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Der Mann, der Eon den Spaß verdirbt

Von Stefanie Müller
José Manuel Entrecanales und sein Baukonzern Acciona waren international bisher nur wenig bekannt. Dies ändert sich nun schlagartig: Der Firmenlenker mischt sich in den Kampf um den Energieversorger Endesa ein. Entrecanales, dessen Familie zu den einflussreichsten des Landes gehört, gab der größten spanischen Bank Santander an diesem Tag den Auftrag, für 32 Euro pro Aktie zehn Prozent des Energiekonzerns Endesa zu erwerben.
MADRID. Der spektakuläre Auftritt passt zu José Manuel Entrecanales. Der 43-jährige Präsident des börsennotierten spanischen Konzerns Acciona hat sich eines der spektakulärsten Gebäude in Madrid ausgesucht, um das neue Logo seiner Firma vorzustellen: das 1880 gebaute, hoch aufragende Kunsthaus Bellas Artes.Um die edlen Eingangssäulen hat Entrecanales rotes Band wickeln lassen, das Blatt im Logo soll für die neue Umweltfreundlichkeit des Konzerns stehen. 24 Millionen Euro kostete das neue Firmenimage, das der Baukonzern vor einem Jahr präsentierte. Für viele Kritiker ist das deutlich zu viel.

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Aber Entrecanales macht das Spektakel im Bellas Artes sichtlich Spaß, er genießt den schönen Schein, lässt den Film über sein immer stärker diversifizierendes umweltfreundliches Unternehmen abfahren, laute Töne schallen durch die sonst stillen Hallen.Der gelernte Volkswirt ist eben auch ein Mann der Show. Und einer, der weiß, wann er was sagen muss ? und was verschweigen. So versicherte er bei der Präsentation des neuen Logos, keine großen Neuerungen einzuführen: ?An der Strategie dieses Familienkonzerns wird sich auch mit dem neuen Look nichts ändern.? Das war vor einem Jahr.Seit Montag fragen sich viele Analysten, ob an diesen Worten noch etwas Wahres dran ist. Entrecanales, dessen Familie zu den einflussreichsten des Landes gehört, gab der größten spanischen Bank Santander an diesem Tag den Auftrag, für 32 Euro pro Aktie zehn Prozent des Energiekonzerns Endesa zu erwerben ? dem Versorger, der mehr als ein Jahr Gegenstand einer Übernahmeschlacht zwischen dem heimischen Konzern Gas Natural und der deutschen Eon ist.Der langjährige Investmentbanker, der seine berufliche Karriere bei Merril Lynch in London startete, trieb damit den Kaufpreis von Endesa, den Eon zuletzt auf 25,40 Euro festgelegt hatte, enorm in die Höhe. Am Dienstag kletterte der Kurs schon deutlich über die 32 Euro.Es ist nicht das erste Mal, dass die Entrecanales große finanzielle Risiken eingehen, um sich die eigenen Taschen zu füllen. Die Familie hat sich besonders im Bausektor als engagierter Käufer einen Namen gemacht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Hinter dem Eingreifen von Acciona vermuten Branchenexperten einen Komplott.José Manuel Entrecanales Großvater, José María Entrecanales Ibarra, war der Gründer der Baufirma Entrecanales y Távora. Sein Vater war fünf Jahre lang Chef bei Acciona, der Firma, die 1997 aus der Fusion des Familienunternehmens mit dem Konkurrenten Cubiertas y MZOV entstand und inzwischen durch viele Übernahmen 4,9 Milliarden Euro Umsatz macht. Kontrolliert wird sie noch immer von der Entrecanales-Familie.Die ist keine unbekannte Größe in der spanischen Wirtschaft ? doch dass sie sich in den Kampf um Endesa einmischen würden, darf als Sensation gewertet werden. Nachdem die spanische Regierung bei den Auflagen für die Endesa-Übernahme durch Eon eingelenkt hatte, schien die Schlacht um den größten spanischen Versorger eigentlich so gut wie beendet: Eon stand als Sieger da.Am Dienstag erntete das Eingreifen von Acciona Applaus von spanischen Nationalisten. Vor allem, weil der Baukonzern nicht ausschließt, mehr als 25 Prozent an Endesa zu übernehmen. ?Für uns ist das gut?, heißt es aus Kreisen von Gas Natural, die hoffen, dass sich noch mehr spanische Investoren der Initiative von Entrecanales anschließen. Auch Endesa freute sich, der Aktienkurs notiert schon über dem Kaufpreis. In Deutschland dagegen wusste niemand so recht, wie das Einschreiten des Baukonzerns nun zu werten ist.Zwar lässt Entrecanales selber auf der Unternehmensinternetseite mitteilen, dass Acciona autonom gehandelt habe, von niemanden überredet wurde und es sich um eine strategische und nicht rein finanzielle Beteiligung handele. Aber er lädt auch andere spanische Investoren ein, es ihm gleich zu tun und sich an der nationalen Kontrolle von Endesa zu beteiligen. Branchenexperten vermuten gar einen Komplott der spanischen Regierung hinter dem Kauf. Premier José Luis Rodríguez Zapatero und Gas Natural hatten nach Medienberichten die Entrecanales bereits im Frühjahr um einen solchen Rettungsakt gebeten. Damals aber sollen sie abgelehnt haben.?Da steckt jetzt das kalte Kalkül des Juniors dahinter. Der spanische Energiemarkt kocht, und er will mitmischen?, glaubt Antonio Fontanini, Chef des Technologieunternehmens IP Sistemas und Teilhaber eines Risikokapitalfonds in Spanien: ?Er ist sehr trocken und berechnend.?Fontanini kennt José Manuel Entrecanales vor allem in seiner zweiten Position ? als Präsidenten von Vodafone Spanien. Denn über Spaniens Grenzen hinaus fiel die Familie im Jahr 2000 zum ersten Mal außerhalb ihrer Stammbranche auf. Damals verkaufte sie ihren Anteil am Mobilfunkanbieter Airtel an Vodafone ? und reservierte sich den Chefposten beim spanischen Ableger. Es war eine brillante Operation auf dem Höhepunkt des Technik-Aktienbooms, die der Unternehmerfamilie 2,3 Milliarden Euro einbrachte. Solche unternehmerischen Erfolge spiegeln sich aber selten im Gesicht Entrecanales wider: ?Man sieht ihn sehr selten lächeln, von Lachen gar nicht zu reden?, berichtet Fontanini.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Entrecanales ist ein ungewöhnlicher Spanier.Im Gegenteil: Auf Fotos zeigt Entrecanales gerne eine geballte Faust. Auch das passt zu ihm: Weil er selber in einem Klima von Zucht und Ordnung groß wurde, schickte er sein erst siebenjähriges Kind auf ein englisches Elite-Internat statt auf eine spanische Privatschule. Der Vater schätzt die angelsächsische Erziehung. Er selber hat lange in London und New York gelebt.Sind die Spanier sonst sehr familienfreundlich und tun alles, um in der Nähe ihrer Lieben zu bleiben, agiert Entrecanales auch als Vaterrolle ungewöhnlich sachlich. Man werde sich halt ein paar Jahre lang nicht sehen. Und bis dahin kann viel Überraschendes passieren, geht es um José Manuel Entrecanales.
José Manuel Entrecanales1963 wird José Manuel Entrecanales im warmen Schutz einer der reichsten und einflussreichsten Familien Spaniens geboren. Später studiert er in Madrid an der Complutense Universität Volkswirtschaft und beginnt seinen ersten Job bei Merril Lynch in London. Von dort wechselt er einige Jahre später nach New York, wo er Mitglied der spanisch-amerikanischen Handelskammer wird und Aufsichtsratsmitglied bei verschiedenen US-Firmen.2000 übernimmt er die Präsidentschaft bei Vodafone Spanien. Die Briten hatten zuvor von den Entrecanales das erste private spanische Mobilfunkunternehmen Airtel gekauft.2002 folgt er seinem Vater an der Spitze des Familienunternehmens Acciona.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.09.2006