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Der Mann mit den sieben Gesichtern

Von Rudolf Eickeler, Handelsblatt
Kaum einer hat die Regeln im Geschäft mit dem Müll so beherrscht wie Hellmut Trienekens: Jetzt steht er vor Gericht. Der einstige Erfolgsunternehmer gilt als Schlüsselfigur in der in der Schmiergeldaffäre um den Bau der Kölner Müllverbrennungsanlage.
HB. Seit zwei Jahren gilt Trienekens als eine der Schlüsselfiguren in der Schmiergeldaffäre um den Bau der Kölner Müllverbrennungsanlage. Diese zwei Jahre haben Hellmut Trienekens schwer gezeichnet. Er gilt als herzkrank, geschwächt von Zuckerkrankheit und nicht kontrollierbarem Bluthochdruck, gepeinigt von Depressionen.Dabei geht es jetzt gar nicht um Korruption, sondern um Steuerhinterziehung. Trienekens? Steuerverfahren wurde von der Hauptsache abgetrennt, ob eine Hauptverhandlung wegen der Bestechungsvorwürfe überhaupt noch eröffnet wird, ist unklar.

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Dem gesundheitlichen Zustand des Angeklagten zollt das Gericht Tribut. Maximal zwei bis drei Stunden wird Trienekens in dem auf zwei Tage veranschlagten Verfahren Rede und Antwort stehen. Der Kern der 15 Seiten starken Anklage: Der Unternehmer soll zwischen 1995 und 2000 rund 6,5 Millionen Mark Körperschaft- und Gewerbesteuer hinterzogen haben. Laut Staatsanwaltschaft hat der Unternehmer ein ?frühzeitiges umfassendes Geständnis abgelegt und den eingetretenen Schaden sogleich ausgeglichen?. Rechtsbeistand Gatzweiler bestätigt: ?Das Geld wurde bezahlt, mehr als notwendig ? mit Zinsen und Nebenforderungen.? Am Ende könnte, so hofft der Jurist, für seinen Mandanten eine Bewährungsstrafe stehen.Trienekens ? das war vier Jahrzehnte ein Synonym für Erfolg. Der sich mit einem breiten Lächeln und offenem Blick zeigende Unternehmer schuf bis zum Jahr 2001 ein Imperium mit 260 Beteiligungen und zuletzt einem Jahresumsatz von rund 900 Millionen Euro.1961 steigt Hellmut Trienekens in den väterlichen Heu- und Strohgroßhandel mit zwölf Beschäftigten ein. Das Heu verfüttern die Bauern. Das Stroh kaufen die Papierfabriken. Sein Vater entsorgt damals nebenbei den Müll im niederrheinischen Süchteln. Mit dem Umstieg der Papierfabriken auf Altware setzt der neue Chef nach dem Tod des Vaters (1968) ganz auf Müll. Trienekens zeigt sein erstes Gesicht: der Visionär.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Der gute Mensch aus Viersen. Die Firmenchronik und Tochter Rebecca, selbst Unternehmerin in der Entsorgungsbranche, schildern das zweite Gesicht: der gute Mensch aus Viersen. Einer, der immer für die Mitarbeiter da ist, Arbeitsplätze schafft und einmal im Jahr mit der Familie Urlaub im Süden macht. Wegbegleiter wie Frank-Rainer Billigmann, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes BDE, oder der einstige Chef des Dualen Systems, Wolfram Brück, erinnern an das dritte Gesicht ? Hellmut Trienekens, der Retter des Dualen Systems. Im Herbst 1993 schart Trienekens die Mächtigen der Branche um sich, verhindert nicht nur die Pleite des Sammelsystems mit dem Grünen Punkt, sondern auch den Fall des damaligen Bundesumweltministers Klaus Töpfer (CDU). ?Ihr müsst mir noch mal folgen, Kollegen?, schwört Trienekens Mitte September die Branche im Kristallsaal der Kölner Messe ein.Trienekens rettet damals letztlich aber auch seine Geschäftsidee. Mitte der 70er-Jahre stellt er als erster Entsorger Container für Glas- und Altpapier in Viersen auf. Das Konzept, das später zur Grundlage für den Grünen Punkt wurde: Der Bürger sortiert in spezielle Tonnen, der Entsorger holt den Rohstoff ab, arbeitet die Wertstoffe auf ? und verdient. Zu einer Zeit, als noch niemand sich für die ökologische Kreislaufwirtschaft begeistert, zeigt Trienekens sein viertes Gesicht: der Vollblutunternehmer.Müll und Technik ? auch diese Verbindung knüpft Trienekens lange vor anderen. Gegen den Rat von Abfallexperten eröffnet er 1981 in Neuss die erste großtechnische Rohstoffrückgewinnungsanlage. Der erste Schritt, den von Umweltminister Töpfer entdeckten ?Schatz in der Mülltonne? in großem Stil zu verwerten. Trienekens ? der Technik-Pionier: das fünfte Gesicht.Das markanteste Gesicht schält sich seit 2003 heraus ? der Netzwerker. ?Beatmen? nennen Entsorger und Baukonzerne zynisch das Spiel vom Geben und Nehmen. Mit seinem jovialen Wesen ist Trienekens zweifelsohne ein Naturtalent. Den Aufstieg in die ?Beatmungs-Bundesliga? schafft er nach Einschätzung von Branchenkennern aber erst 1988 mit dem Einstieg des Energieriesen RWE in das Viersener Unternehmen. Die Folge: Trienekens, inzwischen führender Entsorger in Nordrhein-Westfalen, kennt bundesweit seine Leute in Kommunalparlamenten oder Landtagen. Immer auf dem Laufenden, kann er seinem finanzstarken Partner lange vor der Konkurrenz melden: ?Ich bin schon da.? Ein BDE-Funktionär erinnert sich: ?Wir haben uns manchmal gefragt, wie er die Sachen so hinbekam.?Seit knapp drei Jahren aber geht nichts mehr für ihn: RWE hat sein Unternehmen komplett übernommen. Auf der Internetstartseite der Stadt Viersen findet sich kein Hinweis mehr auf den einst so prominenten Bürger. Streit gibt es zudem noch mit dem Dualen System um Abrechnungen. Es bleiben die Erinnerung an einen Pionier der Kreislaufwirtschaft und ein von Steuerfahndern und Ermittlern angehäufter Aktenberg von 180 Umzugskartons. Durchaus möglich, dass sich hier ein bis jetzt noch unbekanntes Gesicht von Trienekens verbirgt.Lesen Sie weiter auf Seite 3:Hellmut TrienekensHellmut Trienekens1938 kommt Hellmut Trienekens in Boxmeer (NL) zur Welt.1961 steigt er in den Heu- und Strohhandel seines Vater (12 Mitarbeiter) ein und lernt danach Großhandelskaufmann.1968 schwenkt er auf das Müllgeschäft um.1975 entsorgt er mit fünf Niederlassungen den Müll von 500 000 Bürgern in NRW.1988 steigt RWE ein und übernimmt 51 Prozent an der R + T Entsorgung GmbH.1998 gründet er die Trienekens AG, an der er und RWE je 50 Prozent halten.2001 umfasst die Gruppe 32 vollkonsolidierte Unternehmen mit Niederlassungen auch in China. Beschäftigte: 8 700.2002 zieht der Kölner Müllskandal Kreise, er gerät ins Netz der Ermittler und muss am 12. Juni in U-Haft. Für die Rekordkaution von 100 Mill. Euro kommt er nach fünf Wochen frei. Trienekens ist Ehrenpräsident des privaten Entsorgerverbands BDE.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.09.2004