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Der nächste Kulturschock

Von Jürgen Flauger und Markus Hennes
Jürgen Großmann übernimmt am Montag die Macht bei RWE. Der Unternehmer wird vieles ganz anders machen als Vorgänger Harry Roels, muss sich allerdings in dem komplizierten Machtgefüge erst einmal zurechtfinden.
Jürgen Großmann ist neuer RWE-Chef. Foto: ap
DÜSSELDORF. Vorgänger und Nachfolger kommen sich nicht mehr in die Quere. Harry Roels, der scheidende Vorstandsvorsitzende von RWE, hat bereits am Mittwochnachmittag seine engsten Mitarbeiter im Essener RWE-Turm zu einem letzten Umtrunk eingeladen. Heute wird er sich mit einem persönlichen Schreiben von der gesamten Belegschaft verabschieden. Sein Nachfolger Jürgen Großmann kann also am Montag das Büro des Konzernchefs in der 25. Etage des 120 Meter hohen Gebäudes beziehen.Eine demonstrative Amtsübergabe wie im Januar 2003, als Roels und sein Vorgänger Dietmar Kuhnt zum gemeinsamen Abendessen luden, wird es diesmal nicht geben. Das wäre nach dem Gerangel der vergangenen Monate auch peinlich geworden. Roels, der auf eine zweite Amtsperiode gehofft hatte, wollte zumindest seinen Vertrag bis Ende Januar erfüllen. Aber Großmann, den der Aufsichtsrat bereits im Februar zum künftigen RWE-Chef gekürt hatte, drängelte. Auf keinen Fall wollte er ? wie vorgesehen ? mit dem Niederländer noch ein Vierteljahr Tür an Tür zusammenarbeiten. Vor einer Woche stimmte Roels zu, vorzeitig seinen Stuhl zu räumen.

Die besten Jobs von allen

Großmann ist es nicht gewohnt, nach der Pfeife anderer Leute zu tanzen. Schon in seiner Zeit bei den Duisburger Klöckner-Werken, wo er 1988 im Alter von 36 Jahren den Sprung in den Konzernvorstand schaffte, eckte er häufig mit den Kollegen aus der Top-Etage an. Zum endgültigen Bruch kam es Ende 1992, als Klöckner wegen riesiger Verluste im Stahlbereich zusammenbrach. Damals schmiss Großmann seinen Top-Job im Konzernvorstand und übernahm im Juni 1993 in einem Management-Buy-out das chronisch defizitäre und obendrein hochverschuldete Stahlwerk Georgsmarienhütte von Klöckner. Mit Mut, strategischem Geschick und seinem guten Draht zum damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder brachte er den Edelstahlproduzenten am Rande des Teutoburger Walds wieder auf die Erfolgsspur.Als erfolgreicher Mittelständler sah sich Großmann in seiner Abneigung gegenüber Konzernen und ihren ausufernden Hierarchien bestätigt. Um das Stahlwerk baute er eine profitable Firmengruppe mit inzwischen 43 Unternehmen, 2,3 Milliarden Euro Umsatz und 9 000 Mitarbeitern auf. ?Große Konzerne verbrauchen riesige Energiemengen, um zuallererst sich selbst zu verwalten, ehe sie überhaupt den ersten Gedanken an ihre Kunden verschwenden können?, sagte er erst vor einem Jahr dem Handelsblatt. Gleichwohl geht ein langjähriger Weggefährte davon aus, dass Großmann die Herausforderung bei RWE meistern wird: ?Der Mann hat viele Talente und ein enormes Durchsetzungsvermögen.?Anders als Ex-Shell-Manager Roels fängt Großmann nicht bei null an. Seit Monaten nutzt er seine exzellenten Kontakte in den Konzern, trifft sich mit führenden Aufsichtsräten, Managern und einflussreichen Gewerkschaftern, um sich ein genaues Bild der Lage zu verschaffen. Aufsichtsratsmitglied Heinz Holl etwa, Vertreter der kommunalen RWE-Aktionäre, kennt Großmann lange. Der Ex-Oberkreisdirektor von Osnabrück sitzt auch bei der Georgsmarienhütte im Aufsichtsrat und soll Großmann als Roels-Nachfolger ins Gespräch gebracht haben. Ein Konkurrent aus der Stahlbranche ist überzeugt, dass der neue Chef sich und seinem Umfeld keine Schonfrist gönnen wird. ?Da wird es gleich zu Beginn einige Grausamkeiten geben.?Wie Insider berichten, plant Großmann einen radikalen Umbau des verschachtelten Konzerns. Die von Roels eingeführten Zwischenholdings Energy für den Vertrieb und Power für die Kraftwerke gelten als ineffizient. Für das Tagesgeschäft sucht er noch einen Chief Operating Officer. Auch wird erwartet, dass RWE künftig wieder mutiger nach Zukäufen Ausschau halten wird. Zwar übernimmt Großmann eine finanziell gesunde RWE. Aber neue Wettbewerber jagen auch Deutschlands größtem Stromkonzern Kunden ab, Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt machen Druck, in Deutschland sinken die Margen. Aus Berlin und Brüssel drohen mit dem Emissionshandel und der Entflechtung von Netz und Produktion neue Belastungen. Und schließlich gilt RWE als Übernahmekandidat. Immer wieder kursiert das Gerücht, der Branchenriese Electricité de France (EDF) prüfe eine Übernahme.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Keine Pluspunkte im Aufsichtsrat?Ob Großmann letztlich so loslegen kann, wie er gerne möchte, bleibt abzuwarten. Auch er muss sich in dem komplizierten Machtgefüge im RWE-Aufsichtsrat mit privaten und kommunalen Aktionären auf der einen und den Gewerkschaften Verdi und IG BCE auf der anderen Seite erst einmal zurechtfinden. Und mit seiner forschen Art macht er sich nicht nur Freunde. Dass er sich zunächst vertraglich verpflichtete, während seiner Einarbeitungszeit unter Roels zu dienen, dann aber dessen vorzeitigen Abschied verlangte, habe ihm ?keine Pluspunkte im Aufsichtsrat? eingetragen, sagt ein Vertreter der Kapitalseite. Auch dass er sich, noch nicht im Amt, in RWE-Angelegenheiten eingemischt habe, empfinden Firmenaufseher als ?stillos?.Auch Roels traf zu Beginn seiner Amtszeit auf starken Widerstand. Als er eine neue Führungsstruktur einführen wollte, setzten die Bürgermeister von Essen und Dortmund durch, dass wichtige RWE-Standorte in ihren Kommunen angesiedelt werden. ?Warum sollte das jetzt anders werden?? fragt ein RWE-Manager.Groß sind sie beide, ansonsten haben die beiden RWE-Chefs kaum etwas gemein. Roels, 59, ist schlank, schlaksig und asketisch. Großmann, 55, hingegen ein Genussmensch, dem seine Vorliebe für gutes Essen und edle Weine auf den Leib geschrieben ist. Hier der eher zurückhaltend, höflich auftretende Roels, da der kernige Großmann mit seiner kräftigen Stimme und gewinnenden Art.Als Roels zum RWE-Chef bestellt wurde, versprachen sich die Eigentümer internationales Flair für den Konzern. Der Energiemanager, der lange für das Weltunternehmen Shell arbeitete, sollte RWE von seinem provinziellen Mief befreien und stärker auf den Kapitalmarkt ausrichten.An diesen Auftrag hielt sich Roels strikt. Er verkaufte unrentable Geschäftsfelder, baute Schulden ab, senkte Kosten und steigerte die Rendite. An der Börse konnte der Niederländer punkten: In seiner Amtszeit vervierfachte sich der RWE-Kurs. Nicht aber bei den kommunalen Aktionären, die Einfluss verlieren. In Roels? Amtszeit ist ihr Anteil am RWE-Kapital von 34 auf 28 Prozent gesunken. Falls noch mehr Kommunen verkaufen, um ihre Haushaltslöcher zu stopfen, wäre die Sperrminorität von 25 Prozent in Gefahr. Ebenso hat Roels den Kontakt zu den Kunden vernachlässigt, werfen ihm Kritiker vor. Als im Winter 2005 im Münsterland Strommasten von RWE umkippten und ein Landstrich tagelang ohne Strom war, weilte Roels bei Investoren in den USA.Das soll nun besser werden. Während Aufsichtsratschef Thomas Fischer hofft, dass der Neue RWE wieder eine Seele geben kann, will Großmann vor allem eins beweisen: Dass er nicht kleine Buden, sondern auch Großkonzerne erfolgreich neu ausrichten kann.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.09.2007