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Der Mann im Hintergrund

Von Felix Schönauer, Handelsblatt
Seit mehr als drei Wochen hat sich James Crosby nicht mehr zur Übernahme von Abbey National geäußert. Je länger Crosby schweigt, desto nervöser wird der Konkurrent beim Übernahmekampf im fernen Madrid, die spanische Banco Santander Central Hispano (SCH).
LONDON. Crosbys letzte Äußerung stammt von Anfang August. Da ließ er mitteilen: ?Wir prüfen ein Angebot für die britische Hypothekenbank Abbey National.? Damit stört der Manager mit der hohen Stirn, der häufig breit grinst, die Pläne der Spanier. Denn die haben bereits ein Angebot von gut 12,5 Milliarden Euro auf den Tisch gelegt.Jetzt wartet alles darauf, dass Crosby sein Schweigen bricht. Er könnte dann zur Schlüsselfigur beim Poker um Abbey National werden. Denn wenn der Chef der nach Marktwert viertgrößten britischen HBOS tatsächlich sein handfestes Interesse verkündet, erwarten Beobachter in London nicht nur ein höheres Angebot. Sie rechnen auch mit einer ganzen Welle von Mitbietern: Branchenprimus HSBC gilt als interessiert, die Royal Bank of Scotland (RBS) hat nicht ausdrücklich Nein gesagt, auch Barclays interessiert sich für mehr Wachstum.

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Doch so weit ist es noch nicht. Der studierte Mathematiker Crosby schweigt weiter ? und lotet hinter den Kulissen bei den Wettbewerbsbehörden seine Chancen zur Übernahme der sechstgrößten britischen Bank aus. Dabei könnte sich ausgerechnet sein eigener bisheriger Erfolg als Handicap erweisen.Der aggressivste britische Bankmanager hat sich seit der Fusion der Halifax-Bank mit der Bank of Scotland im Jahr 2001 als einziger glaubhafter Konkurrent neben dem Vierer-Oligopol HSBC, Lloyds TSB, Barclays, RBS etabliert. Dank einer für Großbritannien beispiellosen Kundenfreundlichkeit ? kostenlose Kontenführung und günstige Kreditzinsen ? kommen die Schotten bei den Girokonten mittlerweile auf einen Marktanteil von 14 Prozent. Bei den Hypothekenkrediten erreicht HBOS als Branchenprimus gar einen Marktanteil von einem Viertel. Käme Abbey hinzu, müsste jeder dritte Brite seinen Hauskredit bei Crosby abbezahlen.Nicht nur der 48-jährige Bankchef kann sich ausrechnen, dass die Wettbewerbsbehörde das nicht ohne Zugeständnisse durchgehen lassen würde. Zumal auch die Aussicht auf einen deutlich radikaleren Stellenabbau unter HBOS wenige Monate vor einer Wahl in Großbritannien wenig Freude macht. Dennoch ist eine solche Situation ganz nach Crosbys Geschmack.?Ziemlich entschieden und unter Druck kühl? ? so charakterisierte sich der Bankmanager einst selbst. So hält er die auf Großbritannien konzentrierte Bank mit angehängter Lebensversicherung (Clerical Medical, eSure), Vermögensverwaltung (St. James?s Place Capital) und Onlinegeschäft (Intelligent Finance) zusammen und steigert Jahr für Jahr die Gewinne ? zuletzt im Halbjahr auf gut 2,1 Milliarden Pfund vor Steuern.Der Vater von vier Kindern kultiviert zugleich aber auch das Bild eines Mannes, der über sich lachen und locker bleiben kann. Zu Hause gebe es keine Entscheidung, die ihm nicht misslingen könne, erzählt er gerne. Wie bei der berühmten Cosby-Show im US-Fernsehen erweist sich der Familienvater aber in entscheidenden Situationen dann doch als patent: So soll er bei der Geburt seines zweiten Kindes mitgeholfen haben, weil die Hebamme zu spät kam. Auch über seinen Karrierestart kursieren liebevolle Anekdoten: Zu Beginn seines Berufslebens wollte er nur deshalb in Schottland bleiben, weil er dort am liebsten auf die Berge steigt.Cricket-Fan Crosby lässt sich zudem oft im hauseigenen Fernsehkanal interviewen und nimmt nach Aussagen von Kollegen auch kritische Mails seiner Mitarbeiter positiv auf. Dennoch eckt er auch an. Über sein Gehaltsniveau äußerte er sich eher offensiv. Er sei über die Dimensionen zwar manchmal ?peinlich berührt, aber nicht heuchlerisch?. Schließlich sorge er dafür, dass 60 000 Leute einen sicheren Job haben. Gegenüber Trends wie dem Auslagern von Call-Center-Stellen nach Indien äußert er sich skeptisch: ?Wenn jeder in einer Industrie das Gleiche macht, lehrt uns die Geschichte, dass es wahrscheinlich falsch ist.?Öffentlich hält sich Crosby eher zurück. Nur einmal war das anders. Da wurde er zum akuten Krisenmanagement in eigener Sache gezwungen. Anfang 2002 hatte ein Mitarbeiter in Manchester hausinternes Trainingsmaterial zurückgelassen, das über Kunden wie Taxifahrer, Fensterputzer, kleine Ladenbesitzer oder Neuunternehmen einen erstaunlichen Kommentar abgab: ?Die wollen wir nicht.?Crosby wiegelte später ab, eine solche Aussage bedeute keine Ablehnung, weil diese Kundengruppe womöglich zu riskant sei. Die Bank sei nur nicht in der Lage gewesen, Firmen mit hohen Bargeld-Einnahmen zu betreuen.Bei Abbey schweigt er lieber ? und erhöht damit geschickt den Druck auf die Spanier. Diese versuchen nun, die Transaktion so bald wie möglich abzuschließen ? damit niemand mehr das Projekt torpedieren kann.Vielleicht will Crosby aber nur Unsicherheit schüren, ohne Abbey am Ende zu übernehmen. Die Zeichen mehren sich, dass der Boom im Kreditgeschäft abflaut. Mit Abbey könnte sich HBOS zum jetzigen Zeitpunkt verheben. Gleichzeitig wäre den Schotten aber ein Institut mit einer starken spanischen Großbank im Hintergrund auch nicht recht. Welche Pläne Crosby wirklich verfolgt, wird er nicht sagen. Er schweigt lieber.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.09.2004