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Der Markenjäger

Holger Alich
Viele haben es ihm nicht zugetraut. Aber Patrick Ricard schafft es. Er kauft Marke um Marke und formt so aus dem familiengeführten Schnapsbrenner Pernod Ricard einen Weltkonzern. Wer wird den 63-jährigen Franzosen an der Unternehmenssspitze beerben?
Patrick Ricard musste sich aus dem Schatten des Vaters lösen. Foto: ap
PARIS. Das Haar auf seinem rundlichen Kopf ist stets nach hinten gekämmt. Sein Teint immer leicht gebräunt. Das Gesicht mit dem freundlichen Lächeln wird von einer kräftigen Nase dominiert. Mit seiner gemütlichen Erscheinung würde Patrick Ricard auch gut hinter den Thresen einer Pastis-Bar in Südfrankreich passen.Tatsächlich führt der 63-Jährige jenen Konzern, der die Bars dieser Welt mit bekannten Spirituosen beliefert, wie dem vom Vater erfundenen Pastis Ricard, dem Whisky Ballantine?s sowie dem kubanischen Rum Havana Club.

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Das 1932 gegründete Familienunternehmen Pernod Ricard ist das Paradebeispiel für Frankreichs erfolgreichen Familienkapitalismus. Vater Paul Ricard erfand den Pastis Ricard und schuf so die Grundlage für den Unternehmenserfolg. Sein Sohn Patrick baute den Spirituosenspezialisten zu einem Weltgiganten aus. ?Ich musste das vergrößern, was ich geerbt habe?, sagte Ricard einmal über seine Mission.Der Mann hielt Wort: Erst übernahm er Teile des Seagram-Imperiums im Jahr 2001, dann schluckte er Allied Domecq im Jahr 2005. Und nun ? bevor er Ende dieses Jahres aus der Konzernführung ausscheidet ? krönt der leidenschaftliche Jäger Ricard seine Karriere mit der Übernahme der schwedischen Vin & Sprit. So ergänzt er seine Markensammlung um den Wodka Absolut, einen der meistverkauften Wodkas der Welt.Bei den Ricards sei Schwedens Vorzeigemarke in guten Händen, versichert der Familienpatron. ?Der Wert einer Marke liegt in ihren Wurzeln?, wiederholte er gestern vor der Presse sein Managementmantra, auf das er in seinen dreißig Jahren an der Konzernspitze erfolgreich setzte: dezentrales Management, starke, lokal verankerte Marken, weltweites Marketing und effiziente Vertriebsstrukturen.Doch Filius Patrick war nicht die erste Wahl, als es darum ging, einen Chef für das Familienunternehmen zu küren. Vater Paul, ein als sehr cholerisch geltendes Marketinggenie, hatte zunächst seinen ältesten Sohn Bernard ausgeguckt. Doch 1971 kommt es zum großen Krach zwischen Vater und Sohn: Bernard verkauft im Streit seine Aktien an den Lokalkonkurrenten Pernod und leitet so die Fusion beider Häuser vier Jahre später ein. Der Verwaltungsrat vertraut 1978 dann Patrick Ricard die Geschicke des Familienunternehmens an.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Schon als Zwölfjähriger nimmt er an einer Sitzung des Verwaltungsrats teil Wie hat sich der Junior auf seine Rolle vorbereitet? Statt seinen Sohn auf angesehene Eliteschulen wie die Polytechnique zu schicken, lässt der Vater ihn das Metier im eigenen Unternehmen lernen.Patrick macht alles: Er fährt Gabelstapler im Schnapslager, begleitet die Handelsvertreter auf ihren Reisen und nimmt schon als Zwölfjähriger einmal an einer Sitzung des Verwaltungsrats teil. Außerdem schickt ihn der Vater schon bald ins Ausland: Patrick macht Praktika in Deutschland bei Quelle und Leica und arbeitet beim kanadischen Schnapskonzern Seagram, den er später zum Teil übernimmt.Am Anfang fällt ihm seine neue Aufgabe noch schwer. ?Der ist so verklemmt, dass niemand eine Kopeke auf ihn setzen würde?, sagte einmal Charles Pasqua über ihn. Der spätere Innenminister Frankreichs arbeitet in den 60er-Jahren als Verkaufsdirektor bei den Ricards.Zurückhaltend ist Patrick Ricard geblieben; seine Schüchternheit hat er aber mit der Zeit abgelegt. Vielmehr tritt er heute ruhig und souverän auf ? aber von Arroganz ist nichts zu spüren.Patrick Ricard hat auch Zeit gebraucht, sich von seinem mittlerweile verstorbenen Übervater zu emanzipieren. ?Lange Zeit bin ich noch zu Papa gelaufen, um ihm zu sagen, was ich so mache?, erinnert er sich aus seiner Anfangszeit an der Konzernspitze.Doch mit seiner Erfolgsbilanz gilt der Kunstliebhaber heute längst nicht mehr nur als ?Sohn von?. Patrick Ricard zählt zu Frankreichs Vorzeigepatrons, die nicht an Aktienoptionen, sondern an der langfristigen Entwicklung ihres Unternehmens interessiert sind.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Pierre Pringuet könnte neuer Chef werden Patrick Ricard kennt aber auch seine Grenzen: Daher hat er stets topausgebildete Manager an seiner Seite; wie die aktuelle Nummer zwei des Konzerns, Pierre Pringuet. Der Absolvent der Eliteuni Ecole des Mines arbeitet seit 1987 beim Schnapsimperium. Dem Exberater von Premierminister Michel Rocard werden gute Chancen eingeräumt, dem scheidenden Familienpatron auf dem Posten des Chief Executive Officer (CEO) zu folgen, wenn der sich zum Jahresende an die Spitze des Verwaltungsrats zurückziehen will.Dann hat Ricard mehr Zeit, der Konzernzentrale in Paris zu entfliehen und sich auf seiner kleinen Privatinsel Les Embiez im Südwesten von Marseille zu vergnügen ? und das Leben bei einem Glas Ricard zu genießen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Er fusioniert die Konkurrenten Pernod und Ricard Patrick Ricard 1945Er wird als Sohn von Paul Ricard, dem Gründer des Pastisherstellers, in Marseille geboren. Patrick Ricard startet 1967 im Familienunternehmen.1972Er wird Generaldirektor bei Ricard. 1975 fusioniert die Firma mit dem Wettbewerber Pernod zu Pernod Ricard.1978Er wird Firmenchef. 1980 erfolgt der erste Zukauf, Austin Nichols, in den USA.1993Er gründet mit der kubanischen Regierung ein Unternehmen zur Vermarktung des Rums ?Havana Club?.2001Pernod Ricard kauft 39 Prozent von Seagram.2005Der Konzern kauft Allied Domecq.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.04.2008