Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der Mensch als Werbetafel

Von Frank Siering, Handelsblatt
Hauptsache auffallen. In den USA nutzen immer mehr Unternehmen die nackte Haut für Reklame. Längst nicht jeder hat Erfolg.
LOS ANGELES. Gesagt, getan. Der 28-jährige Erfinder klickte sich beim Auktionsportal Ebay ein und bot seine Stirn als lebende Werbetafel an. Einen Tag später meldete sich die Pharmafirma Snore Stop aus Los Angeles, ein Unternehmen, das Anti-Schnarchmitteln vermarktet. Snore-Stop-Chef Christian de Revel war begeistert: ?Ich fand die Idee klasse. Ich wollte Fischer auch sofort als lebende Werbetafel anstellen.? Für seine Dienste ? Fischer musste sich das Snore-Stop-Logo auf die Stirn ?tätowieren? lassen ? erhielt der Amerikaner 30 000 Dollar. ?Kein schlechtes Gehalt für einen Monat Arbeit, oder??, meint Fischer.Praktisch aus einer Laune heraus wurde in Amerika somit ein neuer Marketing-Trend geboren. Auftritte in verschiedenen US-Fernsehshows freuten nicht nur die Manager von Snore Stop, auch Fischers neu kreierte Website www.humanadspace. com wurde plötzlich mit Anfragen überhäuft. ?Ich kann mir gar nicht erklären, warum nicht schon andere viel früher auf diesen Marketing-Trick gekommen sind?, wundert sich Fischer.

Die besten Jobs von allen

Tattoo-Werbung ? die Tätowierungen sind natürlich abwaschbar ? reiht sich nahtlos ein in den Trend, Werbung überall zu platzieren egal wie. Die Amerikaner sind wieder einmal Vorreiter. Da blubbern Werbeslogans auf öffentlichen Toiletten, und selbst beim Einlochen auf dem Golfplatz lächelt ein freundlicher Produktname aus dem Loch hervor. ?Der menschliche Körper als Werbefläche ist das ultimative PR-Instrument?, meint Jim Ellis, Dean an der Marshall School of Business in Los Angeles. ?Täglich werden wir mit 3 000 bis 4 000 Werbebotschaften bombardiert. Da ist es verständlich, dass Unternehmen mittlerweile alles versuchen, um aufzufallen.?Der schnelle Erfolg von Fisher lockte schon bald Nachahmer an: Die Firma Tat Ad.com aus dem kanadischen Vancouver etwa will mit rund 1 000 Kunden den Markt aufmischen. Nicht jeder ist allerdings als menschliche Werbefläche geeignet. Das bestätigt auch Tat-Ad-Boss Kyle Johnson: ?Wir möchten natürlich ansehnliche menschliche Reklamewände vermitteln, das verlangen auch unsere Kunden?, betont der 21-Jährige.Golden Palace.com zum Beispiel, ein Internet Casino, platziert seine Internetadresse zu Werbezwecken vorzugsweise auf weiblichen Dekolletees oder Bäuche ? aber nur flache. ?Ein männlicher Bierbauch passt einfach nicht zu unserem Image?, heißt es bei Golden Palace.com.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Längst nicht jede Kopie hat Erfolg Doch längst nicht jede Kopie hat Erfolg. Geschäftsmann Chad Lawrence aus Hot Springs, Arkansas, wollte seinen Körper ebenfalls als Werbefläche im Internet vermarkten. Bis heute konnte der 28-Jährige noch kein einziges Unternehmen für seinen Körper begeistern. Und das, obwohl Lawrence bei einer Auktion mit einem Cent für eine Tätowierung auf dem rechten Unterarm angefangen hatte.Anders sieht es bei Joe Tamargo aus, jenem Internet-Dealer, der die Netzadresse www.savemartha.com bei Ebay versteigert hatte. Eine Einladung zu einer Late-Night-Talkshow brachte ihm auf die Schnelle neun gesponsorte Tattoos ein und einen Scheck über 13 110 Dollar. Tamargo glaubt, dass die PR im Fernsehen und seine mit Fotos und Filmchen ausgestattete Webseite www.livingadspace.com den Erfolg brachten.Die Werbe-Tätowierungen rufen jedoch Kritik hervor. Viele Unternehmen wollen mit Werbung auf blanker Haut nichts zu tun haben. Daimler-Benz in Kalifornien zum Beispiel hält diese Art von PR für ?nicht markengerecht?. Soll heißen: Mit nackter Haut will die deutsche Luxuskarosse Mercedes nicht in Verbindung gebracht werden.Und auch die echten Tattoo-Freaks, die sich Bilder gleich unter die Haut stechen lassen, sind nicht gerade begeistert von dieser neuen PR-Masche. ?Ich möchte keine Litfaßsäule für 24 Stunden am Tag sein?, meint Trovon Moore, ein junger Elektriker. ?Ein echtes Tattoo sagt etwas über Dich als Menschen aus. Es repräsentiert mich in unserer Gesellschaft.?Ob dieser Werbetrend Überlebenschancen hat, darüber streiten die Experten. Marketingforscher Ellis ist überzeugt, dass der Kampf um Aufmerksamkeit in der Werbeindustrie eher noch zunehmen wird. Allein aus diesem Grund sagt er menschlichen Reklametafeln eine lukrative Zukunft voraus.Andrew Fischer macht sich darüber keine Gedanken. ?Ich verdiene im Moment gutes Geld. Und nach 30 Tagen wische ich mir die Werbung von der Stirn, um einem anderen Kunden Platz zu machen. Dass ich in der U-Bahn dumm angeguckt werde, macht mir eh schon lange nichts mehr aus.?
Dieser Artikel ist erschienen am 16.06.2005