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Der Microsoft-Softie

Von Jens Eckhardt und Michael Scheerer, Handelsblatt
Microsoft-Chef-Jurist Brad Smith sucht gern und oft nach Kompromissen. Im Verfahren mit der EU ist ihm das noch nicht gelungen.
LUXEMBURG. Die EU-Kommission will Microsoft zwingen, den lukrativen Markt für Multimedia-Anwendungen mit anderen Wettbewerbern zu teilen. Und so drängt der Chefjurist des weltweit führenden Software-Unternehmens zur Arbeit. ?Auf geht?s, Herrschaften?, ruft Smith.Sekunden später hat sich um den Platz des hoch gewachsenen, schlanken Mannes mit dem Gesicht des ewigen College-Boys die Elite der Brüsseler Wirtschaftsjuristen versammelt. 15 hoch bezahlte Anwälte der renommiertesten Kanzleien stehen Microsoft in dem Verfahren bei. Smith überfliegt seine jüngsten Notizen. ?Wir haben einen guten Fall?, sagt er in breitem Westküsten-Amerikanisch. Die Runde nickt beifällig, auch wenn die Gegenpartei am Morgen starke Argumente gegen Microsoft vorgetragen hat. Einem Juristen-Kollegen, der in Princeton sein Studium mit summa cum laude abgeschlossen hat, widerspricht man nicht.

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Inzwischen ist klar: Im Kartellstreit zwischen der EU-Kommission und Microsoft sind die Chancen für eine Einigung gesunken. Während der zweitägigen Anhörung am Donnerstag und Freitag lehnte Microsoft die Zwangsentbündelung seines Betriebssystems Windows entschieden ab. Jetzt ist wieder die Kommission am Zug.Smith?s Mission in Brüssel hatte an einem Sonntagabend im vergangenen Januar begonnen: Fünf Anwälte, beladen mit Akten und Computern, zwängen sich in den engen Fahrstuhl, der in das Büro der EU-Vertretung von Microsoft hinaufführt. Im dritten Stock gibt die überladene Kabine den Geist auf, fällt anderthalb Stockwerke zurück und bleibt zwischen zwei Etagen stecken. ?Das war damals irgendwie symbolisch für den Gang unserer Verhandlungen mit der EU?, sagt Smith lachend. Der 45-jährige Jurist ist seit gut zwei Jahren Chefsyndikus von Microsoft und kommandiert eine Truppe von 800 Beschäftigten, darunter 300 Rechtsanwälte. Für ehemalige erbitterte Gegner ist er das neue, freundlichere Gesicht von Microsoft und ein Symbol für den Kulturwandel im weltgrößten Softwarekonzern.Ein Vergleich mit seinem legendären Vorgänger William H. ?Bill? Neukom verdeutlicht dies. Der aristokratische Neukom zog mit Fliege und weißer Pompadour-Locke nach dem Motto ?Nichts zugeben, alles niederkämpfen? gleichermaßen gegen Konkurrenten und Kartellaufseher ins Feld. 22 Jahre lang sicherte der Anwalt, der aus der Kanzlei von Gates senior kam, juristisch die Freiräume, die Firmengründer Bill Gates und der heutige Vorstandschef Steve Ballmer für ihre aggressive Eroberungsstrategie brauchten. Er wurde dabei reich ? das Wirtschaftsmagazin Forbes schätzt sein Vermögen auf 600 Millionen Dollar ?, aber er trug damit auch zum Feindbild von Microsoft bei Behörden und in der übrigen High-Tech-Welt bei.Sein Nachfolger legt dagegen wenig Wert auf imposante Erscheinung. Er attackiert nicht, sondern hört geduldig zu, er analysiert Gegensätze und sucht Kompromisse. Wo Neukom Mauern errichtete, baut Smith Brücken, auch wenn die Fronten im aktuellen Verfahren nun wieder verhärtet erscheinen.Smith, der am 1. Juli 2002 offiziell die Nachfolge von Neukom antrat, studierte Recht an den US-Eliteuniversitäten. Darüber hinaus studierte er internationales Recht und Ökonomie am Graduate Institute of International Studies in Genf. Für die Kanzlei Covington & Burling war er als Partner in Washington, D.C. und vier Jahre in London tätig, bevor er für Microsoft drei Jahre nach Paris ging. Vor seinem Aufstieg zum Chefjuristen war er fünf Jahre stellvertretender Syndikus für den weltweiten Verkauf des Softwarekonzerns.Smith ist mit einer Juristin verheiratet und hat zwei Kinder. Sie klagen, dass er zu viel arbeite. ?Ich bin viel unterwegs?, gibt er zu. Die EU-Verhandlungen hielten ihn Anfang des Jahres wochenlang in Brüssel fest, zurzeit bereise er wieder sechs Länder in sieben Tagen, sagt er in einem Telefongespräch aus London.Die Bildung von Partnerschaften mit Regierungsstellen und anderen Firmen in aller Welt sieht er als Priorität: ?Ab einer bestimmten Größe sind für jedes Unternehmen Partnerschaften wichtig?, sagt er. Kollegen loben seinen Verstand und seine Fähigkeit zur leidenschaftslosen Analyse. ?Man muss zuhören und nie etwas persönlich nehmen, was nicht persönlich ist?, sagt er selbst.Seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren hat er mit diesem Ansatz Microsoft von schwerer Bürde befreit: Das US-Justizministerium ließ nach einer Reihe von gerichtlich überwachten Auflagen seine Kartellklage fallen und verzichtete auf die drohende Aufspaltung des Softwareriesen. Mit Time-Warner legte Microsoft den Streit um Netscape bei. Und verglich sich nach langem Kleinkrieg mit Sun. Letztlich war es die Beseitigung dieser juristischen Stolpersteine, die es dem Konzern erlaubte, sich von einem Großteil seines 60 Milliarden Dollar schweren Liquiditätspolsters zu trennen.
Brad Smith1959 wird er am 17. Januar in Milwaukee, Wisconsin, geboren. Er studiert Recht, Ökonomie und internationale Beziehungen an den Eliteuniversitäten Princeton und Columbia.
1985 macht er seinen juristischen Abschluss an der Princeton University mit summa cum laude. Er beginnt seine juristische Karriere bei der Kanzlei Covington & Burling in Washington, D.C. Er arbeitet vier Jahre für die Kanzlei in London, unter anderem als Spezialist für Urheberrechtsschutz im Softwarebereich.
1993 wird er von Microsoft abgeworben und bleibt drei Jahre in deren Pariser Vertretung.
1997 wechselt er als stellvertretender Syndikus nach Redmond in die Microsoft-Zentrale.
2002 wird er Chefsyndikus (General Counsel) von Microsoft.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.10.2004