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Der Met-Knacker

Von Thomas Knüwer
Peter Gelbs Job ist wohlmöglich der derzeit härteste, den die Theaterszene zu bieten hat. In der weltbekannten New Yorker Metropolitan Opera kämpft er als Intendant gegen das mehr als angestaubte Image seines Hauses. Statt konservativer Aufführungen will er mit zeitgemäßen Inszenierungen locken. ?Der einzige Weg, um eine solche Institution wiederzubeleben, ist es, die Sache als Produzent anzugehen und nicht als Administrator.", so Gelb.
NEW YORK. Wer das Büro von Peter Gelb betritt, könnte es für ein Stück intellektuellen Regietheaters halten, so symbolisch wirkt das Arrangement. Die Hauptperson, der Chef der Metropolitan Opera, erhebt sich zur Begrüßung von einem schlichten Designer-Schreibtisch. Hinter ihm die Vergangenheit: Drei der sechs Emmys, der TV-Preise, die Gelb als Produzent gewonnen hat.Auf der anderen Seite des Raums die Zukunft: ein Flachbildschirm an der Wand, gestochen scharf soll er einmal Livebilder von der Bühne der Met liefern, von spektakulären Inszenierungen, die weltweit Maßstäbe setzen. Der Fernseher funktioniert bereits. Doch er zeigt die graue Realität am berühmtesten und größten Opernhaus Amerikas: Bühnenarbeiter werkeln an der Kulisse für ?Rigoletto?.

Die besten Jobs von allen

Einige Stunden später werden viele Touristen und noch mehr ältere Einheimische in einem zu zwei Drittel gefüllten Saal Verdis Werk in einer musikalischen Klasse hören, die weltweit kaum zu übertreffen ist. Doch vor allem die wenigen jungen Zuschauer werden sich langweilen an einer Inszenierung, die so intellektuell herausfordernd und zeitgemäß ist wie die Fahrstuhlmusik des Kaufhauses ?Macy?s?.
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Die Bilder auf dem Monitor in Gelbs Büro sind für ihn eine ständige Mahnung an die herkulische Aufgabe, der er sich verschrieben hat. Denn es sind Produktionen wie dieser Rigoletto, wegen der er seit dem 1. August 2006 der 16. General Manager in der 123-jährigen Geschichte der Met ist.Das Haus ist in der größten Krise seines Bestehens ? künstlerisch wie wirtschaftlich. 2005 lag die durchschnittliche Auslastung bei einem Rekordtief von unter 77 Prozent. Was deutsche Schauspielhäuser jubeln ließe, ist für das größte rein privat finanzierte Theater der Welt eine Katastrophe. Mercedes spendete 25 Millionen Dollar ? sonst wäre der 230-Millionen-Etat der Spielzeit 2005/2006 überzogen worden. Und das, was auf der Bühne passiert? Vorhersehbar, stockkonservativ, langweilig.Es muss sich etwas ändern. Etwas? Viel muss sich ändern. Und schnell. Gelb besitzt die derzeit härteste Aufgabe in der weltweiten Theaterlandschaft. Der neue Mann geht den Job mit einer Dynamik und einer solchen Flut von Ideen an, das am Ende nur zwei Szenarien möglich erscheinen: Entweder die Met wird zum weltweiten Vorbild für die Vermarktung von Theatern ? oder Gelb wird geteert, gefedert und aus der Stadt gejagt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Einige der schönsten Bilder, die ich je in einem Opernhaus gesehen habe??Alles an diesem Haus ist groß?, sagt er selbst: 3 800 Sitzplätze, 1 500 Mitarbeiter, 16 Gewerkschaften reden mit. Das alles unter der spitzzüngigen Beobachtung der einflussreichen New Yorker Kritikerkaste. Die Met ist nicht nur groß ? sie ist auch alt. Vor allem ihr Publikum. Der regelmäßige Besucher zählt im Durchschnitt 65 Jahre, seit 2001 steigt dieser Durchschnitt jedes Jahr um ein Jahr. ?Wenn ich das gesehen hätte, bevor ich den Vertrag unterschrieb, hätte ich es mir vielleicht anders überlegt. Ich wusste, dass die Besucherschaft der Met altert ? ich ahnte nicht, dass sie stirbt?, sagt Gelb.Schuld daran hat auch sein Vorgänger Joseph Volpe. 1990 übernahm der heute 65-Jährige die Intendanz der Met. Effizient sei er, sagen selbst Kritiker. Doch künstlerisch verwaltete er nur den Ruf, den die Met sich mit den spektakulären Inszenierungen von Regisseur Franco Zeffirelli in den 60ern bis 80ern erwarb. Gelb drückt es vorsichtig aus: ?Im Versuch, seiner Kernbesucherschaft aus Abonnenten und Spendern zu gefallen, wurde in den vergangenen Jahren Oper in einem sehr konventionellen Stil gezeigt.?Das will er ändern ? und begann gleich mit dem Eröffnungsabend der Saison Ende September. Statt einer lauwarmen Zusammenstellung netter Arien wie seit 20 Jahren gewohnt, startet Gelb seine Regentschaft mit einem Paukenschlag: ?Madame Butterfly? in der Regie des englischen Filmemachers Anthony Minghella (?Der englische Patient?). ?Einige der schönsten Bilder, die ich je in einem Opernhaus gesehen habe?, jubelt der Kritiker des ?New Yorker?-Magazins, während die ?Sun? giftet, der Abend sei ?schockierend schlecht? gewesen.
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Noch schlimmer für Puristen: Vor der Met schreiten glamourumwehte Prominente über den roten Teppich, darunter Hollywood-Star Jude Law und Pop-Ikone David Bowie. Halt machen sie vor Kamerateams, als sei dies das Defilee vor der Oscar-Verleihung.Zu sehen gibt es die Stars und danach ?Madame Butterfly? live auf dem Times Square. Dort haben Hunderte gewartet, um einen der 650 Sitze vor einer Großbildleinwand zu bekommen. Die sehnsüchtigen Arien über enttäuschte Liebe verschwimmen bald mit dem allgegenwärtigen Gehupe der New Yorker Taxis, und gerade, als Hauptfigur und Musterimperialist B.F. Pinkerton verkündet, ein Amerikaner werfe dort Anker, wo es ihm gefalle, rauscht auf der Anzeigetafel nebenan ein Tarnkappenbomber vorbei: Rekrutierungswerbung für die US-Armee.?All das ist Marketing ? aber es entspringt der künstlerischen Planung?, sagt Gelb: ?Der einzige Weg, um eine solche Institution wiederzubeleben, ist es, die Sache als Produzent anzugehen und nicht als Administrator.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Die Met ist so konservativ geworden, dass alles, was ich tue, schon in den Schlagzeilen landet. Das hilft? Was er nicht sagt: Er sieht sich auch als Vorbote des Internet-Zeitalters. Eine digitale Radiostation sendet bereits 24 Stunden am Tag Met-Produktionen; digitale Versionen werden im Internet zu kaufen sein; neue Stücke werden seit Dezember digital und live in Kinos in Nordamerika und England übertragen. Und: Wer demnächst aus dem Theater kommt, kann eine DVD exakt dieser Vorstellung im Foyer kaufen. Fehlen nur noch Handy-Klingeltöne, oder Mr. Gelb? ?Natürlich. Kommen auch noch.?Außerdem soll die Zahl der neuen Produktionen verdoppelt werden; Starregisseure aus Film und Theater werden inszenieren; der Preis für die günstigsten Eintrittskarten sinkt, der für die teuersten steigt. Die Met soll in den Alltag der Opernfreunde rücken, zur globalen Marke werden. Wer künftig nach New York reist, soll nicht nur im Spielplan der Broadway-Theater nach Zerstreuung suchen, sondern in dem der Met. Und die New Yorker sollen wieder über ihre prunkvolle Oper diskutieren. ?Die Met ist so konservativ geworden, dass alles, was ich tue, schon in den Schlagzeilen landet. Das hilft?, glaubt der General Manager.Wer dem 53-Jährigen zum ersten Mal begegnet, traut ihm so viel Innovationswillen nicht zu. Wie ein bestens gekleideter Buchprüfer auf der Suche nach Steuervergehen wirkt er. Mit leisen Worten entschuldigt er sich für den Gestank vor der Tür: Seine Amtsübernahme wurde begangen mit dem Streichen des verwohnt wirkenden Flures. Gelbs dünne Brille betont noch die heruntergezogenen Augenbrauen, die seinen Blick ständig verkniffen erscheinen lassen. Der Mund ist ein dünner Strich.Es sind die Zwischentöne, die kleinen bösen Bemerkungen, die den Gesprächspartner stutzen lassen, die signalisieren, dass hinter der drögen Fassade mehr steckt. ?Die Tatsache, dass ich, also jemand, der nie zuvor ein Opernhaus geleitet hat, angesprochen wurde, zeigt die Verzweiflung des Verwaltungsrats?, sagt Gelb zum Beispiel. Seine Berufung Ende 2004 schlägt hohe Wellen in der Klassikszene. Schließlich ist mit Plácido Domingo auch ein Liebling der New Yorker Opernfans im Rennen. ?Spektakulär unqualifiziert?, urteilt Norman Lebrecht, Kolumnist beim Klassik-Magazin ?La Scena? über den Neuen.Nicht nur, dass Gelb Novize in Sachen Intendanz ist, stört manchen. Mit seiner Vorliebe für das Verschieben von Grenzen hat er mehrfach verbrannte Erde hinterlassen. Mit 17, noch in der Schule, arbeitet der Sohn des ehemaligen ?New York Times?-Chefredakteurs und einer Literatin bereits für den großen Impressario Sol Hurok. Gerade 26 Jahre alt organisiert er für die Bostoner Symphoniker eine historische Tour durch China. Dann belebt er in den 80ern die Karriere des Pianisten Wladimir Horowitz. Als Präsident der TV-Produktion Cami wird er mit Preisen überhäuft für eine Serie, die Kindern klassische Musik nahe bringt. Schließlich erzürnt er konservative Klassik-Freunde als Präsident der Plattenfirma Sony Classic: Er lässt den Star-Cellisten Yo-Yo Ma Country- und Pop-Songs einspielen und erklärt: ?Die Top-Orchester der Welt klingen auf Platte alle gleich.?
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Trotzdem braucht der Verwaltungsrat der Met nur 72 Stunden, um sich nach dem ersten Gespräch mit Gelb für ihn zu entscheiden. ?Ich habe dem Board unmissverständlich gesagt, dass ich die Met für künstlerisch isoliert halte. Dass sie eine Insel ist, die mit der Welt der Kultur erst wieder verbunden werden muss. Und dass mein Ansatz sein wird, künstlerische Maßnahmen zu ergreifen, die so lebendig und dramatisch wären, dass jeder davon Notiz nimmt.?Nun kämpft er mit einem System, das nicht gemacht ist für schnelle Veränderungen. Immerhin, ein Hindernis ist beiseite gestemmt: Die Gewerkschaften, in Theatern häufig mit großer Macht gesegnet, hat er überzeugt. Sie sind nun nicht mehr dagegen, dass jede Vorstellung aufgezeichnet und weiterverwertet werden darf. ?Sie sehen, dass die Kunstform Oper in Gefahr ist?, erklärt Gelb: ?Und sie sehen, dass in den vergangenen Jahren hier praktisch keine audiovisuellen Aktivitäten zu bemerken waren. In solch einer Situation ist es einfacher, Dinge umzusetzen.?Noch schwerer wird es, das gesamte Vertragssystem zu ändern. Die besten Sänger sind für vier bis fünf Jahre im Voraus gebucht. ?Wenn in Europa ein neuer Intendant ein Theater übernimmt, beginnt er die Spielzeit mit seinen eigenen Plänen. Hier wird die erste Spielzeit, die ich voll verantworte, die von 2009/2010 sein?, klagt Gelb und springt auf ? das nächste Meeting.Es bleibt nicht die Zeit zu fragen, ob er schon auf einem der marmornen Aufgänge der Met Halt gemacht hat. Dort, wo das Porträt eines schnauzbärtigen Herren hängt: Otto Hermann Kahn. Investmentbanker aus Mannheim war er, zu Reichtum gekommen in New York. Auch er hat versucht, die Met zu reformieren, rund 100 Jahre ist das her. Als Chairman der Oper träumte er von einem neuen, Bayreuth-artigen Theater, in dem selbst die billigsten Plätze eine gute Sicht hätten, per Radio und Open-Air-Konzert wollte er neues Publikum gewinnen, ebenso mit provokativen, jungen Künstlern. Doch grandios war nur sein Scheitern. Der Verwaltungsrat blockierte seine Ansinnen ? keines wurde umgesetzt.
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Dieser Artikel ist erschienen am 08.01.2007