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Der Mann fürs Derbe

Von Frank Siering
?Schock Jock? oder ?King of all Media?, Howard Stern hat viele Spitznamen. Einige davon hat er sich sogar selbst verliehen. Nun darf er dieser Liste noch einen weiteren hinzufügen ? und der ist unbestritten wahr: ?Reichster Radio-Diskjockey der Welt?.
Immer schön provokant: Radio-Legende Howard Stern. Foto: ap
LOS ANGELES. Howard Stern, 53 Jahre alt und Satelliten-Talkshow-Moderator aus New York, freut sich dieser Tage über einen ?Bonus? von rund 83 Millionen Dollar. Bonus? Richtig. Diesen Betrag ? einen Teil davon muss er an seinen Agenten abtreten ? überwies sein Arbeitgeber Sirius Satellite Radio jetzt auf das Konto des schlaksigen Lockenkopfs.Howard Stern ist damit nicht nur einer der mächtigsten und erfolgreichsten Radiomänner in den USA. Die Zahlung beweist auch: In diesem doch als so prüde geltenden Land kommt man auch mit provokanten Sprüchen zum Erfolg.

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Selbst ohne die ?kleine Zusatzzahlung?, wie Stern den Millionenbonus flapsig abwertete, ist er längst der reichste Radiomoderator der Welt. War er es doch, der sich vor knapp einem Jahr aus dem FM-Radio wutschnaubend verabschiedete und bei Sirius einen Fünfjahresvertrag über 500 Millionen Dollar unterschrieb. ?Ich hatte die Schnauze gestrichen voll, ständig zensiert zu werden?, begründete Stern damals seine Entscheidung, zu Sirius zu wechseln.Mehrfach hatte die Federal Communications Commission (FCC), die amerikanische Medienaufsichtsbehörde, den ?Shock Jock? ob seiner obszönen Wortwahl und mit sexuellem Inhalt gefüllten Themen zur Räson gebracht. 2004 eskalierte der Streit zwischen Stern und der FCC, als sein damaliger Arbeitgeber, Clear Channel Communications, rund 1,75 Millionen Dollar an Strafgeldern für Sterns provokante Äußerungen zahlte. ?Ich fühlte mich hintergangen, zensiert in einer angeblich freien Gesellschaft?, jammerte Stern und zog sofort die Konsequenzen.Seine Abwanderung ?ins All? tat seiner Popularität aber keinen Abbruch. Die Direktheit und die hoch explosive sexuelle Atmosphäre der ?Howard Stern Show? sind es, die bei den Hörern ankommen, die ihn zum selbst ernannten ?Kind of all Media? gemacht haben. Er lädt Pornostars zu sich in die Show ein, diskutiert Selbstbefriedigung mit Oscar-Gewinnern und fragt kleinwüchsige Menschen nach ihrem Sexleben aus. ?Howard Stern ist jeden Penny wert?, sagt Analyst Craig Moffet von Sanford Bernstein & Co.?Howard Stern ist ein Mann, der sich nicht verbiegen lässt?, versucht Robin Quivers eine Erklärung zu finden für das Phänomen Stern. Sie ist seine Radiopartnerin, arbeitet schon seit mehr als 15 Jahren mit ihm zusammen. Und Freund und Agent Don Buchwald fügt hinzu: ?Howard fragt, was sich kein anderer traut. Dafür ist er bekannt.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Alles, was Stern anfasst, wird zu Gold.Tatsächlich lässt der so Gelobte kein Thema unberührt. Als Hollywoods Klatschwelt noch rätselte, ob sich Pamela Anderson denn nun tatsächlich ihre Oberweite hat verkleinern lassen, fragte Stern die Protagonistin direkt live in seiner Sendung.Anderson verneinte, Stern applaudierte. Warum Martha Stewart ihre romantische Liaison mit Anthony Hopkins so schnell wieder abbrach, Howard Stern traute sich nachzufragen. Stewarts Antwort? ?Jedes Mal, wenn ich ihm einen Kuss gab, musste ich an Hannibal Lector denken. Ich konnte einfach nicht mehr.? Das Zitat machte Schlagzeilen in Amerika.Alles, was Stern anfasst, wird zu Gold. Zwei Bücher verkauften sich in nur wenigen Monaten millionenfach, ein Film wurde zum Hit. Seine Radioshow wurde im TV syndiziert und hatte vor dem Eingreifen der FCC enorme Einschaltquoten.Er lässt sich nicht den Mund verbieten, und das kommt offenbar an. ?Ich liefere dem Publikum, was es hören und sehen will. Unsere prüden Gesellschaftskontrolleure aber wollen mich abschalten?, bellte er in der David Letterman Show ? und trug bei seinem Auftritt ein T-Shirt mit dem Konterfei von Les Moonves, dem CBS-Boss. Unter dem Gesicht seines Bosses stand in großen Lettern: ?Ich hasse Les Moonves.? David Letterman übrigens wird in den USA auf CBS übertragen.Aufgewachsen in Long Island, New York, war ?Klein-Howard? (heute misst er über zwei Meter) immer das Kind, das lieber in der Wohnung blieb, statt mit den anderen draußen herumzutollen. ?Ich wurde ständig verprügelt, hatte kaum Selbstvertrauen?, erinnert sich der Sohn eines Radiotechnikers. Der Job seines Vaters war es dann auch, der Stern zum Radio lockte. Als lokaler DJ jobbte er in Detroit, Hartford und Washington D.C. Seine Partnerin Quivers berichtet, dass seine On-Air-Komik immer ein bisschen ?merkwürdig? gewesen sei. Erst in New York kam sie richtig gut an. Es waren kleine Skandale ? etwa die Diskussion über Sex unter Rentnern ?, die Sterns Fangemeinde schnell anwachsen ließen. Und je mehr der dreifache Vater, der immerhin 20 Jahre verheiratet war, mit Bußgeldern belegt wurde, desto strahlender glänzte sein Stern am Radiohimmel.2004 nutzte Newcomer Sirius Satellite die Chance, Stern anzuheuern. Der Megadeal über fünf Jahre hatte nur eine Klausel: Bring uns innerhalb eines Jahres mindestens eine Million neue Abonnenten, so Sirius-Boss Mel Karmazin, der Stern einst zum nationalen FM-Star gemacht hatte. ?Ich war skeptisch?, sagte Stern, der dem Ruf des Geldes aber dann doch folgte.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Macht von Stern scheint immer weiter zu wachsen.Heute, ein Jahr später, hat Sirius Radio mehr als sechs Millionen Abonnenten. Allein im letzten Jahr stieg die Abobasis um 83 Prozent. ?Keine Frage, die Stern-Anstellung hat sich schon jetzt gelohnt für Sirius?, rechnet Kit Spring vor, Analyst bei Stifel Nicolaus.Und die Macht von Howard Stern scheint noch zu wachsen. Wird in den USA doch derzeit spekuliert, ob die Konkurrenz des Satelliten-Senders, der seinen Service auch in den neuen Karossen von VW, Audi und BMW anbietet, sich eventuell mit Sirius verbündet. XM Satellite Radio Holdings hat derzeit mit Bob Dylan und Oprah Winfrey eigene große Kaliber im Talkshow-Aufgebot.Howard Stern kann diese Entwicklung gelassen abwarten. Seine Fans sind ihm sicher. Kürzlich hatte er eine 75-jährige Rentnerin aus dem kalifornischen Altenparadies Palm Springs zu Gast. Stern wollte von ihr in seiner typischen provokanten Art wissen, ob alte Menschen noch Sex haben. Die Renterin lud Howard zu einem Wochenendbesuch nach Kalifornien ein. Und dann rief sie noch ins Mikrofon: ?Vergiss die Kondome nicht.?
Das Leben des Howard Stern1954: Howard Allan Stern wird am 12. Januar in Jackson Heights, New York, geboren.1976: Er macht seinen Abschluss in Kommunikationswissenschaft an der Universität Boston. Dort entwirft Stern eine eigene Sendung für das College Radio. Die Show wird aber schnell wieder abgesetzt, weil sie Studenten dazu bringt, live ihre Sünden zu beichten.1980: Stern erfindet in den 80ern die ?Howard Stern Show?. Sie läuft auf Clear Channel täglich sechs Stunden lang und ist für freizügige und provokante Inhalte bekannt.2004: Er wird wegen ?anrüchiger? Äußerungen angeklagt, die er in seiner Show verbreitet hatte. Die US-Aufsichtsbehörde für Medien, mit deren Chef er in Dauerfehde liegt, verhängt über seinen Sender Clear Channel ein Bußgeld über 435 000 US-Dollar.2006: Der selbst ernannte ?King of all Media? wechselt zum digitalen Satelliten-Radio Sirius, dessen zahlende Hörerschaft sich daraufhin verdreifacht. Er bekommt dort einen Fünfjahresvertrag, dotiert mit 500 Millionen US-Dollar.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.02.2007