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Der Mann mit den zwei Seiten

Von Oliver Stock
Ein Unfall zerstört seine Karriere. Aber Joachim Schoss, Gründer von Scout 24, gibt nicht auf. Gerne zitiert er jenen Unternehmersatz mit dem ?Nicht-nach-hinten-Schauen?. Darum zieht er ein Internetportal für Behinderte hoch.
ZÜRICH. Joachim Schoss von links zu beschreiben liest sich so: Er ist ein kräftiger, blonder Mann, 44 Jahre alt, blaue Augen. Der dunkle Anzug sitzt perfekt, das Polohemd darunter unterstreicht seine sportliche Erscheinung. Er lächelt schmal und sagt Sätze wie: ?Als Unternehmer musst du gucken, wo du stehst und sehen, was geht und was nicht mehr geht.?Joachim Schoss von der rechten Seite zu beschreiben klingt so: Der Ärmel des Anzugs steckt in der Tasche. Der Arm fehlt. Das rechte Hosenbein ist nach vorne gestreckt und verbirgt eine Prothese. Eine Narbe verschwindet unter dem Hemdkragen. Er sagt Worte wie: ?Ich schaue nach vorne und nicht nach hinten?, und sie könnten als Ermahnung an sich selbst gedacht sein. Er kenne sich aus mit der ?Fragilität des Lebens?, sagen seine Freunde.

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Der Mann mit den zwei Seiten hat für ein Menschenleben schon zu viel erlebt. Doch wenn er jemandem die Tür öffnet, sieht er nicht aus wie einer, der müde ist. Nein, dann steckt er voller Energie, berichtet von seiner Internetplattform ?myHandicap.com? und davon, wie er sich als Investor um eine Hand voll Firmenbeteiligungen kümmert. Geschäftspartner, die ihn früher als ?auch mal durchtrieben? bezeichneten, nennen ihn heute einen ?Philantropen?. Aber wie es ihm geht, wenn er niemanden hier oben in seiner Villa mit dem Wahnsinnsblick auf den Zürichsee empfangen will, behält Schoss für sich.Joachim Schoss stand mal mittendrin in einer Karriere, die darauf angelegt war, ihn nach ganz oben in den Olymp der Unternehmer zu katapultieren. Er war Gründer, Teilhaber und Präsident von Scout 24, jenem Internetportal, ?das ich mit einem Freund im Flugzeug auf dem Rückweg aus den USA entworfen habe?. Die Worte könnte er verkünden wie einer, der an seiner Legende strickt. Doch sie klingen nüchtern. Es ist nicht die eigentliche Geschichte seines Lebens, sondern nur das, was davor geschah ? vor dem schrecklichen Ereignis.Er war auch Chef bei der Beisheim Holding, jenem Unternehmen, dass der Metro-Gründer schuf, um vielversprechende Internetfirmen unter seinem Dach zu versammeln. Schoss war damit auf dem besten Weg, sich sein Revier zwischen den deutschen Unternehmergrößen zu erobern, die es an die Ufer des Zürcher oder Zuger Sees gezogen hat: Otto Beisheim, Klaus Michael Kühne, Klaus Jacobs.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der betrunkene Fahrer eines Golfs rammt ihn.Im November 2002 entschließt er sich zum Kurzurlaub in Südafrika. Mit dem Motorrad. Bevor er abfliegt, kann er seinen lässigen Halbhelm nicht finden und nimmt den Integralhelm mit. So bleibt sein Gesicht später unverletzt. Am letzten Tag auf den letzten Kilometern passiert der Unfall. Der betrunkene Fahrer eines Golfs rammt ihn. Schoss verliert einen Arm und ein Bein, die Ärzte pumpen 60 Liter Blut in ihn hinein.?Vier Wochen lang wusste ich abends vor dem Einschlafen tatsächlich nicht, ob ich am nächsten Morgen wieder aufwachen würde?, sagt Schoss, der die Zeit bei vollem Bewusstsein erlebt. Auch die Nacht, als die Niere versagt und die Lunge zusammenklappt. Drei Ärzte stehen um ihn herum und einer sagt leise auf Afrikaans: ?Den kriegen wir nicht mehr hin.?Aber Schoss kämpft. ?Ich habe diesen Tiefstpunkt nur deshalb überlebt, weil ich in jener Nacht meine Kinder bei mir gespürt habe?, sagt Schoss. Er spricht darüber fast ohne sichtbare Gefühlsregung. Er hat die Geschichte schon oft erzählt, auf Podien, in Interviews, gegenüber anderen Unfallopfern, denen er Mut machen will. Sie gehört zu seinem Leben. Sie ist sein Leben. ?Ich hatte eine Überlebenschance von vielleicht fünf Prozent?, analysiert er. ?Und habe überlebt.? Andere, die eine 95-Prozent-Chance haben, sterben. Warum?Schoss wiederholt jenen Unternehmersatz mit dem ?Nicht-nach-hinten-Schauen?. Lässt sich wirklich ein Teil des Lebens ausblenden? Er zögert und gibt ein bisschen mehr von dem preis, was in ihm vorgeht, wenn er dann sagt: ?Ich glaube, dass wir nicht auf der Welt sind, um wie ein weiches Stück Butter durchs Leben zu gehen. Wer die Prüfung schafft, erreicht eine höhere Stufe. Wer sie nicht schafft, dem wird die Aufgabe wieder gestellt.?Während er in Südafrika um sein Leben ringt, läuft bei ?Scout 24? das ab, was sie dort vor dem Ernstfall immer ?Ziegelstein-Lösung? genannt haben: Jeder Verantwortliche musste einen möglichen Nachfolger benennen, falls ihm beispielsweise ein Ziegelstein auf den Kopf fällt. Während er in die Schweiz transportiert wird und Monate in Krankenhäusern und Reha-Kliniken zubringt, fällt in der Firmenzentrale die Entscheidung, Scout 24 an die Deutsche Telekom zu verkaufen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Seine Pläne hätten anders ausgesehenSein Plan hätte anders ausgesehen. ?Wir hätten einen Börsengang hingelegt ...?, sinniert er. Aber was soll?s: Nicht nach hinten schauen. Schoss hat finanziell ausgesorgt. Niemand hätte es ihm übelgenommen, wenn er jetzt versucht hätte, von seinem Leben zusammenzukratzen, was davon übrig ist, und sich zurückzuziehen. Aber er sitzt an einem frühwinterlichen Tag dieses Jahres im Hörsaal B111 der Universität St. Gallen und kehrt seine linke, seine heile Seite hervor. Eben hat er einen Film vorgeführt: Ex-US-Präsident Bill Clinton würdigt darin die Initiative einer Stiftung, die das Internetportal ?myHandicap.com? aufgebaut hat. Es verbindet Behinderte weltweit. Die Menschen erhalten Antworten auf Fragen, wie es weitergehen kann, wenn eine Krankheit sie fast niedergerungen hat. Vom Umgang in einer Partnerschaft bis zum Wiedereinstieg in den Beruf. Das Internetportal, das in immer mehr Ländern an den Start geht, bietet Hilfestellung und nennt Ansprechpartner: Die Myhandicap-Botschafter, behinderte Menschen, unterstützen andere, die das Schicksal eben erst getroffen hat.Einer von diesen Botschaftern ist Joachim Schoss. Außerdem ist er Gründer, Stifter und Strippenzieher des Internetportals. ?Wir machen Mut auf unserer Homepage?, sagt er vor den Zuhörern in St. Gallen. Früher als Unternehmer sei es ihm darum gegangen, ?Dinge von 98 auf 99 Prozent zu optimieren. ?Jetzt geht es darum, Menschen wieder von null auf 50 oder 80 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit zu bringen.?Neben ihm auf dem Podium sitzt Universitätsrektor Ernst Mohr, nickt und dankt. Schoss hat einige seiner Millionen spendiert, um einen Lehrstuhl für Behindertenforschung an der Universität zu etablieren. Insbesondere für deren Eingliederung in den Arbeitsmarkt soll ein wissenschaftliches Fundament gelegt werden. ?Die Ergebnisse sollen in praktische Wirtschaftspolitik umgesetzt werden?, kündigt Michael Lechner an, Professor und Vorstand der Volkswirtschaftsabteilung in St. Gallen.Jetzt sucht die Uni Professoren. ?Wir müssen?, sagt Mohr, ?erst einmal Talente finden.? Der Rektor strahlt, Lechner strahlt. Schoss reicht ihnen die Hand, die linke.
Joachim Schoss1963
Er wird am 31. März in Essen geboren. Nach dem BWL-Studium wird er Management-Berater. 1990 gründet er in Frankfurt die TellSell Consulting. Er ist Sprecher der Geschäftsleitung und Mehrheitsgesellschafter, als das Unternehmen 1996 an die Metro Holding verkauft wird.
1992
Er ist Mitgründer und Gesellschafter des Call-Centers Telcare, das 1997 verkauft wird.
1998
Er ist bis zum Verkauf 2003 Sprecher der Geschäftsleitung und Teilhaber von Scout 24. Bis zum Autounfall 2002 ist er auch Sprecher der Geschäftsleitung der Beisheim Holding.
2004
Er wird Präsident des Stiftungsrats MyHandicap.com und betreut sein Family-Office.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.12.2007