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Der Mann, der Boss die Frauen bringt

Von Stefanie Bilen
Wenn Hugo Boss heute gute Halbjahreszahlen liefert, liegt das auch an Chefdesigner Lothar Reiff. Mit der neuen Marke Boss Orange Woman könnte der ganz große Durchbruch gelingen. Die Boss-Kundin will er künftig nämlich deutlich femininer einkleiden.
Chefdesigner Lothar Reiff mit einem Model in Berlin. Foto: Hugo Boss
HB BERLIN. Es soll ein großer Abend werden. Für ihn und seinen Arbeitgeber Hugo Boss, dessen Kreativchef der hoch gewachsene, schlanke Mann mit der runden Brille ist. Reiff will mit aufwendigen Shows in der Berliner Oper seine neuen Entwürfe zeigen und ? als Höhepunkt ? die neue Damenmarke Boss Orange vorstellen.Später am Abend wird der 51-Jährige, sonst ruhig und introvertiert, auf dem Laufsteg die Ovationen der rund tausend Gäste entgegennehmen und sich stolz verneigen vor so prominenten Gästen wie der Schauspielerin Cate Blanchett, dem Rennfahrer Mika Häkkinen oder den Klitschko-Brüdern.

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Der vergangene Freitag könnte ein wichtiger Tag in der Geschichte von Hugo Boss gewesen sein. Denn seit dem Sommer 2000 versuchen die Metzinger ins Geschäft mit der Damenmode zu kommen. Nach der erfolglosen Startphase, die dem Konzern Anlaufverluste von mehr als 50 Millionen Euro brachte, hat die Sparte vergangenes Jahr erstmals eine schwarze Null geschrieben.Wenn das Unternehmen am heutigen Donnerstag seine Halbjahreszahlen bekannt gibt, soll die Damenmode als Cash-Cow glänzen, mit der neuen Marke Boss Orange Woman könnte der ganz große Durchbruch gelingen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mann hinter dem Erfolg ist Designchef ReiffDer Mann hinter dem Erfolg ist Designchef Reiff, ein Eigengewächs und seit fast 30 Jahren im Unternehmen. Wer so lange dabei ist, der weiß, dass der Weg in den Damenmarkt mit reichlich Schlaglöchern bestückt ist. Frauen sind wählerisch, wollen jeden Monat neue Ideen sehen ? und dabei ist die Auswahl unter den Designern groß, viel größer als im Herrenbereich.Der gelernte Textilkaufmann gibt sich dennoch zuversichtlich. ?Wir haben unsere Fehler bei der Damenmode erkannt und sind jetzt auf dem richtigen Weg.? Die schwäbische Herkunft ist seinen Worten leicht anzumerken.Die Boss-Kundin will er künftig deutlich femininer einkleiden, mit fließenden Stoffen und schmeichelnden Schnitten: ?Die Mode soll Sexappeal haben und shiny sein.?Reiff gilt als ausgesprochen stilsicher. Sein ehemaliger Chef, der Vorstandsvorsitzende Werner Baldessarini, bescheinigt ihm ?einen extrem guten Geschmack?.Allerdings hat der Designer kaum Erfahrung mit der Damenmode: Er ist durch und durch Herrenkonfektionär. 25 Jahre hat er sich bei Hugo Boss ausschließlich mit Anzügen, Hemden und Krawatten beschäftigt. Nach der glücklosen Episode der Damenmode-Designerin Grit Seymour und ihren Nachfolgerinnen bei Boss wurde der Kreativvorstand Reiff 2002 auch zum offiziellen Designchef der Damensparte ernannt.Der operativ verantwortliche Designer wirkt seitdem im Verborgenen. ?Wir arbeiten im Team?, begründet Reiff die Entscheidung, keine Einzelpersonen mehr herauszustellen. Die Marke soll kommuniziert werden, nicht aber ein Kreativer, der sich auf Kosten von Boss profilieren und dann das Unternehmen verlassen könnte. Reiff hat aus den Misserfolgen gelernt, würde sie aber am liebsten verschweigen. ?Ich halte nichts davon, heute noch über die Vergangenheit zu sprechen?, sagt er knapp.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Anfangs Identifikationsprobleme mit der weiblichen KlientelGlaubt man ehemaligen Mitarbeitern, hatte Reiff anfangs große Identifikationsprobleme mit der weiblichen Klientel. Er, dessen berufliches Leben sich tagaus tagein um den Mann gedreht hatte, sollte auf einmal den Entwurf von Kleidern und Kostümen mit Schleifen und Volants verantworten. ?Er wollte noch nicht einmal die Kollektionen sehen?, erzählt eine ehemalige Kollegin.Er selbst gibt zu: ?Es war für mich eine große persönliche Herausforderung.? Anfangs habe er sogar seine Frau um Tipps gebeten. Allerdings habe er sich schon lange vor Boss Woman mit der Damenmode beschäftigt. Schließlich hänge beides zusammen, der Geschmack der Frauen beeinflusse die Herren.Nachdem der Kreative Quartal für Quartal die Schelte der Aktionäre und der Fachwelt hinsichtlich der Damenmode einstecken musste, freut er sich nun über die ersten Er-folge. Dabei ist er keiner, der sich in den Vordergrund drängelt. Er spricht ruhig und unaufgeregt, wirkt fast zurückhaltend. Kein typischer Kreativer, weder kompliziert noch exaltiert, merkt eine ehemalige Mitarbeiterin an. ?Ein sehr angenehmer Gesprächspartner, der keine Bugwelle vor sich herschiebt?, fügt Peter Littmann, Mitte der 90er Boss-Vorstandschef des Unternehmens, hinzu.Dazu passt, dass Reiff Sportfan ist, alle großen Ereignisse verfolgt und die Liebe zum Fußball mit seinem Vorstandsvorsitzenden Bruno Sälzer teilt. Reiff selbst joggt, schwimmt und fährt Ski.Lange stand der Kreativdirektor im Schatten des charismatischen Werner Baldessarini, bis dieser 2002 den Vorstand verließ. Seit-dem ist es seine Aufgabe, sämtliche Kollektionen nach außen zu vertreten.Branchenkenner kritisieren, dass Reiff den großen Kommunikator Baldessarini nicht ersetzen kann. Den Kreativvorstand stört das nicht. ?Ich muss nicht jeden Tag im Vordergrund stehen?, schließlich komme es auf die Ergebnisse an. Die will er mit derselben Hartnäckigkeit wie einst Baldessarini erreichen: ?Den Perfektionismus haben wir beide wohl gemeinsam.?Gerade in der schnelllebigen Mode sei es essenziell, jeden Tag dazuzulernen und vieles zu verbessern. Für sich selbst werde aber immer ein Prinzip gelten: ?Don?t try too hard to be special? ? ?Bemühe dich nicht zu sehr, etwas Besonderes zu sein.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Lothar ReiffVita von Lothar Reiff1954 wird er am 12. April in Reutlingen geboren.1977 steigt er nach einer Lehre zum Textilkaufmann beim Herrenschneider Hugo Boss AG ein. Erste Position: Produktmanager und Designer für Hemden.1990 übernimmt er bei Boss das Produktmanagement und die kreative Leitung der Bereiche Accessoires und textile Lizenzen.1992 wird er Kreativdirektor der Marke Boss selbst und damit die rechte Hand des Vorstandsvorsitzenden Werner Baldessarini.2002 steigt er auf in den Vorstand und ist zuständig für die Bereiche Kreation und Lizenzen. Seitdem repräsentiert der verheiratete Vater zweier Kinder die Damen- und die Herrenlinie als Designer nach außen.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.07.2005