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Der Marathonmann kommt nicht ins Ziel

Von M. Eberle und C. Schlautmann, Handelsblatt
Warum Vorstandschef Stefan Pichler beim zweitgrößten Reisekonzern Deutschlands, Thomas Cook, gehen muss.
Stefan Pichler ist bei Thomas Cook gescheitert. Foto: dpa
Die Wutanfälle des Karstadt-Quelle-Chefs bei Aufsichtsratssitzungen von Thomas Cook sind legendär. Und von verschiedenen Seiten überliefert: ?Sie vernichten mein Geld?, soll Wolfgang Urban einst Thomas-Cook-Chef Stefan Pichler angeschrien haben, als die Mienen bei Neckermann & Co. immer trüber und die Zahlen immer schlechter wurden. Statt der erhofften Erträge belastete das europaweit expandierende Unternehmen ihre jeweils 50 Prozent haltenden Großaktionäre Lufthansa und Karstadt-Quelle mit immer höheren Verlusten in der Bilanz.Nicht nur Urban schäumte, offenbar stieg auch bei Lufthansa der Druck, etwas tun zu müssen beim schlingernden Urlaubskonzern. Am Ende ließ sich der frühere Lufthansa-Chef Jürgen Weber, der dem Thomas-Cook-Aufsichtsrat vorsteht, zur Notbremse überreden: Nach einer turbulenten Aufsichtsratssitzung in Oberursel musste Pichler seinen Posten räumen ? mit sofortiger Wirkung, 24 Stunden vor seinem 46. Geburtstag. Der bisherige Finanzchef Norbert Kickum wurde ebenfalls abberufen.

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Selbst für einen zähen Marathonmann wie Pichler ist das ein schwerer Rückschlag. Für sein Ziel, schneller, besser und erfolgreicher zu sein als die Konkurrenz, hat Pichler stets eisern gekämpft. Er lief als junger Sportler sehr gute Zeiten beim Marathon und gehörte über die kürzere 25-Kilometer-Strecke gar zur Weltspitze.Ähnlich schnell kletterte er später die Karriereleiter der Lufthansa hoch: Er startete 1990 als Marketingleiter in Frankreich und rückte im April 1997 als Vertriebschef in den Vorstand des Kranich-Konzerns auf. Von da an galt er mit kaum 40 Jahren als Lufthansa-Kronprinz, nach Kräften gefördert von Vorstandschef Weber.Der nennt die Beteiligung an Thomas Cook 1999 sein ?schönstes Pflänzchen?. Doch bald wird deutlich, dass sich Pichler und sein Tui-Widerpart Michael Frenzel im unglaublich hohe Summen verschlingenden Wettstreit um Europas größten Urlaubsmacher verhoben haben: Terror, Krieg und Konjunkturflaute lassen die Gästezahlen schrumpfen, Hotels melden schwache Auslastungen, die Urlaubspreise fallen dramatisch, die konzerneigenen Fluggesellschaften sind hoffnungslos überdimensioniert.Längst ist aus dem ?schönsten Pflänzchen? Thomas Cook ein Sanierungsfall geworden, dem Touristik-Analysten zufolge nicht nur hohe operative Verluste, sondern auch üppige Wertberichtigungen drohen: Allein die Boeing-Großraumflugzeuge des Typs 757 stehen noch mit rund 300 Millionen Euro in der Bilanz, obwohl die 250-Sitzer angesichts der Krise nicht mehr ausgelastet werden können. Ein Notverkauf auf dem überfüllten Flugzeugmarkt dürfte nur noch Trostpreise bringen.Pichlers plötzlicher Abgang wird in Branchenkreisen damit begründet, dass die wirtschaftlichen Probleme offenbar noch größer seien, als vom Vorstandschef lange Zeit eingeräumt. Auch beim eigenen Personal stand er zusehends in der Kritik, weil er zu Gunsten der europaweiten Konzern-Dachmarke Thomas Cook neben den Veranstaltern Kreutzer und Terramar auch die renommierte deutsche Ferienflugmarke Condor als eigenständige Marke aufgab. Auf Schildern, die Hunderte von Piloten bei einer Demonstration im September hochhielten, stand zu lesen: ?Condor hatte 40 Jahre Erfolg, dann kam Herr Pichler.?Jetzt kommt Peter Gerard, 56, der bei Europas größtem Waren- und Versandhauskonzern Karstadt-Quelle bisher den Vorstandsbereich Controlling leitete. Der groß gewachsene Manager sitzt bereits im Aufsichtsrat von Thomas Cook, wo er im Oktober 2002 den früheren Karstadt-Chef Walter Deuss ablöste.In der Touristikbranche gilt der einstige IT-Systemingenieur dennoch als Neuling. Auch bei Karstadt-Quelle, wo er die zahlreichen Randaktivitäten des Konzerns betreut, sitzt der ehemalige Mannesmann-Vorstand erst seit Oktober 2000 im obersten Führungsgremium.Der Mann mit der schwäbischen Sprachfärbung, der aus dem Schwarzwald stammt, ringt im Essener Vorstand immer noch um Anerkennung. Gerard fädelte zwar den Kauf des Deutschen Sportfernsehens ein, machte seinen Konzern zum größten Mastercard-Emittenten Deutschlands und verordnete dem Internet-Handel seines Hauses einen neuen Auftritt. Doch der durchschlagende wirtschaftliche Erfolg dieser so genannten Cross-Marketing-Konzepte lässt noch auf sich warten.Für Gerard ist das neue Amt, das er nach Informationen aus Unternehmenskreisen kommissarisch wohl nur bis zum ersten Quartal 2004 ausüben wird, deshalb eine Bewährungsprobe. Schon in der nächsten Woche soll unter seiner Führung ein neues Budget für 2004 erstellt werden.Was die Börse von Gerard erwartet, bringt Handelsexperte Volker Bosse von der Münchener Hypo-Vereinsbank auf den Punkt: ?Das Restrukturierungstempo muss bei Thomas Cook drastisch beschleunigt werden.?
Dieser Artikel ist erschienen am 10.11.2003