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Der Mann hinter dem Rauch

Von C. Herrchenröder
Den Wirbel um die Maler der Leipziger Schule verdanken diese vor allem Galerist Gerd Harry Lybke und seiner Galerie Eigen + Art. Lybke kam einst nach Berlin, weil der Standort "Gold wert ist" und "die Leute kommen". Heute kaufen bei ihm die Reichen und Berühmten.
BERLIN. Galerist Gerd Harry Lybke, Spitzname ?Judy?, verabschiedet seinen prominenten Kunden zufrieden und wendet sich vor den großformatigen Dachboden-Fotos der Dresdnerin Ricarda Roggan mit leicht sächselnder Suada dem Besucher zu. Ein amerikanischer Sammler, der durch das Haus wandern will, wird auf später vertröstet.Lybke ist ? im Gegensatz zu den Messen, wo er meist in offiziellem Schwarz erscheint ? leger gekleidet: heller Matrosenanzug und offenes, weißes Hemd. Das ist Berliner Wochenendlook, der bei flanierenden Sammlern ankommt. Letzte Schwellenangst nimmt Lybke dem Besucher mit der alten Ostmanier, jeden zwanglos zu duzen. Was zog den Sachsen in die Bundeshauptstadt? ?In Berlin kommen die Leute.? Der Standort ist Gold wert, findet Lybke, der aus nostalgischen Gründen noch eine mit 480 Quadratmetern wesentlich größere Galerie in Leipzig unterhält und heute neun Angestellte beschäftigt.

Die besten Jobs von allen

Die Leipziger Anfänge waren dornig. Der angehende Ingenieur war auf die schwarze Liste gesetzt worden, weil er ein Stipendium in die UdSSR ausgeschlagen hatte. 1983 wagt er, eine private Galerie in seiner Wohnung zu eröffnen ? unter den Argusaugen der DDR-Behörden, die aus Devisengründen nur den staatlichen Kunsthandel dulden. Den Lebensunterhalt für sich und sein Zimmerprogramm verdient er als Aktmodell an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig.Mit der Wiedervereinigung 1989 kommt der Schock. Jetzt schiebt sich der Markt zwischen ihn und seine Künstler. Wirtschaftliche Professionalität ist gefordert. Lybke beginnt mit einem zinslosen Darlehen des Lebensmittelkonzernherren Arendt Oetker, der als Sammler den Osten durchstreift. Höhe: 50 000 Mark. Auch seinen Überziehungskredit bei der Dresdner Bank schöpft er voll aus: ?Bis 1994 habe ich mit Unterdeckung gearbeitet.?Trotz dieser Kapitalschwäche reagiert er global und eröffnet in den Jahren 1990 bis 1994 temporäre Galerien in Tokio, Paris, New York und London, die für jeweils drei bis sechs Monate seine Stammkünstler zeigen: ein globaler Markttest als Investition in die Zukunft.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eigentlicher Markterfolg Mitte der neunziger Jahre. 1992 debütiert er mit seinem Galerieprogramm in den Berliner ?Kunst-Werken? und zieht bald in die Räume der Auguststraße 26, einen Steinwurf weiter.Der eigentliche Markterfolg stellt sich Mitte der neunziger Jahre ein, als Eigen + Art auf Kunstmessen debütiert und wiederholt Artikel in der ?New York Times? erscheinen, in denen Werke der Leipziger Künstler abgebildet sind, die Lybke seit 1983 die Treue halten.Heute ist er der Händlervater der vom internationalen Marktrausch erfassten ?Leipziger Schule?, die ein Sammelbecken unterschiedlichster, dem Gegenständlichen verpflichteter Künstlerpersönlichkeiten ist. Allen voran der international gefeierte Neo Rauch, mit Spitzenpreisen in der Galerie bis 260 000 Euro, in den Auktionen aber schon bis 452 800 Euro. So viel erlöste am 10. November bei Phillips in New York das 2004 entstandene Großformat ?Grotte?.Auch die Chemnitzer Multimedia-Künstler Carsten und Olaf Nicolai, der Augsburger Maler kitschiger Motive Martin Eder, der Zürcher Rémy Markowitsch, die Israelin Yehudit Sasportas sowie der in Westfalen geborene, in Leipzig ausgebildete und derzeit gehypte Jungmaler Matthias Weischer gehören zu Lybkes Kernprogramm.Viele seiner Künstler leben in Berlin, weil hier Atelierraum billig ist. Und weil ein Aspekt nicht unwichtig ist: ?In Berlin kann man noch unerkannt leben, ohne dass man belästigt wird?, sagt Lybke. Denn mit dem Hochschnellen der Preise für Bilder der jungen Künstler ist mancher von ihnen zum Star mutiert.Das Geheimnis des Erfolgs von Eigen + Art liegt in der Kontinuität des Programms und in dessen früher Internationalisierung: ?Immer mit denselben Künstlern zu arbeiten hat sich ausgezahlt. Heute müsste man zu viel Geld investieren.?Vor allem durch die temporäre Galerie in New York hat Lybke viele treue Kunden gewonnen. Inzwischen kommt die Hälfte der Käufer aus den USA. Einer von ihnen: Ölerbe Andrew Hall aus Connecticut, der eine Wohnung am Potsdamer Platz unterhält und das Schloss Derneburg von Georg Baselitz mitsamt der umfangreichen Privatsammlung des Malers erworben hat.Lesen Sie weiter auf Seite 3: >?Die großen Sammler kommen von selbst?. ?Die großen Sammler kommen von selbst? ? dieses stolze Wort des Galeristen wird durch Stammkunden wie Charles Saatchi, Francois Pinault, die Rubell Collection in Miami, den Filmkomponisten Michael Linn und die Rothschild Foundation untermauert. Rund 70 Prozent der Sammler bei Eigen + Art sind unter 45 ? auch ein Teil des Erfolgs: ?Wir haben immer die eigene Generation angesprochen. Die Käufer sind mitgewachsen.?Von seinen Zunftgenossen wird der 44-Jährige seit zehn Jahren mit Argusaugen betrachtet. Dennoch gibt es Stimmen neidloser Anerkennung. Den Charlottenburger Kunsthändler Michael Haas, bekannt für sein kollegiales Wesen, überzeugt Lybkes Professionalität: ?Er fährt eine Politik, die seinen Künstlern und ihm nützt. Das Geheimnis seines Erfolges liegt auch darin, dass er es mit Westlern wie mit Ostlern gleichermaßen kann.?Manchem erscheinen Lybkes Erfolge gar unheimlich. Welch zähe Aufbauarbeit und welch strategisch offensiver Geschäftssinn dahinter steht, wird oft vergessen. Das geht bis zu einer Verkaufsmethode, die den Bestseller mit ?Geheimtipps zu einem Gesamtpaket schnürt: Der Neusammler muss erst mal Werke von zwei bis drei anderen Künstlern der Galerie erwerben, ehe er ein Gemälde von Neo Rauch erhält.Lybke stellt auf den Messen in Berlin, Basel und Miami aus. In den Galerien selbst ist er nicht ständig anwesend, denn er sieht seinen Hauptarbeitsplatz in den Ateliers, ?um mitzubekommen, was die Künstler machen?. Dazu gehört auch der Kultstatus genießende Rauch, der im Jahr nur rund 20 Werke schafft. Die nächste Ausstellung seines Schaffens wird es deshalb erst im September 2006 geben. Weder für ihn noch für die anderen Künstler der Galerie gibt es eine Warteliste: ?Erst wenn die Werke fertig sind, überlegen wir, in welche Sammlungen sie kommen.?Sein größter Hefter sei sein Absagehefter, sagt Lybke und bekräftigt damit, dass er zu den Ersten seiner Zunft gehört. Denn nur wer sich seine Käufer aussuchen kann, steht in der Machthierarchie ganz oben.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Eigen + Art.Eigen + Art
  • Leiter: Gerd Harry Lybke, Geschäftsführerin und Partnerin: Kerstin Wahala
  • Stammkünstler: Akos Birkas, Birgit Brenner, Martin Eder, Tim Eitel, Jörg Herold, Christine Hill, Uwe Kowski, Rémy Markowitsch, Maix Mayer, Carsten Nicolai, Olaf Nicolai, Neo Rauch, Ricarda Roggan, Yehudit Sasportas, David Schnell, Annelies Strba
  • Aktuelle Ausstellungen:
    In Berlin: David Schnell (bis 14.1.06),
    in Leipzig: Carsten Nicolai (bis 17.12.), Uwe Kowski (14.1. - 15.4.06)
  • Messebeteiligungen: Art Forum Berlin: 30. September bis 4. Oktober;
    Art Basel: 14. bis 18. Juni 2006;
    Art Basel Miami Beach: 7. bis 10. Dezember 2006
  • Adresse Berlin: Auguststraße 26
    Leipzig: Spinnereistraße 7
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Dieser Artikel ist erschienen am 03.01.2006