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Der Mut zum harten Schnitt

Von Joachim Weber, Handelsblatt
Bertram Kandziora, ein Mann, der bei aller Agilität Gelassenheit ausstrahlt, ist seit März 2003 Vorstandssprecher der Andreas Stihl AG. In der Nachfolge von Hans Peter Stihl ist er der zweite familienfremde Chef der Gruppe, die als Weltmarktführer bei Motorsägen gilt.
WAIBLINGEN. Bertram Kandziora, ein Mann, der bei aller Agilität Gelassenheit ausstrahlt, ist seit März 2003 Vorstandssprecher der Andreas Stihl AG. In der Nachfolge von Hans Peter Stihl ist er der zweite familienfremde Chef der Gruppe, die als Weltmarktführer bei Motorsägen gilt. Sein Vorgänger blieb nur kurz: Harald Joos, von der deutschen Tochter des Schweizer Aufzugsbauers Schindler nach Waiblingen gekommen, ging schon nach zehn Monaten.Über die Gründe schweigt Hans Peter Stihl. Rückschlüsse erlaubt das, was er am jetzigen Vorstandsteam schätzt: ?Mit der Führungsmannschaft sind wir sehr zufrieden. Ihr gelingt es, die Familienatmosphäre des Unternehmens zu erhalten.? Die Belegschaft fühlt sich ebenfalls gut aufgehoben. ?Natürlich hat der neue Vorstand seinen eigenen Stil?, sagt Claudia Klenk, die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende. ?Er ist sehr offen und redet mit den Leuten. Wir haben Round-Table-Gespräche mit dem Vorstand, zu denen sich jeder anmelden kann.?

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Der ?wohlwollend patriarchische? Hans Peter Stihl sei im Vergleich dazu eher reserviert gewesen. Gleichwohl finden die Mitarbeiter es beruhigend, dass der Familien-Chef sich nicht völlig aus dem Unternehmen zurückgezogen hat. ?Er ist immer noch regelmäßig im Unternehmern, informiert sich und beobachtet alles genau?, berichtet Klenk. ?Wir merken einfach: Die Familie ist noch da.?Bis Mitte 2002 war das völlig normal. Vier der acht Vorstandsmitglieder, die das Unternehmen bis dahin lenkten, waren Familienangehörige, neben Stihl selbst seine Schwester, sein Bruder und sein Schwager, alle Mitglieder derselben Generation. Dann folgte der radikale Schnitt. Nur der familienfremde Forschungschef Wolfgang Zahn, den Stihl noch selbst ?eingenordet? hatte, blieb im Vorstand, die übrigen sieben Mitglieder gingen auf einen Schlag.Die Suche nach Nachfolgern überließ Stihl Headhuntern, die neben Joos auch Kandziora als Vorstand für Produktion und Materialwirtschaft, Stefan Popp als Marketing- und Vertriebschef sowie Peter Dürolf als Finanz- und Personalvorstand platzierten. Nachdem Joos gegangen war, ernannte der Aufsichtsrat unter Stihls Vorsitz Kandziora zum neuen Chef, allerdings mit einem feinen Unterschied: Kandziora, Jahrgang 1956, mit reicher Erfahrung im Bosch-Konzern, wurde Vorstandssprecher ? von einem Vorsitzenden wollte Stihl nichts mehr wissen. Und der Vorstand blieb auf vier Mitglieder verkleinert, als hätte Joos keine Lücke hinterlassen.Gut ein Jahr später lehnt sich der Patriarch entspannt zurück. ?Ich denke, die Umstellung ist gelungen. Und wir haben unser Ziel erreicht, das Eigentum vom Management zu trennen?, sagt er in seiner bedächtigen Art. Den Konzernumbau hatte die alte Geschäftsführung schon 1995 eingeleitet. Heute trennt die Stihl Holding AG & Co. KG, in der die vormals nur in Personalunion gehaltenen Personengesellschaften zusammengefasst sind, Familien- und Firmeninteressen.?In der Holding finden auch alle Erbvorgänge statt?, erläutert Stihl. Augenblicklich gehört der Konzern vier Familienstämmen, die im Beirat der Holding vertreten sind. Ein Familienmitglied ist noch im Management: Nikolas Stihl, promovierter Ingenieur und Sohn von Hans Peter, leitet die Produktion der österreichischen GartengeräteTochter Viking.Zwar hat der 72-jährige Stihl seit seinem Rückzug aus der operativen Führung mehr Zeit, seine Motorräder (BMW, Ducati) und Autos (Maybach, Ferrari) zu fahren. Doch zurückgezogen hat sich der Unternehmer beileibe nicht. Zum einen ist er weiterhin weltweit unterwegs: ?Ich besuche alle Länder nur noch einmal im Jahr?. Zum anderen hat der Konzern-Beirat, dem er vorsitzt, den Begriff der von ihm mitbestimmten Strategie geschäftsnah definiert: Geht es um neue Produktzweige, Werke oder Akquisitionen, redet er ein gewichtiges Wörtchen mit.Das Gleiche gilt, wenn es um die Gewinnbeteiligung der Mitarbeiter oder die ertragsabhängige Zuweisung zur Altersversorgung geht. Die hauseigenen Errungenschaften unternehmerischer Fürsorge liegen Stihl am Herzen: ?Der direkte Bezug zur Ertragslage des Unternehmens hat die Einstellung der Belegschaft spürbar verändert.?Zwischen Stihl und seinem Vorstandssprecher Kandziora gibt es trotz der unterschiedlichen Charaktere viele Gemeinsamkeiten. Beide verbringen viel Zeit bei Kunden, aber auch in den ?Fabrikle?. Und beide sind begeisterte Techniker. ?Herr Stihl kann ihnen jedes Gerät und jede technische Lösung im Detail erklären?, erzählt Kandziora.Beim Werksrundgang ist zu spüren, wie stark sich der schlanke Top-Manager mit der Vorliebe für mittelgraue Anzüge dem Stil von Stihl verpflichtet fühlt. Die Menschen an den hochautomatisierten Fertigungs- und Montagestraßen kennen ihn, sind es gewohnt, vom Chef oft sogar mit Namen begrüßt zu werden. Der fühlt sich in dieser Umgebung wohl, führt Produkte und Prozesse vor, muss sich immer wieder Öl von den Händen wischen.Technik war und ist bei Stihl Chefsache. ?Wir müssen technologisch an der Spitze liegen ? davon hängt unser Erfolg ab?, sagt der gebürtige Schlesier mit dem nordbadischen Akzent. Das gelte für die Fertigungstechnik und für die Produkte. Ein neues Entwicklungszentrum für 40 Millionen Euro wurde gerade eingeweiht. Ob die winzigen Sägen-Motoren mit der hohen Leistung noch zu verbessern seien? ?Das weiß ich auch nicht. Aber wir bezahlen 400 Entwickler dafür?, kommt die lächelnde Antwort.Von Hans Peter Stihl hat Kandziora das Arbeitszimmer übernommen, besser gesagt: Stihls Hälfte eines lang gestreckten Raums, den sich der Ex-Vorstandschef mit seiner Schwester Eva Mayr-Stihl teilte. Seinen ?Chef? könnte Kandziora fast täglich sehen. Denn der speist immer noch regelmäßig mit seinen drei Geschwistern in der Mitarbeiter-Kantine. Da sitzen die Stihls dann nahe dem Eingang an einem Tisch, der sich nur durch eine Tischdecke, einen Blumenstrauß und ein paar Saftflaschen von allen anderen unterscheidet. In der Praxis treffen sich Vorstands- und Aufsichtsrats-Chef nur etwa alle vierzehn Tage ? das genügt, finden beide.
Bertram Kandziora 1956 Geburt in Schlesien.
1976 studiert er Maschinenbau in Karlsruhe; Promotion, Fachgebiet Montageautomatisierung.
1988 tritt er in den Bosch-Bereich Elektrowerkzeuge ein.
1996 nimmt er die Produktionsleitung des Kühlgerätewerks der Bosch-Siemens-Hausgeräte an.
2002 kommt er als Vorstand Produktion zu Stihl.
2003 wird Kandziora Stihl-Vorstandssprecher.
Hans Peter Stihl1932 Geburt in Stuttgart.
1952 studiert er Maschinenbau an der TH Stuttgart, Dipl.-Ing.
1957 startet er als Konstrukteur bei Bosch.
1960 wird er Assistent der Geschäftsleitung im väterlichen Unternehmen.
1973 übernimmt er den Vorsitz der Geschäftsführung.
1988 bis 2001 DIHT-Präsident.
2002 wechselt er in den Aufsichtsrat der Andreas Stihl AG.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.09.2004