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Der Nächste, bitte

Von Joachim Hofer und W. Gillmann
Er kam mit einem Feuerwerk an neuen Ideen ? seinen Mitarbeitern wurde angst und bange. Infineon-Finanzchef Rüdiger Günther muss nach einem Vierteljahr gehen.
Rüdiger Günther sei schlicht ein 'Fehlgriff' gewesen, heißt es in Unternehmenskreisen. Foto: dpa
MÜNCHEN/DÜSSELDORF. Vierzehn Jahre lang hat Rüdiger Günther einen auf Traktoren gemacht. Dann ist er in die Chipindustrie gewechselt. Es war ein Fehler, wie er seit gestern Morgen weiß. Denn nach nur einem Vierteljahr als Finanzvorstand von Infineon legte ihm der Aufsichtsrat in einer mehrstündigen Sitzung nahe, seinen Schreibtisch wieder zu räumen. Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe liefen die Verhandlungen über eine Auflösung des Vertrags.Über die wahren Gründe des unerwartet schnellen Abgangs gehen die Meinungen weit auseinander. In Unternehmenskreisen heißt es, er sei schlicht ein ?Fehlgriff? gewesen. Günthers großspuriges Auftreten sei unter seinen Mitarbeitern überhaupt nicht gut angekommen. ?Er ist vielen Leuten auf die Füße getreten?, sagt ein Insider. Zudem habe der Manager fachliche Probleme in der schnelllebigen Halbleiterbranche gehabt.

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?Alles Quatsch?, entgegnen Leute, denen sich der geschasste Finanzfachmann in den vergangenen Tagen anvertraut hat. Im Umfeld Günthers wird vermutet, er habe zu sehr in der Vergangenheit gewühlt. Das hätten sich die Getreuen des langjährigen Finanzvorstands Peter Fischl nicht gefallen lassen. Denn vor allem im Zusammenhang mit Bewertungsfragen rund um die neue Konzernzentrale im Münchener Süden seien Ungereimtheiten aufgetaucht.Überprüfen lässt sich das alles nicht. Fest steht nur: Dass Günther an seinen Arbeitsplatz zurückkehrt, ist ausgeschlossen. Darauf hat sich der Aufsichtsrat verständigt. Aus Günthers Lager hingegen verlautete, dass er seinen Stuhl nicht freiwillig räumen werde.Wie die Lösung auch immer aussehen wird: Dem Haifischbecken Infineon war der Manager nach 14 Jahren in der ostwestfälischen Provinz beim Landmaschinenhersteller Claas offenbar nicht gewachsen. Dabei hat sich der eloquente und redegewandte Günther schon immer zu Höherem berufen gefühlt. Dass er nicht ewig in ?Rabbitscorner? bleiben würde, wie er den Firmensitz Harsewinkel im Gespräch mit ausländischen Kunden gerne nannte, war klar; und das nicht nur, weil er mit einer Amerikanerin verheiratet ist.Denn bei Claas drohte dem ehrgeizigen Manager ein Machtverlust. Der achtzigjährige Firmeninhaber Helmut Claas hält die oberste Führungsposition für seine Tochter Cathrina frei, deshalb war Günther bis zu seinem Wechsel zu Infineon in diesem Frühjahr nur Sprecher, nicht aber Vorsitzender der Geschäftsführung. Für einen Mann mit seinen Ambitionen kein Dauerzustand.Doch in der schicken Konzernzentrale von Infineon mit dem unvergleichlichen Blick auf die Alpen muss Günther einen denkbar schlechten Einstand gehabt haben. Schon die ersten Treffen mit seinen neuen Untergebenen waren wohl ein Desaster, ist im Unternehmen zu hören. In Windeseile hat es sich der Vater von zwei Kindern mit seinen engsten Mitarbeitern gründlich verdorben. Nach einigen Wochen muss auch Infineon-Chef Wolfgang Ziebart klar geworden sein, dass sein neuer Vorstandskollege offenbar ganz anders ist, als sich das alle vorgestellt hatten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Günther gilt als harter KnochenDer 1958 in Göttingen geborene Günther gilt als harter Knochen, er hat als Fußballer und als zweimaliger Deutscher Meister im Karate eine sportliche Vergangenheit. In seinem Wohnort nahe Weser und Teutoburger Wald nahm er regelmäßig am Landschaftslauf über 31 Kilometer vom Hermannsdenkmal zur Sparrenburg teil.Seine Laufschuhe sind auch bei Auslandsaufenthalten immer dabei. Mitarbeiter hat er schon morgens um sieben zum Joggen durch den New Yorker Central Park aufgefordert. ?Das hilft gegen den Jet-Lag und steigert die Teamfähigkeit?, begründete er den Frühsport.Diese sportliche, an der Leistung orientierte Einstellung pflegt Günther auch in seiner Arbeit. ?Nur der Erfolg entscheidet bei ihm?, sagt ein Mitarbeiter. ?Er sagt deutlich, was ihm nicht passt. Das ist sicher gewöhnungsbedürftig.? Damit kann man schnell anecken.Günthers schnelles Scheitern wirft allerdings auch kein gutes Licht auf Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley und dessen Gespür für die richtigen Top-Manager. Denn es ist nicht das erste Mal, dass der ehemalige Finanzvorstand von BASF mit einem Rauswurf für Aufsehen sorgt: Vor drei Jahren setzte er plötzlich und ohne Vorwarnung den damaligen Vorstandschef Ulrich Schumacher vor die Tür. Offizielle Begründung: Schumachers autoritärer Führungsstil.Dem Manager warf Kley hinterher in einem Interview allerdings sogar vor, er hätte an Schlafstörungen gelitten. Wenig später musste zudem ein anderer Infineon-Vorstand nach einer Polizeidurchsuchung wegen Korruption im Zusammenhang mit dem Motorsportengagement von Infineon gehen.Dazu kommt, dass kaum ein anderes Dax-Unternehmen in den vergangenen Jahren so schlechte Zahlen abgeliefert hat wie die frühere Siemens-Tochter. Im abgelaufenen zweiten Quartal musste Europas zweitgrößter Halbleiterproduzent erneut einen Verlust von 200 Mill. Euro hinnehmen.Angesichts der tiefroten Zahlen können sie einen wie Günther eigentlich gut gebrauchen. Denn bei Claas hat der Manager viel verändert. Er kam 1993 zu einer schwierigen Zeit. Das Unternehmen schrieb Verluste, Finanzierung und Liquidität bereiteten Probleme, Helmut Claas sorgte sich um die Unabhängigkeit des Familienunternehmens.In dieser Zeit konnte Günther mit seiner Erfahrung als Banker punkten. Denn der Manager ist kein Techniker oder Landwirtschaftsexperte. Er bekennt stets freimütig, dass sein Herz für die Finanzmärkte schlägt. ?Im Grunde bin ich hier ein Exot?, bekannte er freimütig beim Landmaschinenhersteller Claas.So begann der Diplom-Kaufmann seine Karriere nach einer Banklehre bei der Continental Bank mit Stationen in Frankfurt, London, New York und Chicago. 1988 wechselt er als Hauptabteilungsleiter Finanzen zur Düsseldorfer Metro und wird 1992 Leiter des Zentralbereichs Finanzen. Bei Claas stellt Günther vor allem die Finanzierung auf neue Beine.Das wollte er jetzt auch bei Infineon in Angriff nehmen. Offenbar brannte der Manager ein ganzes Feuerwerk an Ideen ab. Am Ende waren es so viele Neuerungen, dass den Mitarbeitern angst und bange wurde ? behauptet zumindest das Umfeld Günthers. Fachlich, so heißt es, habe er sich jedenfalls nichts vorzuwerfen.Noch ist unklar, wer künftig die Kassen von Infineon verwalten wird. Böse Zungen wollen wissen, dass es ein langjähriger Mitarbeiter wird.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Rüdiger GüntherVita von Rüdiger Günther1958 wird Günther am 3. Juni in Göttingen geboren.1985 absolviert er nach Banklehre und Studium sein Examen als Diplom-Kaufmann. Im Anschluss beginnt er bei der Continentalbank in Chicago.1988 wechselt er zum Handelskonzern Metro AG nach Düsseldorf, wo er zunächst als Hauptabteilungsleiter tätig ist.1992 wird Günther Leiter des Zentralbereichs Finanzen. Ein Jahr darauf wechselt er zum Erntemaschinenhersteller Claas, wo er das Zentrale Finanz- und Rechnungswesen verantwortet. Vier Jahre darauf wird er stellvertretender Geschäftsführer Finanzen, ein Jahr später Geschäftsführer Finanzen.2001 übernimmt er bei Claas die Bereiche Recht, Investor-Relations und Corporate Development. Im Oktober desselben Jahres rückt er als Sprecher der Geschäftsführung an die Spitze des Familienunternehmens auf.2007 wechselt Günther im April zum Chiphersteller Infineon nach München, wo er seinen Posten als Finanzvorstand antritt.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.07.2007