Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der Mülliardär aus dem Münsterland

Von Rudolf Eickeler, Handelsblatt
Keolis, Saria, Rhenus ? es klingt wie neue Autonamen aus Korea. Hinter den melodischen Begriffen verbergen sich drei in Europa in ihrem Segment führende Unternehmen im Familienimperium des Norbert Rethmann aus Lünen.
DÜSSELDORF. Der 1,91 Meter große westfälische Hüne schickt sich an, mit der nun angekündigten Übernahme großer Teile der RWE-Umwelttochter seinen Ruf als ?Mülliardär aus dem Münsterland? zu festigen.Noch imponierender als die körperliche Erscheinung ist Norbert Rethmanns Ruf in der Branche. ?Der weiß, was er will, hat klare Ziele, und was der anpackt, klappt.? Das sind nur Auszüge aus den Elogen auf den katholischen Unternehmer, der als Schlosser vom Fahrersitz des väterlichen Müllwagens abstieg und einen Konzern aufbaute.

Die besten Jobs von allen

Das von der Branche durchweg positiv gezeichnete Bild unterscheidet Rethmann von einstigen Rivalen. Andere große Konkurrenten hatten immer wieder mal Stress mit der Staatsanwaltschaft ? wegen unerlaubter Preisabsprachen, dubioser Auftragsvergabe oder illegaler Müllentsorgung. Demgegenüber gibt es beim bekennenden CDU-Mitglied Norbert Rethmann ? bislang ? nur einen kleinen Fleck auf der sonst blütenweißen Entsorgerweste: 2002 soll die Gruppe im Lüner Müllofen illegal Sonderabfall verbrannt haben. Nach kurzem öffentlichen Intermezzo wird das Verfahren eingestellt.Es gibt noch einen gravierenden Unterschied im Vergleich zu den einst vielen Konkurrenten aus dem Mittelstand: Rethmann sieht sich immer als unabhängigen Unternehmer. Der frühere BDE-Geschäftsführer Rudolf Trum weiß um die vielen Versuche der Stromkonzerne, das schon Mitte der 70er-Jahre als profitabel geltende Entsorgungsunternehmen zu kaufen. Doch anders als Mittelständler wie Edelhoff ? aufgegangen in der VEW ? und Trienekens (RWE) sucht Rethmann in all den Jahren nie Unterschlupf bei den großen finanzstarken Konzernen. Selbst der Bote eines in den 70er-Jahren großen US-Entsorgungskonzerns, der eigens Deutsch lernte, um Rethmann zu überzeugen, blitzte ab. Im Gegenteil: 45 Jahre nachdem Norbert Rethmanns Vater Josef den Zuschlag zur ?staubfreien Müllabfuhr? in der Heimatgemeinde Selm erhalten hat, dreht der Sohn jetzt mit seinem Vorstand den Spieß um und will den Großteil der RWE Umwelt AG schlucken: Aus der Nummer zwei am deutschen Entsorgungsmarkt wird die Nummer eins.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Söhne hat der Patriarch aktiv ins Unternehmen eingebundenIm Februar 2004, so heißt es in Branchenkreisen, beginnen die Gespräche mit dem RWE. Auch Aufsichtsratschef Norbert Rethmann verhandelt mit, er nutzt die Chance und wird mit dem Essener Konzern einig. Und das zu einem Schnäppchenpreis zwischen 450 und 500 Millionen Euro, wie Branchenkenner vorrechnen. Grüne-Punkt-Chef Wolfram Brück lobt Rethman senior auch in diesem Zusammenhang als ?Mann mit dem kühlst kalkulierenden Verstand der Branche?.Mit der Finanzierung beauftragt das Lüner Unternehmen knapp eine Woche später die Investmenttochter der Allianz, Dresdner Kleinwort Wasserstein. Die Banker haben den Auftrag, für Rethmann bei ausgewählten Banken eine Kreditlinie von 400 Millionen zu arrangieren.Trotz der ihm eigenen Verve, seines Verhandlungsgeschicks und des Talents, seinem Gegenüber zuzuhören, bewältigt Norbert Rethmann, der seit zwölf Jahren an der Spitze des Aufsichtsrats steht, den Aufstieg nicht alleine. Wichtigster Partner ist zunächst Hermann Niehues, Vorstandschef der Familienholding Rethmann AG & Co. Er ist seit 1978 in der Firma. Und dann sind da noch die vier Söhne: Drei davon hat der Patriarch aktiv in das Unternehmen eingebunden. Die Nachfolge scheint gesichert.Martin Rethmann, promovierter Politologe, führt Regie auf dem väterlichen Gut in Mecklenburg-Vorpommern, mischt aber im Aufsichtsrat mit. Vorstandssprecher Ludger Rethmann und seine Brüder Klemens und Georg stehen im dritten Lebensjahrzehnt und lenken jeweils eigene Geschäftsbereiche.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Es gibt auch noch den Gutsherrn RethmannNicht nur in der Ver- und Entsorgungsbranche, sondern auch in der Logistiksparte und Schlachtabfallverwertung spielt Rethmann europaweit in der ersten Liga: Mit der Rhenus Logistik transportiert der Konzern zu Lande und zu Wasser, auf der Schiene fährt die Keolis, ein Joint Venture mit der französischen Staatsbahn SNCF.Mit diesen Töchtern tritt Rethmann gegen die Deutsche Post oder die Deutsche Bahn an. Die in Selm ansässige Saria Bio-Industries verwertet Tier- und Schlachtabfälle, ist Marktführer in Europa und beliefert führende Haustierfutterhersteller.Es gibt aber bei all dem auch noch den Gutsherren Norbert Rethmann. In Mecklenburg-Vorpommern, 50 Kilometer entfernt von Schwerin, kauft er 1994 im Dorf Wamckow ein heruntergewirtschaftetes DDR-Staatsgut, wird zum ehrenamtlichen Bürgermeister, saniert die Dorfkirche, die Gemeindefinanzen und die marode Infrastruktur. Dorfpfarrer Eckehard Schaefer gerät prompt ins Schwärmen: ?Norbert Rethmann hat sich in der Gemeinde unsterblich gemacht.?
Dieser Artikel ist erschienen am 24.09.2004