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Der Mann, der immer lächelt

Von Andreas Hoffbauer, Handelsblatt
Vodafone-Chef Arun Sarin lässt sich zum ersten Mal von der Auslandspresse löchern.
LONDON. Kann dieser Mensch eigentlich mal richtig sauer werden? Es ist schwer vorstellbar, dass Arun Sarin, neuer Chef des weltgrößten Mobilfunkunternehmens Vodafone, einen Mitarbeiter zusammenstaucht. Oder laut fluchend auf den Tisch haut, wenn etwas nicht funktioniert. Sarin, in Indien geboren und Top-Manager mit US-Pass, bleibt scheinbar stets ruhig und hat immer ein Lächeln auf den Lippen. Wie ein Markenzeichen.Das strahlt aber nicht nur Höflichkeit aus, Sarin zeigt dabei auch im-mer ein erfrischendes Interesse. Vielleicht ist gerade dies das Geheimnis für seinen Erfolg als Manager. Auf jeden Fall hängt über seinen Auftritten stets der Hauch einer asiatischen Sanftheit. Und so blieb auch der erste Schlagabtausch mit der ausländischen Presse in London ein eher sanftes Geplänkel. Am Ende gab es im Presseclub nahe dem Buckingham-Palast sogar Beifall für den Mann, den man zuvor mit Fragen über seine Produkte und die weltweite Strategie gelöchert hatte.

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Sarin parierte sie alle, wie ein über das Feld federnder Tennisspieler. Mit leiser Stimme und seinem entwaffnenden Lächeln hat er nicht wirklich Neues mitgeteilt. Dass Vodafone Interesse an Cegetel in Frankreich hat, dass man in den USA gerne wachsen will, dass der deutsche Festnetzbetreiber Arcor zum Verkauf steht ? alles bekannt. Ein mögliches Gebot für den französischen Vivendi-Konzern lässt aufhorchen. Doch Sarin hat nichts bestätigt, nur eben auch nichts ausgeschlossen. Er ist schwer zu fassen, dieser Mann, der stets lächelt.Bei ihm wird alles zu Vodafone light! Kam sein Vorgänger, der eher hemdsärmelige Chris Gent, gern in breiten Hosenträgern oder Kaugummi kauend daher, bleibt Sarin, von eher kleiner Gestalt und mit leicht lichtem Haar, die ganze Zeit im perfekten Maßanzug.An diesem Tag hat er sich ein weißes Tuch in die Brusttasche gesteckt, was ihn vielleicht ein bisschen frecher machen soll.Sarin hat Ausdauer. Er rührt nichts von dem Menü an, beantwortet unermüdlich Frage um Frage. Zweimal die Woche läuft er, nun wohl im Hyde Park oder anderswo in London. ?Erst ab 10 Kilometern komme ich so richtig in Fahrt?, sagt der begeisterte Langläufer.In Fahrt kommt Sarin auch, wenn er über neue Technologien spricht. Im Gegensatz zum konservativen Briten Gent, der sich nie für Handytechnik und WLAN-Laptops begeistern konnte, kann Sarin lange über solche Visionen reden. Eine drahtlose Welt, in der man ständig mit seinem Hosentaschen-Computer im Internet auf Highspeed-Kurs ist ? ?Ich fände das wirklich Klasse?, sagt er und lehnt sich entspannt zurück.Der 48-Jährige gilt als einer der besten Kenner der Handybranche. Mit 35 Jahren war er bereits der jüngste Vizepräsident in der amerikanischen Telekomwelt. Als Chef von Air-Touch wird er dann später von der wachsenden neuen Firma Vodafone übernommen. Das hat ihn persönlich sehr reich gemacht, was ihm viele in England übel genommen haben. Als er vor drei Jahren Vodafone verließ, hörte darum auch keiner so recht hin, als Gent ihm nachweinte: ?Aus meiner Sicht wäre Sarin derjenige, der am ehesten mein Nachfolger hätte werden können.? Und genau so kam es.High-Tech-Fan Sarin setzt stark auf neue Entwicklungen. Die 3G-Einführung nennt er den größten Wandel der Branche für die kommenden Jahrzehnte. Im September 2004 will Vodafone diesen Multimedia-Service für den Massenbetrieb anbieten. Ob der für die Kunden nicht viel zu teuer werde, fragt ein Journalist. ?Vielleicht am Anfang, nicht auf lange Sicht?, sagt Sarin.Der Erfolg von ?Vodafone live!? zeige, dass die Menschen die neue Multimedia-Welt wollen. Sarin will bis Ende 2004 den Anteil der Datenübertragung am Vodafone-Gesamtumsatz von 15,5 auf 20 Prozent steigern. Technologische Grenzen gibt es für Sarin nicht. ?Die einzige Grenze sind die Kunden?, sagt er, ?die sagen: Das wollen wir nicht!?Die neue Handy-Welt ist für ihn nicht mehr aufzuhalten. Im Rückblick haben sich alle Prognosen als falsch erwiesen, sagt er. Als er Mitte der achtziger Jahre in die Telekom- Branche ging, habe es gerade eine ganz neue Vorhersage gegeben: Im Jahr 2005 würden fünf Prozent der Bevölkerung ein Handy benutzen. ?Na, das war wohl leicht daneben?, sagt Sarin heute und hebt zum Scherz hilflos die Hände.Die Chancen, dass er diesmal län-ger bei Vodafone bleibt, stehen nicht schlecht, nicht nur wegen des Jahresgehalts in Höhe von 1,7 Millionen Euro. Zweimal hatte Sarin während seiner Karriere einen Job geschmissen, um wieder bei Frau und den zwei Kindern in San Francisco zu leben. Diesmal sind sie aber mit an die Themse gezogen. ?Jetzt bin ich hier?, sagt er. Und lächelt.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.12.2003