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Der Mann, der VW ein Gesicht gibt

Von Josef Hofmann
Der neue Designchef Murat Günak sorgt in Wolfsburg für eine Formen-Offensive. In der Szene gehört der in Istanbul geborene und später in Deutschland aufgewachsene Autodesigner zu den Stars.
WOLFSBURG. Auch wenn ihn der Pförtner noch nicht kennt, in der Szene der Autodesigner gehört der in Istanbul geborene und später in Deutschland aufgewachsene Günak zu den Stars. Er hat der Traditionsmarke Peugeot neuen Schwung gegeben und die Optik der jüngeren Mercedes-Modelle geprägt. Jetzt will er die VW-Karosserien neu formen. ?Sinnlich, harmonisch und ohne störende Kanten ? wie ein schöner Körper?, sagt der eher kleine Mann mit dem jungenhaften Gesicht und zeichnet in seinem Büro die Linien mit sparsamen Gesten in die Luft.Und schon ist er in seinem Element. Er will Autos, die eine ?Spannung zwischen Aggressivität und Sanftheit? vermitteln. Eine ?Mischung aus skulpturierten Flächen, mit denen das Licht spielt, und strengen Linien, die die Flächen schneiden?, und ?knapp geschnitten wie ein guter Maßanzug?.

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Dass das auf den neuesten Golf nicht zutrifft, lässt Günak nicht gelten. Als eine der letzten Ikonen der Automobilindustrie müsse dieser mit Respekt behandelt werden. ?Bei Autos, die einen allzu schnellen Kick versprechen, verpufft die Wirkung auch schnell?, verteidigt er den Golf, dessen Absatz bisher weit unter den Erwartungen liegt.Aber die nächste Generation, die erste unter seiner Führung, wird weniger nüchtern. Von der ?strengen, rationalen Formensprache? der Vergangenheit will er sich verabschieden. Er will zwar nichts Schrilles kreieren, aber die Autos sollen Modernität vermitteln. Wer sich darunter nichts vorstellen kann, den verweist er auf das neue Mercedes-Coupé CLS. Das hält der Chefdesigner, der meist dezente Anzüge trägt, für den schönsten seiner bislang umgesetzten Entwürfe. Auch die Studie des Golf Cabriolets mit Glas-Klappdach und schmuckem Kühlergrill aus Chrom ist ein Vorgeschmack auf das, was kommt.Ansonsten hilft ein Blick auf das graue Designerregal in Günaks Büro. Da stehen die Arbeiten, die er bei seinen früheren Arbeitgebern abgeliefert hat: der Peugeot 206, der Supersportwagen Mercedes SLR McLaren und ein Maybach.Die Nobelkarossen aus Stuttgart wollen in diesen schmucklosen Siebziger-Jahre-Gebäudeklotz aus schmutzig-weißem Verputz und Waschbetonflächen, in dem Günak nun logiert, nicht recht passen. Genauso wenig, wie der quirlige Stardesigner in dieses eher trostlose Ambiente passt. Dafür hat er sein Büro mit Metall und Glas und wenigen Bildern gestylt. Auf einem steht der Spruch: ?Ich liebe die Regel, die die Emotion korrigiert.? Ein Geschenk seiner Frau, einer deutschen Pianistin, sagt Günak.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Gerade auf seine Emotionen hat vor Jahren schon die Mercedes-Design-Ikone Bruno Sacco vertraut. Er hatte den Studenten, der ein Praktikum in der Metallwerkstatt machen wollte, für die Designsparte abgeworben. Nach Umwegen über Ford, Daimler, Peugeot landete er wieder bei Mercedes, um schließlich vor einem Jahr als Designleiter der Markengruppe Volkswagen in Wolfsburg zu starten. Erst einmal in Wartestellung, bis er Anfang dieses Jahres den obersten Konzern-Kreativen Hartmut Warkuß ablösen konnte, der nach 36 Jahren bei VW in den Ruhestand ging.Mit Emotionen begründet Günak auch den Wechsel zu VW: ?Es war die Bandbreite des Konzerns vom Lupo bis zum Bentley oder Bugatti, die mich gereizt hat.? Eine ?riesige Herausforderung? sei es für ihn, ?den Aufbruch unter Vorstandschef Bernd Pischetsrieder mitzugestalten?. Obwohl es wie eine Worthülse klingt, ist man geneigt, dem Mann mit dem gewinnenden Lächeln auch dies zu glauben. Er schafft es, mit seiner offenen Art und seiner Begeisterung mitzureißen: egal ob Mitarbeiter im Vieraugengespräch oder mehrere hundert Menschen auf einer Showbühne wie auf dem Genfer Automobilsalon.Nur noch selten greift Günak selbst zum Zeichenstift, höchstens, wenn er am Modell korrigiert und Anregungen gibt. Er sieht sich bei VW als jemand, der ?orchestriert?. Er braucht viel Fingerspitzengefühl, um seine nicht minder namhaften Kollegen wie Walter de Silva von Audi oder Peter Schreyer gegenüber dem Vorstand zu vertreten.?Eine unheimlich tolle Mannschaft?, lobt Günak das Team, als sei er auf einer Motivationsveranstaltung. Die Kollegen geben das Lob zurück ? auch in Abwesenheit ihres Chefs. Wegbegleiter attestieren dem Vater von drei Kindern insbesondere ?Team- und Begeisterungsfähigkeit?.Die kann er angesichts der Sparzwänge bei VW gut gebrauchen. ?Kein anderer Bereich entscheidet bei einem so geringen finanziellen Aufwand so stark über Erfolg und Misserfolg?, geht er gleich in die Offensive. Um das zu untermauern, sagt er etwas, was seinen Vorgesetzten weniger gefallen dürfte: ?Wer ein Auto rein rational begründen will, hat keine Chance mehr.?
Dieser Artikel ist erschienen am 07.04.2004