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Der Meister und sein Wunschkandidat

Von M. Telgheder und C. Tödtmann, Handelsblatt
Bernd Michael bereitet seinen Rückzug von der Spitze der Werbeagentur Grey vor und gibt Macht an Uli Veigel ab.
Der Nachfolger wird nur als Diaporträt an die Wand gestrahlt. Die Szene selbst beherrscht an diesem Morgen in der Düsseldorfer Corneliusstraße wie üblich der Hausherr selbst: Bernd Michael oder ?Mr. Grey?, wie er zuweilen angesprochen wird.Der Mann mit dem Markenzeichen rote Krawatte wollte seinen allmählichen Rückzug von der Führungsspitze wohl lieber alleine ankündigen. Michael gibt Anfang kommenden Jahres einen wichtigen Teil seiner bisherigen Managementaufgaben an Noch-Bates-Chef Ulrich Veigel ab. Der Neue soll das Deutschland-Geschäft der Grey- Werbeagenturen und der Agenturen aus dem Bereich Marketing Services übernehmen.

Die besten Jobs von allen

Der 61-jährige Michael, seit Jahrzehnten in der deutschen Werbeszene eine Institution, bleibt noch Chef von Middle Europe. Er wird sich ? so ist es derzeit geplant ? im September 2005 aus der Grey-Führung zurückziehen.Als ?Wunschkandidat? bezeichnet Michael den neuen starken Mann der zweitgrößten Werbeagentur Deutschlands. Der Hochgelobte sitzt gerade im Flieger nach Hamburg, als ihn Michael vor der Presse als Teil-Nachfolger präsentiert.Veigels Name steht seit Jahren für die Agenturgruppe Bates, die in Deutschland im vergangenen Jahr mit rund 220 Mitarbeitern und einem Honorarumsatz von knapp 25 Millionen Euro auf Platz 19 der umsatzstärksten Agenturen kam. Der 48-Jährige konnte sich trotz Werbekrise an der Spitze der Firma halten.Aber mit seinem Wechsel zu Grey steigt er in eine andere Liga auf. Grey ist sechsmal größer als sein bisheriger Arbeitgeber. Und Bernd Michael ist einer der Großen der Branche. Er ist angriffslustig, bekannt für flotte Sprüche, Analysestärke und klare Visionen, die ganz ohne Wortgeklingel auskommen.Für Veigel sei der Wechsel zu Grey denn auch eine riesige Herausforderung, merkt ein Ex-Mitbewerber an. Allerdings habe der Bates-Chef in punkto Agenturführung durchaus das Zeug, es mit den großen Namen der Branche aufzunehmen. Einziges Manko: Bates mache bislang wenig Kampagnen, über die man in der Branche spreche.Das galt auch für Grey in der Vergangenheit. Die Agentur steht vor allem für Marken- und Strategiekompetenz. Die bringe Veigel ebenfalls mit, meint ein Bates-Kollege, der den künftigen Deutschlandchef als offen und sozialkompetent im Umgang mit Mitarbeitern beschreibt.Seine friesische Herkunft kann der gebürtige Sylter nicht verleugnen, wenn er redet. Ansonsten entspricht er aber nicht dem Bild des hoch gewachsenen, spröden Norddeutschen. Veigel, eher schmal und klein gebaut, wirkt fast immer aufgeräumt und gut gelaunt, wenn man ihn trifft ? aber auch unverbindlich.In den abgelaufenen Monaten ist ihm die gute Laune allerdings häufig vergangen. Nachdem der Mutterkonzern von Bates, die britische Cordiant-Holding, völlig überschuldet vom Werbekonzern WPP aufgekauft wurde, beschloss WPP-Chef Martin Sorell, die Bates-Gruppe aufzulösen. ?Ich hätte Bates gerne erhalten, aber über die Zukunft der Werbeagentur ist eben an anderer Stelle entschieden worden?, kommentiert Veigel die Lage und wird ernst: ?Wenn man wie ich 16 Jahre in ein und derselben Firma ist, dann fällt es ungeheuer schwer, auf einmal Sozialpläne machen zu müssen.? Er will jetzt versuchen, so viele Kollegen wie möglich bei anderen Agenturen unterzubringen.Aber natürlich freue er sich auf die neue Aufgabe. ?Sich um Marken zu kümmern und Dinge zu gestalten?, macht für ihn die Faszination des Jobs aus. Dass er dabei ganz unprätentiös und pragmatisch an die Dinge herangeht, schätzen Kunden wie Wella an ihm.Grey dürfte noch etwas anderes schätzen. Er bringt lukrative Werbeetats mit. So wechselt etwa die Automarke Seat zur Düsseldorfer Agentur. Böse Zungen behaupten gar, Bernd Michael habe ihn in erster Linie deshalb an Bord geholt.Beide verbindet ein Faible für Zigarettenwerbung. Michael machte sich einen Namen mit der HB-Kampagne ?Wer wird denn gleich in die Luft gehen? und Veigel in seiner Zeit bei Reemtsma mit dem Slogan ?Ich rauche gerne? für die damals neue Leichtzigarette R1.Privat fasst Veigel, der gerne Schach spielt, aber keinen Glimmstängel an. Ansonsten verbringt er seine Freizeit am liebsten mit seiner Familie und seinen beiden Kindern.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.12.2003