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Der Mann mit der Kreissäge

Von Christoph Schlautmann
Wolfgang Werner war schon fast weg vom Fenster. Dann zog er den Börsengang von Praktiker erfolgreich durch. Jetzt nimmt er Anlauf, um Obi vom Thron zu stoßen. Werner, 52, und seit 31 Jahren im Einzelhandels- geschäft, macht gerne kurzen Prozess. Seit seinem Antritt an der Praktiker-Spitze Ende 2001 schloss er 45 Märkte, strich 200 Verwaltungsstellen und reduzierte das Angebot von 300 000 auf 72 000 Artikel.
DÜSSELDORF. Wolfgang Werner strahlt sein Gegenüber an, deutet mit einer ausladenden Armbewegung über eine Reihe von Rasenmähern und verkündet im Brustton der Überzeugung: ?Mehr als elf Modelle brauchen wir nicht.?Die übrigen 25 elektrischen und benzingetriebenen Schneidegeräte, die Werners Baumarktkette Praktiker noch bis vor kurzem führte, hat der energiegeladene Vorstandschef aus dem Sortiment geworfen. ?Die brauch? niemand?, poltert der gebürtige Essener im unverblümten Ruhrpott-Slang. Dann eilt er zum nächsten Gang, wo er mit den Bohrmaschinen dasselbe angestellt hat.

Die besten Jobs von allen

Wie mit der berühmten Kreissäge, die in Praktikers Plakat- und Radioreklame (?20 Prozent auf alles?) zum Sinnbild der aggressiven Preisreduzierungen geworden ist, stutzte er die Kosten im Konzern.Der kräftige, meist viel zu schnell sprechende Konzernchef schaffte damit, woran seine drei Vorgänger seit 1995 gescheitert waren: die Rückkehr in die schwarzen Zahlen.Auch in den vergangenen Tagen fackelte er nicht lange. Am Mittwoch letzter Woche überzeugte er den Aufsichtsrat davon, ein Angebot für den Konkurrenten Max Bahr abzugeben. Schon am Dienstagabend darauf hatte Werner sämtliche Mitbewerber aus dem Rennen geboxt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Obi muss um Top-Position fürchtenDie 77 Märkte der Hamburger Kette wechseln nun, die Zustimmung der Wettbewerbshüter vorausgesetzt, für einen ungenannten Preis ins Portfolio des Branchenzweiten aus dem saarländischen Kirkel. Weil der Praktiker-Chef im Bieterreigen weder die Beteiligungsfirma Permira noch Marktführer Obi zum Zuge kommen ließ, muss die Wermelskirchener Tengelmann-Tochter nun sogar um ihre Top-Position fürchten. Verstärkt um Max Bahr, trennt Praktiker nur noch ein halbes Prozent Marktanteil vom Spitzenreiter Obi.Dabei hatte Werner im vergangenen Herbst selbst noch um seinen Job bangen müssen. Gleich mehrere Private-Equity-Firmen, darunter Permira, BC Partners und Apax, zeigten damals Interesse an der blau-gelben Baumarktkette, die der Düsseldorfer Metro-Konzern auf den Markt geworfen hatte. Gegenüber dem Handelsblatt ließen Bieter durchblicken, dass man im Falle einer Übernahme den Plan verfolge, Werner zu ersetzen. Der Mann sei zwar hervorragend im Tagesgeschäft, hieß es, nicht aber in der Entwicklung neuer Strategien. Doch der Verkauf scheiterte, Werner behielt seinen Posten.In den Wochen danach zeigte der Handels-Haudegen, wo seine wahren Qualitäten stecken: im Verkaufen ? diesmal aber nicht von Pinseln und Schrauben, sondern von Aktien des eigenen Unternehmens. Denn nachdem Metro für die Baumarkttochter keinen Käufer gefunden hatte, der den gewünschten Preis auf den Tisch legen wollte, beauftragte Konzernchef Hans-Joachim Körber kurzerhand die Investmentbanken JP Morgan, ABN Amro und Deutsche Bank an, den Börsengang von Praktiker vorzubereiten. Seinen obersten Baumarktleiter ernannte er zum wichtigsten Aktienverkäufer.Werner erledigte seine Aufgabe mit Bravour. In endlosen Road-Shows und Anlegergesprächen machte er ab Oktober 2005 kräftig Werbung, lud Journalisten in seine blitzblank gesäuberten Vorzeigemärkte ein und erklärte Analysten mühsam sein neues ?Easy to Shop?-Konzept, das Verbrauchern die Auswahl in den Do-it-yourself-Läden erleichtern und umfangreiches Bedienpersonal überflüssig machen soll.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Bislang hat Werner die Anleger überzeugtBislang hat Werner, der lieber mit hochgekrempelten Ärmeln als im gestreiften dunklen Zweireiher in Verhandlungen zieht, die Anleger überzeugt. Zwar erzielte Metro für das erste, 60 Prozent umfassende Aktienpaket vergangenen Dezember nicht den gewünschten Preis. Bei den restlichen Verkäufen ? wenige Monate später ? aber lagen die Erlöse weit über den Erwartungen.Kein Wunder: Seit dem Börsenstart schnellte der Kurs von 14,20 Euro auf 25 Euro nach oben. Zur Belohnung verlängerte der Aufsichtsrat den Vertrag des Vorstandschefs bis Ende März 2009.Wolfgang Werner ist trotz des rasanten Aufstiegs seines Unternehmens zum Börsenstar im MDax auf dem Boden geblieben. Seit 30 Jahren verheiratet, lebt er in einem kleinen Dorf in der fränkischen Schweiz, von wo aus er regelmäßig ins Saarland pendelt. Ebenso wie das Landleben liebt der Ruhrgebiets-Auswanderer die deftige Küche. Wie einst Helmut Kohl greift der Praktiker-Chef nicht nur selbst bevorzugt zur Hausmannskost, er serviert sie gern auch seinen Gesprächspartnern ? ein Trick, mit dem er bei schwierigen Verhandlungen meist schneller das Eis bricht als andere. ?Werner lebt das Baumarktgeschäft?, berichtet ein ehemaliger Kollege, ?er besitzt unglaubliche Detailkenntnisse.?Wer sich mit den Eigenheiten von Spezialwerkzeugen, Rohrmuffen oder Kaminöfen nicht auskennt, ist bei Werner an der richtigen Adresse. Die nämlich erklärt der Topmanager, der schon beim Wettbewerber Hellweg den Baumarkt-Vertrieb leitete, mit spielender Leichtigkeit. Ähnlich kompetente Verkäufer dürften sich Rat suchende Kunden in den Märkten freilich häufiger wünschen.Bei so viel Enthusiasmus für das Heimwerkergeschäft bleibt Werner wenig Zeit für ausgefallene Hobbys. Wochenenden nutzt er lieber, um in den bundesweit 275 Märkten nach dem Rechten zu schauen. Auf klare Ansagen vom Chef dürfen sich die Verkäufer dann allerdings gefasst machen. Ein Blatt nehme Werner nur selten vor den Mund, wie es im Unternehmen heißt.Auch sonst zählt Harmonie nicht zu den Lieblingsvokabeln des saarländischen Vorstandschefs.In der Branche zettelte Werner sogar einen Preiskrieg an. ?20 Prozent für alle Hornbach-Mitarbeiter?, versprach er in großformatigen ?Bild?- Zeitungs-Anzeigen und fügte hämisch hinzu: ?Sagen Sie an der Kasse: Ich arbeite gerne bei Hornbach, kaufe aber lieber und günstiger bei Praktiker.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Wolfgang WernerVita von Wolfgang Werner1954 wird er am 16. Januar in Essen geboren.1975 startet er bei der Handelskette Allkauf und steigt später zum Geschäftsführer auf.1986 wechselt er zu Tengelmann, wo er bald Hauptabteilungsleiter Koordination Großvertrieb wird.1994 geht er zur Metro-Tochter Real und wird 1996 Generalbevollmächtigter.1998 wechselt er zur Baumarktkette Hellweg, wo er verantwortlich ist für Vertrieb, Marketing und Expansion.2000 wird er Vorstandsmitglied von Metros Baumarktkette Praktiker, wird 2001 Sprecher des Vorstands. Seit 2003 ist er Vorstandsvorsitzender.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.08.2006