Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der Mann mit der Giftpille

Von Frank Siering
Martin Lipton gilt als Erfinder der Poison Pill (?Giftpille?), einer sehr wirksamen Verteidigungsstrategie, die vor feindliche Übernahmen schützt. Lipton ist ein Meister seiner Kunst. Der 75-jährige Anwalt zählt zu den besten in den USA ? heute noch.
Martin Lipton ist einer der einflussreichsten Wirtschaftsanwälte Amerikas. Foto: Archiv
LOS ANGELES. Feindliche Firmenübernahmen gehören in der freien Marktwirtschaft heute genauso zum Alltag wie die exorbitanten Gehälter vieler US-Firmenchefs. Gegen das ganz große Geldverdienen hat Staranwalt Martin Lipton keine Einwände. Wer hart arbeitet, der soll auch viel Geld verdienen, so der 75-jährige Wirtschaftsjurist und Mitbegründer der weltweit erfolgreichsten Anwaltskanzlei Wachtell, Lipton, Rosen & Katz aus New York City mit über 200 Top-Anwälten. Er selbst streicht im Jahr 3,7 Millionen Dollar Gehalt ein ? plus Boni, berichtet das?American Lawyer Magazine?. Trotz seines Alters ist er voll im Einsatz ? und kein Pensionär: Sein Name taucht laufend in den Dealmeldungen auf.Was feindliche Firmenübernahmen angeht, ist Lipton allerdings weniger großzügig. Er gilt als Erfinder der Poison Pill (?Giftpille?), einer sehr wirksamen Verteidigungsstrategie, die vor feindliche Übernahmen schützt. Die Strategie der Poison Pill wurde zum ersten Mal von Lipton, der mittlerweile mehr als 50 Jahre als Wirtschaftsjurist arbeitet, angewandt. Hinter der Strategie verbirgt sich die Taktik, die Übernahme für den Aggressor so teuer wie irgend möglich zu machen, beschreibt Lipton. Das heißt: Die Pille ist ein Aktionsplan der Aktieninhaber der angegriffenen Firma. Sie erlaubt den Aktionären, neue Wertpapiere zum Premiumpreis auszustellen. Das hat zur Folge, dass der Wert des Unternehmens in relativ kurzer Zeit enorm steigt und den Angreifer somit ?aus der Bahn wirft, weil die finanzielle Kalkulation für die Übernahme plötzlich nicht mehr stimmt?, erklärt Jay Lorsch, Professor von der Harvard Universität und langjähriger Freund von Lipton.

Die besten Jobs von allen

?Marty ist ein Mann mit viel Mut. Als er die Poison Pill-Strategie in den 80er-Jahren zum ersten Mal vorstellte, gab ihm kaum einer auch nur den Hauch einer Chance, dass diese Strategie vor Gericht juristische Rückendeckung erhalten würde?, erzählt Lorsch. Es kam anders: Seit 1982 haben mehr als 2 500 Firmen mit der Lipton-Taktik feindliche Übernahmen verhindern können.Keine Frage, Lipton ist ein Meister seiner Kunst. Aber er ist auch ein Anwalt, der Kontroversen nicht aus dem Weg geht. Obwohl er es war, der dem einstigen Disney-Manager Jeffrey Katzenberg in einem weltweit heiß diskutierten Vergleich zu einer Zusatzzahlung von 270 Millionen Dollar verhalf, zögerte Lipton keine Sekunde, als er einige Jahre später einen Anruf von seinem Gegenspieler im Katzenberg-Prozess erhielt, dem Disney-Anwalt Alan Braverman. Braverman sagt über Lipton, dass ?es keinen besseren Wirtschaftsanwalt in Amerika gibt.? Deshalb wollte er, dass Lipton Disney gegen aggressive und potenzielle Übernahmejäger verteidigt. So war etwa Comcast, ein Kabelanbieter, daran interessiert, Mickey Mouse zu kaufen, um somit zum weltweit größten Medienkonglomerat aufzusteigen.
» Stellenmarkt: Durchsuchen Sie mit dem Jobturbo zwei Dutzend Onlineportale parallel nach neuen Herausforderungen
Schon einen Tag nach dem Anruf flog Lipton von New York nach Los Angeles und traf den damals mächtigen Disney-Boss Michael Eisner. Ein prekäres Meeting, war doch Eisner derjenige, der Katzenberg gefeuert und dem Unternehmen den kostspieligen Vergleich eingebrockt hatte. Ein Verfahren übrigens, das Eisner später den Kopf als Chairman und CEO kosten sollte.In dem Comcast-Konflikt allerdings behielt Lipton die Oberhand für Disney. Comcast scheiterte mit seinem Aktienangriff auf Disney. Lipton, der einst verhinderte, dass American Express McGraw Hill übernahm, hat über die Jahrzehnte durch seine Artikel und Argumentationen, die Landkarte der Unternehmenskultur in den USA verändert, bestätigt auch Liptons Kanzlei-Partner Michael Byowitz.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Lipton gilt als ?harter Hund?.Martin Lipton gilt als ein gerechter, aber auch als ?harter Hund?, so Byowitz. Er verlangt von seinen jungen Associates abrechenbare ?Stunden, Stunden, Stunden? ? das hat er auch auf der Firmenwebsite von Wachtell eingravieren lassen. Das heißt: Wer mit Lipton zusammenarbeiten will, muss sein Privatleben hintenanstellen. ?Dafür zahlen wir unseren Associates weit mehr als andere?, so lockt Lipton die Besten in seine Firma. Junganwälte erhalten im ersten Jahr bereits ein Gehalt von 150 000 Dollar bei Wachtell, Lipton. Dazu kommt dann noch eine kostenlose Mitgliedschaft in einem Fitnessclub, kostenlose Blackberry- und private Internetnutzung, und ? bei den Anwälten sehr beliebt ? kostenloses Frühstück in der Firma. ?Wir behandeln unsere Anwälte wie Familienmitglieder?, sagt Lipton mit einem versteckten Lächeln auf den Lippen. Wohlwissend, dass Familienmitglieder meist weit härter ackern, um den Patriarchen, in diesem Falle Martin Lipton, nicht zu enttäuschen.Über seine Arbeit als Anwalt hinaus ? allein im vergangenen Jahr kümmerte sich Wachtell, Lipton um Fusionen und Übernahmen im Wert von 270 Milliarden Dollar ? hat Lipton auch eine außergewöhnlich erfolgreiche akademische Karriere hingelegt. Der in New Jersey Geborene wurde schon mehrfach unter die Riege der ?einflussreichsten Anwälte Amerikas? gewählt. Zudem ist er seiner Alma Mater, der New York University, von der er 1955 graduierte, treu geblieben. Zunächst als Professor dann als Trustee und heute als Chairman of the Board of Trustees. 2002 bis 2004 war er in der Kommission zur Unterstützung der New Yorker Börse.Das war auch das bisher einzige Mal in seiner illustren Karriere, in der Lipton negativ auffiel. Der Grund: Der Jurist und Freund der Mächtigen stand Richard Grasso professionell und persönlich sehr nah. Der einstige umstrittene und später gefeuerte Börsen-Chef bekam von Lipton juristischen Beistand ? obwohl Lipton der New Yorker Aktienbörse offiziell verbunden war. Grasso war in die Kritik geraten, weil herauskam, dass er über 140 Millionen Dollar Abfindung erhalten sollte. Anwalt Lipton geriet für kurze Zeit in die Schlagzeilen, kam aber ungeschoren davon. ?Das spricht für Martys Größe?, sagt sein Freund Lorsch.Und Lipton selbst sieht auch heute kein Problem darin, dass CEOs gigantische Abfindungspakete aushandeln: ?Eins ist doch ganz klar. Viele Firmen wären heute nicht dort, hätten sie nicht die Führung gehabt, die sie jahrelang vorantrieb.? Heute sucht sich Lipton seine Klienten selbst aus: Disney, Home Depot, Morgan Stanley. Mit den Chefs dieser Giganten ist er per Du.
» MBA-Newsletter:
Alle 14 Tage die neuesten Nachrichten
aus den wichtigsten Business Schools

Sogar die Academy of Arts and Sciences hat Rat bei Lipton gesucht und ihn gebeten, im Nachklang von Enron und anderen Unternehmensskandalen das Buch ?Restoring Trust in American Business? zu schreiben. Medienmogul Barry Diller, Chef von IAC/InterActive Group, sagt über seinen guten Freund Martin Lipton: ?Der Mann hat eigenhändig ein wichtiges Kapitel amerikanische Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Ohne Martin Lipton würde die Unternehmenswelt heute anders aussehen.?Mit solchenKomplimenten kann der 75-Jährige, der in einem Penthouse in New York in unmittelbarer Nähe seines Büros lebt, auch nach 50 Jahren im Geschäft nicht gut umgehen. Lipton: ?Ich mache meine Arbeit und ich freue mich, dass ich helfen kann.?
Dieser Artikel ist erschienen am 05.07.2007