedlungspolitik über Mosbach hinaus Schlagzeilen machte. Der damalige SPD-Oberbürgermeister der nordbadischen Kleinstadt hatte ein brachliegendes Industriegelände saniert und dort Firmen angesiedelt. Mit dem nur dreieinhalb Hektar großen ?Industriepark Mosbach? ging damals der ehrgeizige Kommunalpolitiker bundesweit hausieren. Raff ist es schon damals gelungen, kleine Dinge ganz groß zu verkaufen.Daran hat sich bis heute nichts geändert. ?Fritz Raff ist ein Schwabe comme il faut, ein begnadeter Kommunikator und großer Netzwerker vor dem Herrn?, lobt Thomas Gruber, Intendant des Bayerischen Rundfunks und Vorgänger auf dem ARD-Chefsessel.

Die besten Jobs von allen

Zum ersten Mal in der Geschichte des kleinen Saarländischen Rundfunks ist ein Intendant zum Vorsitzenden der großen ARD gewählt worden. Der 56-jährige Raff wird für zwei Jahre an der Spitze der höchst unterschiedlichen Landesrundfunkanstalten stehen. Darauf ist er stolz: ?Ein ARD-Vorsitzender braucht Lust, sich ins medien- und programmpolitische Getümmel zu stürzen, und die habe ich?, sagt er.Raff regiert über sein kleines Rundfunkimperium in Saarbrücken wie ein Fürst. Eine breite Auffahrt führt hinaus zum Halberg. Auf dem Gipfel steht ein neugotisches Schloss, einst das Hauptquartier der Franzosen nach dem Zweiten Weltkrieg.Im ersten Stock residiert der kunstsinnige ARD-Chef. Eine lebensgroße Frauenplastik des saarländischen Künstlers Hans Schröder dominiert den Raum. Raffs Blick schweift oft über die Wälder in der idyllischen Landschaft. Hier brütet er über die ARD. ?Uns gelingt es nicht ausreichend, junge Zuschauer anzusprechen. Im Unterhaltungsbereich haben wir die Kompetenz für junge Zielgruppen weitgehend verloren. Uns fehlt Frisches und Neues.?So viel Selbstkritik ist ungewöhnlich für eine Institution, die an ihrer Reformunfähigkeit zu scheitern droht. Vorgänger Gruber litt in seiner Amtszeit unter dem mangelnden Willen seiner Kollegen zu Veränderungen. Raff will daraus lernen. Vielleicht deshalb haben die beiden Intendanten den Jahreswechsel gemeinsam an der Saar verbracht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Ohne Jauch geht die ARD-Welt nicht unter?Den neuen Stil in der ARD unter Raff bekam bereits Moderator Günther Jauch zu spüren, der die Nachfolge der sonntäglichen Talkshow von Sabine Christiansen übernehmen wollte. Die plötzliche Absage des RTL-Millionärs lässt Raff weitgehend kalt. ?Ohne Jauch geht die ARD-Welt nicht unter?, heißt die neue Losung. Dabei konnte sich das Erste bisher noch nicht einmal auf einen Nachfolger einigen. Doch Entscheidungen dauern im Kreis der ?Gremlins? (Jauch) eben länger.Der neue Job ist für Raff und seinen kleinen Sender eine Herausforderung. Selbst in den eigenen Reihen fragten sich viele: Kann die nach Radio Bremen kleinste ARD-Tochter überhaupt die vielfältigen Anforderung eines ARD-Vorsitzes erfüllen? Diese Frage lässt der selbstbewusste Rundfunkmanager nicht gelten: ?Bei Luxemburg stellt doch auch niemand die Frage, ob so ein kleines Land den Ratsvorsitz in der großen Europäischen Union übernehmen kann.?Selbstbewusstsein brauchen Raff und seine Minianstalt seit Jahren, um in der ARD Gehör zu finden. Inmitten der Granden des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wie Fritz Pleitgen (WDR), Jobst Plog (NDR) oder Peter Voß (SWR) ist er nur ein kleines Licht. Doch der red- und leutselige Ludwigsburger hat sich Respekt verschafft.Innerhalb der ARD sitzen die Saarländer am Katzentisch. Denn ohne die Zuschüsse der großen Geschwister wäre die Anstalt am Rande der Republik nicht überlebensfähig. Als Raff vor elf Jahren den Chefsessel auf dem Halberg übernahm, hatte er viel Sanierungsarbeit zu leisten. Schließlich subventionierte die ARD damals den Minisender mit rund 50 Millionen Euro jährlich. Raff hat Personal eingespart, Administrationen vereinfacht und zusammengelegt. 250 Stellen sparte er dabei ein, die Anstalt zählt heute noch knapp 600 Mitarbeiter. In diesem Jahr vereinigt sich das saarländischen Sinfonieorchester mit dem Rundfunkorchester des benachbarten SWR in Kaiserslautern. ?Dadurch wird jede Anstalt rund ein Drittel der bisherigen Orchesterkosten einsparen. Was Kooperationen angeht, können sich die Länder einige Beispiele bei der ARD abschauen?, sagt Raff.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Strikte Linie ? Die Selbstständigkeit der Sender bleibt unantastbarDoch eines blieb für den Saarbrücker Intendanten unantastbar: Die Selbstständigkeit des Senders. Warum nicht den Sender wie in Berlin und Brandenburg zu einer ARD-Anstalt zusammenlegen? ?Die Saarländer wollen den Saarländischen Rundfunk. Keine andere Anstalt hat so enge Beziehungen zu den Bürgern wie wir?, kontert Raff. Sein Veto zu einer Fusion mit dem SWR ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Das gilt auch für den saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller. Raff und der CDU-Landesvater verstehen sich gut. Obwohl der Intendant seit Jahren ein bekennender Sozialdemokrat ist.Seine Karriere: Stellvertretender Juso-Vorsitzender von Baden-Württemberg, anschließend Geschäftsführer des Journalistenverbandes in Stuttgart. Danach wird er Chef des Gewerkschaftsblatts ?Der Journalist? und schließlich SPD-Oberbürgermeister in Mosbach.Raff, der Rundfunk-Napoleon von der Saar, ist ein mächtiger Mann, der mit vielen kann. Dementsprechend fiel das Votum bei der Vertragsverlängerung aus. Er wurde im September 2005 mit 30 von 32 Stimmen für weitere sechs Jahre als Intendant wiedergewählt. Denn Feinde in der Politik hat der kluge Stratege nicht.Das Saarland ist dem Schwaben ans Herz gewachsen. Natürlich hätte es den ehrgeizigen Verwaltungswissenschaftler gereizt, die Nachfolge von Pleitgen beim mächtigen WDR in Köln zu übernehmen, berichten Vertraute. Doch am Ende wollte er seinen ?Laden? am Rande Saarbrückens nicht im Stich lassen. Auch sein privates Glück fand der lebensfrohe Feinschmecker im Saarland. Vor sechs Jahren heiratete er in zweiter Ehe die Senderangestellte Susanne Hepperle, mit ihr und den beiden Kindern lebt er in einem ruhigen Vorort Saarbrückens.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Zur Person Fritz Raff Fritz Raff1948:Raff wird er am 11. Februar in Ludwigsburg geboren.1971:Er schließt sein Studium als Diplom-Verwaltungswirt ab und wird Geschäftsführer des Südwestdeutschen Journalisten-Verbandes in Stuttgart.1977:Raff wird Hauptgeschäftsführer des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), zeitweise auch Chefredakteur der Gewerkschaftszeitung ?Journalist?.1985:Fünf Jahre lang agiert er als Oberbürgermeister von Mosbach.1990:Raff bekommt den Posten als Verwaltungsdirektor beim Saarländischen Rundfunk (SR).1996:Er wird Intendant des SR.2007:Raff wird zum ARD-Vorsitzenden gewählt.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.01.2007