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Der Mann verleiht Flüüüüüüügel

Von Oliver Stock
Dietrich Mateschitz ist einer der buntesten Unternehmer Österreichs. Er ist nicht nur Herr über den Energiedrink Red Bull, sondern auch Besitzer eines Formel-1-Rennstalls, eines Erste-Liga-Fußballklubs, einer Flugzeugstaffel sowie einer Insel in der Südsee. Und er will noch mehr.
Der Österreicher Christian Klien fährt in der Formel 1 für Red Bull. Foto: dpa
HB SALZBURG. Das löscht den Durst und lässt auf eine gewisse Verbundenheit zu den größeren Steuerzahlern des Landes schließen, hofft der österreichische Finanzminister Karl-Heinz Grasser, der dieses Ritual pflegt.Mit dieser Verbundenheit ist Dietrich Mateschitz gemeint. Besitzer eines Formel-1-Rennstalls, eines Erste-Liga-Fußballklubs, einer Flugzeugstaffel, einer Insel in der Südsee, demnächst einer Restaurant-Kette, erster Österreicher, der es mit einem geschätzten Vermögen von 1,3 Milliarden Dollar in die Liste der Superreichen gebracht hat, die das US-Magazin ?Forbes? erstellt, und, und, und ...

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Vor allem aber: Herr über den Energiedrink Red Bull, der laut Werbung Flüüüüüügel verleihen soll.Mateschitz selbst lassen Gesten wie die Grassers kalt. Politisch sei er eher nicht vernetzt, sagt er. Obwohl Typen wie der schneidige Finanzminister gut ins Kundenprofil passen: ?Die zeichnet ein Drive aus, eine gewisse Leistungsorientiertheit, kombiniert mit einer ausgeprägten Fun-Komponente?, sagt Mateschitz.Von seinem Büro schaut der 61-Jährige, den seine Mitarbeiter schlicht ?DM? nennen, in den Hangar Sieben am Flughafen Salzburg, der gefüllt ist mit knallig angemalten ?Flying Bull?-Maschinen, dazwischen eine Kunstsammlung. Pop-Art. Eine Halle voller Spielzeuge für ein groß gewordenes Kind?Nein. Mateschitz, hohe Stirn, schlohweißes Haar, das immer so aussieht, als sei es gerade im Sturmwind eines Hubschrauberrotors kunstvoll durcheinander geraten, ist kein Spieler. Wer einen Konzern aufgebaut hat, der es mit dem Verkauf von munter machendem Zuckerwasser unter den weltweit bekannten Marken inzwischen in die Spitzengruppe geschafft hat, überlässt nichts dem Zufall. Rein gar nichts. Auch wenn bei Red Bull alles so aussehen muss, als würde es täglich aus einem kreativen Urknall neu entstehen. Das gehört zum Image.Dominic Marsano, zum Beispiel, ist so ein Kind des Urknalls. Braun gebrannt, das Hemd weit offen, sieht er aus, als sei er gerade vom Surfbrett gestiegen. Tatsächlich feilt Marsano am Ruf der Marke, entwirft absatzfördernde Veranstaltungen, die natürlich nur ?Events? heißen, und freut sich, wenn darüber geredet wird. ?Es ist ein Privileg, in die Red-Bull-Familie zu kommen?, sagt er.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Markenwert - ein ZauberwortAuf Typen wie Marsano kann Mateschitz überall bauen, wo die Dose mit den beiden Stieren darauf ein Begriff geworden ist. Bis auf Frankreich, wo der Energiedrink keine Zulassung bekam, ist das in allen konsumfreudigen Ländern der Welt der Fall. Mit Japan und Korea will Mateschitz in den nächsten Monaten die letzten weißen Flecken auf der Red-Bull-Weltkarte tilgen.Mateschitz? Dosenwelt wird nicht vom Hangar sieben, sondern von einer betriebsamen Zentrale in Fuschl am See im Salzkammergut aus gesteuert. Vergangenes Jahr verkaufte er nach eigenen Angaben knapp zwei Milliarden Dosen, alle abgefüllt in Vorarlberg. Umsatz: 1,7 Milliarden. Bis zum Jahr 2010 will er den Absatz vervierfachen. Aussagen über Margen von 25 Prozent will Mateschitz nicht kommentieren.In Deutschland hat Mateschitz durch die Einführung des Dosenpfands mit einem Rückgang um 100 Millionen auf 180 Millionen Dosen starke Einbußen erlitten, arbeitet sich aber nun wieder in die Lüfte. Die Motivation des deutschen Umweltministers, der das Dosenpfand durchsetzte, versteht er bis heute nicht. Da sind ihm seine Landsleute lieber, die im Schnitt 14 Dosen Red Bull im Jahr leeren.49 Prozent des Unternehmens besitzt der gebürtige Steyrer selber. Der größere Rest gehört zwei thailändischen Geschäftsleuten, deren Fähigkeit, bis in die Nacht hinein frisch wie ein Fisch am Verhandlungstisch zu sitzen, Mateschitz einst faszinierte. Damals, als er noch im Marketing für Unilever unterwegs war. Der Legende nach hat er die stärkenden Mittel, die die Herren nahmen, dem europäischen Geschmack angepasst ? herausgekommen ist Red Bull. Dass die Partnerschaft mit den Thailändern auf einem Handschlag beruht, dürfte angesichts des Markenwerts, der auf acht Milliarden Euro geschätzt wird, ebenfalls ins Reich der Legende gehören.Markenwert. Ein Zauberwort. Was Mateschitz darunter versteht, erfuhren die Mitstreiter im Formel-1-Zirkus, nachdem der Dosenkönig im Frühjahr den Jaguar-Rennstall übernommen hatte. Seither sind an jedem Rennwochenende vier Ausgaben von ?The Red Bulletin?, laut Untertitel ?ein beinahe unabhängiges Nachrichtenblatt?, an der Rennstrecke zu haben. Mateschitz? ?Energy-Station? bietet daneben auf drei Stockwerken 400 Quadratmeter Spielfläche. Acht LKW rollen an, 45 Helfer bauen den Prachtbau auf, drei Tage brauchen sie. Dazu verleiht Red Bull den Fans Flügel. Den Fahrern des gleichnamigen Teams weniger: David Coulthard ist elfter der WM-Wertung, der Österreicher Christian Klien 18.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Dietrich MateschitzVita von Dietrich Mateschitz1944 wird er in St. Marein in der Steiermark geboren.1970 beginnt er nach dem Studium an der Wiener Hochschule für Welthandel seine berufliche Laufbahn, er arbeitet unter anderem für den Zahnpflegehersteller Blendax, Unilever und Henkel.1984 gründet er zusammen mit seinen thailändischen Partnern Chalet und Charlie Yoovidhya die Red Bull GmbH. Drei Jahre später wird das Getränk eingeführt.2005 kauft er vom Automobilkonzern Ford das Formel-1-Team Jaguar. Dieses firmiert seither unter dem Namen ?Red Bull Racing?. Außerdem erwirbt er vom österreichischen Spediteur Rudolf Queensberry den Fußball-Erstligaklub SV Wüstenrot Salzburg, der künftig unter dem Namen Red Bull Salzburg spielt. In Kürze startet er außerdem das Fast-Food-Restaurant ?Carpe Diem?, aus dem eine Franchise-Kette werden soll.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.08.2005