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Der Musterdeutsche

Von Anne Grüttner
Fleißig sind die Deutschen, diszipliniert und effizient. Denkt zumindest der gemeine Südamerikaner. Horst Paulmann hat mit dazu beigetragen, dass sich jenes klassische Bild des Vorzeigedeutschen in der Region hält und aus dem Nichts einen südamerikanischen Handelsriesen geschaffen.
HB BUENOS AIRES. Fleißig sind die Deutschen, diszipliniert und effizient. Denkt zumindest der gemeine Südamerikaner. Horst Paulmann hat mit dazu beigetragen, dass sich jenes klassische Bild des Vorzeigedeutschen in der Region hält. Wirtschaftskrisen, Hyperinflation, Militärdiktaturen, Falklandkrieg ? all das hat den 71-Jährigen nicht abhalten können, aus dem Nichts eines der größten Handelsimperien Südamerikas aufzubauen.Paulmann ist Gründer und Hauptaktionär der Holding Cencosud, zu der unter anderem Supermarktketten wie Jumbo und Disco, die Heimwerkermärkte namens Easy sowie mehrere Einkaufszentren in Argentinien und Chile gehören. Insgesamt setzt ?El Alemán? (der Deutsche), wie er in Südamerika liebevoll genannt wird, jährlich mehr als vier Milliarden Dollar um und beschäftigt 55 000 Mitarbeiter.

Die besten Jobs von allen

Etwa 1,90 Meter groß und sehr kräftig, mit selbstbewusst vorgestrecktem Bäuchlein und wachsamen Augen hinter der großen randlosen Brille, strahlt Paulmann eine Aura von Zuversicht und Selbstbewusstsein aus. Mit seinem ausgeprägten deutschen Akzent, den er sich auch nach 58 Jahren in der Fremde nicht abgewöhnt hat, erzählt er auf Unternehmerveranstaltungen immer wieder gern seine Geschichte. Sie handelt von einer Bilderbuchkarriere, die geprägt ist durch harte Arbeit und den Mut, immer wieder Neues anzufangen und dabei gern gegen den Strom zu schwimmen.Paulmann ist 13 Jahre alt, als sein Vater mit ihm und den sieben Brüdern aus dem kriegszerstörten Kassel nach Buenos Aires flieht. Er nimmt eine Arbeit als Telefonist in einer Handelsfirma an, wird aber nach sechs Monaten entlassen, weil er kaum Spanisch versteht. Der Junge beginnt, Kinder- und Puppenmöbel zu fabrizieren, die er an Kaufhäuser verkauft.Nach nur zwei Jahren verliert der Vater seinen Job, die Familie zieht nach Temuco im Süden von Chile. Paulmann senior übernimmt dort das Restaurant ?Las Brisas?, in dem die beiden ältesten Söhne, Horst und Jürgen, als Kellner arbeiten. Kurz darauf stirbt der Vater, Horst und Jürgen werden im Alter von 18 und 19 Jahren zu selbstständigen Unternehmern. Sie wandeln das Restaurant in einen Laden um: Die erste Filiale der Supermarktkette Las Brisas ist geboren. Bald ist die Marke in ganz Chile zu finden.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Hypermarkt-IdeeIn den 70er-Jahren überlässt Horst Las Brisas dem älteren Bruder und probiert mit der Marke Jumbo wieder etwas Neues: Hypermärkte, in denen von elektronischen Geräten über Kleidung, Lebensmitteln und Delikatessen alles angeboten wird ? unter anderem auch deutsches Sauerkraut und Schwarzbrot.Das Hypermarkt-Format gab es damals schon in anderen Regionen der Welt, aber in Chile war Paulmann der Erste: ?Als wir 1976 den ersten Hypermarkt auf 4 000 Quadratmetern eröffneten, begannen internationale Unternehmen wie Corte Inglés gerade, über einen Eintritt in den chilenischen Markt nachzudenken?, erinnert er sich.Für den rastlosen Horst wird Chile mit seinen damals zwölf Millionen Einwohnern bald zu klein. Es zieht ihn zurück nach Argentinien. Anfang der 80er-Jahre, kurz bevor im Pampaland eine gewaltige Inflationswelle ausbricht und die argentinische Militärdiktatur den Falklandkrieg gegen England beginnt, gründet Paulmann den ersten Jumbo in Buenos Aires. Wenige Jahre später folgt das bis heute größte Einkaufszentrum Argentiniens, das Unicenter. ?Wir mussten 15 Mal im Monat die Etiketten auswechseln, weil sich die Preise ständig änderten?, erzählt der ehemalige Jumbo-Manager Óscar Adwanter über die turbulenten Jahre.Doch die Investitionen tragen Früchte. So sehr, dass Paulmann gleich wieder weiter hinaus will. Er gründet in Chile und Argentinien die Baumarktkette ?Easy?, wo Heimwerker Material für den Bau oder Umbau ihres Hauses oder Gartens kaufen können.Als sich Argentinien 2001 zahlungsunfähig erklärt, das gesamte Finanzsystem zusammenbricht und die bisher schwerste Wirtschaftskrise der argentinischen Geschichte ausbricht, lässt Paulmann sich als einer der wenigen im Land nicht davon abhalten weiter zu investieren. Zwar expandiert er in diesen Jahren vor allem in Chile und erwirbt unter anderem die drittgrößte Kaufhauskette der Nation, Almacenes Paris. Doch auch im krisengeschüttelten Argentinien kauft Cencosud noch im Krisenjahr 2002 die Anteile des US-Konkurrenten Home Depot und übernimmt zwei Jahre später die zweitgrößte argentinische Supermarktkette Disco von der holländischen Ahold.?Normalerweise haben Investoren Angst, wenn etwas nicht funktioniert, und warten, bis der Boom kommt. Aber wenn sie dann kommen, müssen sie das Doppelte zahlen, und andere waren schon vor ihnen da?, weiß Paulmann. ?Wir haben es immer umgekehrt gemacht: Wenn es Probleme gibt, dann sind wir da.?Nach Ende der großen Expansionsphase 2004 ging Cencosud schließlich mit 20 Prozent seiner Anteile an die Börsen von Santiago und New York.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Paulmann lebt bequem, aber ohne unnötigen LuxusPaulmann lebt bequem, aber ohne unnötigen Luxus. Er hat jeweils eine Villa in exklusiven Vierteln seiner beiden Hauptstandorte Santiago und Buenos Aires sowie ein Ferienhaus in Florida mit Blick auf den Golf von Mexiko. Seinen grauen Mercedes Sedan fährt er stets selbst ? immer hart am Tempolimit.Verschwendung ist ihm ein Graus. Noch heute schaltet er in unbenutzten Räumen das Licht aus, um Energie zu sparen, und er hat seinen drei Kindern beigebracht, dass man Geld nicht zum Fenster hinauswirft. Für die typischen Spielzeuge der Reichen wie Autoparks, Luxusjachten oder Privatjets hat der ?Alemán? sowieso keine Zeit: Er arbeitet 14 Stunden täglich. ?Geld ist dazu da, um neue Projekte zu realisieren, Geld an sich hat keinen Sinn, denn wir sehen es nie, ich habe nie einen Peso in der Tasche?, sagt Paulmann. ?Reden wir nicht von Geld sondern von den Quadratmetern, die wir konstruiert haben, von unseren Produkten, das ist unsere Befriedigung.?Sitzungen dauern bei Cencosud nie länger als 30 Minuten. Paulmann hört zu, analysiert, und wenn er eine Entscheidung trifft, dann ist sie unwiderruflich. Seine Wutausbrüche sind berühmt, nichts ärgert ihn so sehr wie Ineffizienz oder Schlamperei. Oft verlässt er sein Büro, um seine Supermärkte zu besuchen, wo er mit Kunden plaudert und persönlich Details kontrolliert, vom Arrangement der Auslagen bis zum Reifegrad der Früchte.Das sorgt für Stress: Paulmann hat vier Bypässe. Nicht ruhiger machen seine neun Enkel das Leben. Trotzdem: Von Ruhestand ist noch keine Rede. Gerade beginnt der Unermüdliche, das nach eigenen Worten wichtigste Projekt seines Lebens zu verwirklichen, das Megazentrum Costanera in Chile. Innerhalb von vier Jahren will er im Zentrum von Santiago de Chile auf 600 000 Quadratmetern eine kleine Stadt hochziehen mit Geschäften, Hotels, Kinos, Büros. Kosten: 400 Millionen Dollar. Aushängeschild soll ein 250 Meter hoher Büroturm mit 57 Stockwerken werden, das bisher höchste Gebäude Lateinamerikas.Paulmann mag es erstklassig, deshalb verpflichtete er den argentinischen Stararchitekten César Pelli für das Projekt, der schon die Petronas-Türme in Kuala Lumpur gebaut hat. Zur Grundsteinlegung vor wenigen Wochen ließ der weißhaarige Hüne es sich nicht nehmen, auf einem Schaufelbagger thronend einzufahren und dem anwesenden chilenischen Präsidenten Ricardo Lagos höchstpersönlich ein Geburtstagsständchen zu singen. Schließlich ist ?das Geschäft wie eine Ehe: Da passiert auch nichts wenn man keinen Spaß daran hat.?
Dieser Artikel ist erschienen am 18.04.2006