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Der Mann, der BenQ Mobile retten soll

Von Joachim Hofer
Mit Insolvenzen kennt sich Martin Prager bestens aus. Schon so manches Unternehmen hat der Rechtsanwalt vor dem finanziellen Aus bewahrt. Nun ist er zum Insolvenzverwalter von BenQ Mobile berufen worden. Doch was er hier vollbringen muss, geht weit über das Normalmaß hinaus.
Martin Prager muss bei BenQ Mobile viele Interessen unter einen Hut bringen. Keine leichte Aufgabe. Foto: dpa
MÜNCHEN. Gerade erst hat ihn das Amtsgericht München als Insolvenzverwalter von BenQ Mobile eingesetzt. Da macht sich Martin Prager schon auf den Weg: Der Jurist ruft am Freitag, den 30. September, gleich eine Hand voll Kollegen zusammen und fährt direkt in die Zentrale des schwer angeschlagenen Handyproduzenten in der Nähe des Münchener Ostbahnhofs. Ein Teil seiner Leute verlässt sofort eine Tagung und rast ins nordrhein-westfälische Kamp-Lintfort. Dort betreibt BenQ Mobile sein einziges Werk in Deutschland.Von null auf hundert in wenigen Minuten ? für Prager ist das Alltag. Wenn Firmen Pleite gehen, dann ist es für einen Insolvenzverwalter immer wichtig, schnell vor Ort zu sein. Sonst könnten wichtige Unterlagen verschwinden oder sogar Anlagen abtransportiert werden. 100 Insolvenzverfahren betreut der 51-Jährige mit der dünnrandigen Brille derzeit ? der Mann hat Routine.

Die besten Jobs von allen

Nicht ganz alltäglich sind aber die Dimensionen bei BenQ Mobile. 3 000 Jobs stehen auf dem Spiel. Und nicht nur das: Es geht um das Überleben des letzten deutschen Handyherstellers. Weil BenQ Mobile bis Herbst vergangenen Jahres noch zu Siemens gehörte, zieht der Fall weite Kreise: Politiker schalten sich ein, Siemens-Chef Klaus Kleinfeld gerät unter Druck, die Gewerkschaften starten Demonstrationen.Prager selbst geht in die Offensive. Nur 24 Stunden nachdem ihn das Gericht zum Insolvenzverwalter gekürt hat, stellt sich der gebürtige Baden-Badener der Presse. Er macht den Betroffenen Mut. Eine Insolvenz müsse ja nicht das Ende eines Unternehmens bedeuten, sagt der Rechtsanwalt. In der Vergangenheit sei schon eine Reihe von insolventen Unternehmen erfolgreich restrukturiert oder verkauft worden. Und er hoffe, dass dies nun auch bei BenQ Mobile gelinge.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Viele Fronten.?Er nimmt das Menschliche immer sehr ernst?, sagt Michael Pluta über Martin Prager. Pluta hat Prager vor einigen Jahren in seine Kanzlei geholt. Die Pluta Rechtsanwalts GmbH ist die Nummer fünf unter den größten deutschen Insolvenzverwaltern. Mittlerweile leitet Prager das Geschäft in Bayern mit Büros in München, Nürnberg und Bayreuth. Gleichzeitig ist er Mitglied der Geschäftsführung des gesamten Unternehmens.Leute, die mit Prager zu tun haben, beschreiben den Kunstliebhaber und verheirateten Vater einer Tochter als offenen, kommunikativen Menschen, der von seinem Job begeistert ist. ?Er hat eine freundliche Art, kann sich aber dennoch gut durchsetzen?, sagt Kanzleigründer Pluta.Prager hat Jura in Freiburg und Genf studiert. Später arbeitet er als Anwalt in der Kanzlei Döser, Amereller, Noack, bevor er für einige Jahre in den Freudenberg-Konzern wechselt. Heute ist der promovierte Jurist Partner der Kanzlei Pluta, die sich ganz auf Insolvenzverwaltung und Betriebsfortführung konzentriert.In den nächsten Tagen wird Prager seine Eloquenz, die ihm von allen Seiten bescheinigt wird, gut gebrauchen können. Denn der schlanke Mann wird an allen Fronten verhandeln. Einerseits muss er die Kunden bei der Stange halten. Denn nur wenn es die Handys von BenQ Mobile weiterhin im Handel zu kaufen gibt, hat die Firma eine Überlebenschance. Andererseits muss der Insolvenzverwalter die völlig unterschiedlichen Interessen der Konzernmutter BenQ, der ehemaligen Eigentümerin Siemens, der Gläubiger und der Beschäftigten unter einen Hut bringen.Aber seine größte und schwierigste Aufgabe ist es, einen Investor zu finden. ?Wir brauchen einen Käufer ? einen Unternehmer, der sich zutraut, das Unternehmen weiterzuführen?, sagt Prager. Viel Zeit bleibt ihm nicht. Nur bis Ende des Jahres reicht das Insolvenzgeld.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.10.2006